Misserfolg für MIM - wissenschaft.de
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Misserfolg für MIM

2006 hätte es endlich so weit sein müssen. Denn schon seit einigen Monaten bieten in Deutschland die Fernsehsender Premiere, Sat1 und Pro7 das gestochen scharfe HDTV-Fernsehen an. „Wenn das HDTV-Fernsehen kommt, dann nur mit unserer Flachbild-Technik“, hatte vor 13 Jahren Ernst Lüder, Elektrotechnik-Professor und damals Leiter des Stuttgarter Labors für Bildschirmtechnik, in bild der wissenschaft behauptet (6/1993, „Schöne Aussicht“).

Der Grund für die Begeisterung war eine neue Technik für Flachbildschirme – die Metall-Isolator-Metall-Technologie (MIM). Doch in den Regalen der Elektromärkte fehlen heute nach wie vor jegliche MIM-Fernseher. Der inzwischen emeritierte Ernst Lüder möchte sich von seinem neuen Wohnsitz in den USA aus nicht zu den alten Projekten äußern. Dafür sei er nicht mehr zuständig, lässt er knapp verlauten. Lothar Rau ist auskunftswilliger: „Wir sind von der Entwicklung des Bildschirmmarkts einfach überholt worden“ , gesteht der Diplom-Ingenieur am Bildschirmtechnik-Lehrstuhl der Universität Stuttgart.

Dabei hatte alles so aussichtsreich geklungen. 1993 waren die Flüssigkristalle gerade dabei, ihr Image als Bildschirm-Geheimtipps mit Kinderkrankheiten abzulegen: Jedes Jahr gab es immer brillantere Prototypen von Liquid-Crystal- Monitoren. Die Stuttgarter Forscher setzten auf Rückprojektion – jene Technik, die Fernsehbilder im Innern des Geräts im Kleinen erzeugt und dann über eine Spiegeloptik auf metergroße Bildschirm-Diagonalen vergrößert: im Prinzip nichts anderes als bewegte Dias. Um Bewegung in die Bilder zu kriegen, ließen die Stuttgarter das Licht vor der Projektion durch einen Mini-Bildschirm aus Flüssigkristallen laufen. Und weil erste Tests vielversprechend waren, setzten die Ingenieure aus Schwaben für das flüssige Dia anstatt auf TFT, die bekannte Thin-Film-Transistor-Technik, auf das neue schicke Kürzel MIM. In zwei großen Projekten, gefördert vom Bundesforschungsministerium und vom Unternehmen Philips, wollten sie MIM anwendungsfit machen.

Ein Grundproblem der Flüssigkristall-Bilder war und ist auch heute – in Laptop-Displays – ihre Lichtausbeute. Bei HDTV setzt sich das Bild immerhin aus mehr als zwei Millionen Bildpunkten pro Farbe zusammen. Um sie anzusteuern, muss an jedem einzelnen Farbpunkt ein mikroskopisch kleines Elektronikbauteil angebracht sein. Das ist nicht nur aufwendig, sondern auch störend. Denn ein Flüssigkristallbild wird stets von hinten beleuchtet, weshalb das elektronische Beiwerk – wie eine Wolke vor der Sonne – die Menge des Lichts, das vorne ankommt, reduziert. Bei TFT-Monitoren, wo jeder der Bildpunkte durch einen eigenen Transistor gesteuert wird, gelangen so nur etwa 30 Prozent des Lichts hinter dem Bildschirm durch die Kristallschichten nach draußen.

MIM schien besser zu sein. Dort genügte zur Steuerung ein kleiner Kondensator, aufgebaut aus einem winzigen Sandwich aus Metallen und Nichtleitern, der der MIM-Technik ihren Namen gab. Das Ergebnis: „Wir hatten 80 statt 30 Prozent Lichtausbeute“, erinnert sich Lothar Rau. Im Rennen auf dem hart umkämpften Bildschirm-Markt wurden die Stuttgarter jedoch bald von Problemen eingeholt: Mit MIM ließen sich nicht, wie gewünscht, die vielen Graustufen darstellen, und auch die Zeilenzahl des Schirms – bei HDTV immerhin 1080 – „war technologisch nicht in den Griff zu kriegen“, so Rau. Kurzum: MIM flackerte und verweigerte weiche Kontraste. Ende der Neunzigerjahre stellten die Stuttgarter und ihre Industriepartner die MIM-Projekte ein. Seither dominiert die TFT-Technik den Markt.

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Grund zum Hadern sieht Lothar Rau dennoch nicht. „Das gehört zur Forschung“, sagt er. Auch ohne den Erfolg seien es interessante Projekte gewesen. Und die Industrie wisse jetzt genau, wie man Flachbildschirme nicht macht. Tobias Beck ■

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