Anzeige
Anzeige
1 Monat GRATIS testen, danach für nur 9,90€/Monat!

Astronomie|Physik Technik|Digitales

Mit Newton wäre das nicht passiert

Laserschwerter werden gezückt. Raumschiffe jaulen durch den Raum. Filme gehorchen den Gesetzen der Dramaturgie, nicht der Physik. Die Phantasiephysik aus den Traumstudios bringt den Realisten auf die Palme und lässt den Kritiker meist kalt. Physikdidaktikern könnte sie wertvolles Anschauungsmaterial liefern, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung am Sonntag (19. Mai) im Wissenschaftsteil.

Filme verderben bekanntlich die Jugend. Der Vorwurf unsittlicher Szenen kann noch so tiefgründige Werke wie Bergmans „Schweigen“ zum Skandal erheben. Unphysikalisches Treiben hingegen wird von fast jedem Kritiker geduldet. Und meistens gar nicht erst bemerkt. Ist das nicht der Skandal? Wer sich echauffiert, dass im Kino vermeintlich falsche Gefühle erzeugt werden, muss der sich nicht erst recht empören, wenn die Regie auch falsche Naturgesetze walten lässt? Gemach. Auch hanebüchene Physik in Filmen kann für die „Pisa“-Pleite nicht verantwortlich sein. Und die Frage, ob in der neuen Episode von George Lucas‘ „Krieg der Sterne“ ein Doppelsternsystem auf seinem Planeten wieder nur einen scharfen Schattenriss erzeugt, scheint für die Zukunft der naturwissenschaftlichen Bildung doch recht unbedeutend.

Es gibt aber Menschen, die um das physikalische Wohl der Jugend ernstlich besorgt sind. Tom Rogers, ein amerikanischer Ingenieur, der in Greenville (South Carolina) Physik unterrichtet, will die Internet-Gemeinde vor „beleidigend dummer Filmphysik“ warnen ( www.intuitor.com/moviephysics). Im Namen des „physikalischen Anstands“ schlägt er ein fünfstufiges Bewertungssystem vor: Ein Film wie „Sieben Jahre Tibet“ erhält die Bestnote GP für „insgesamt gute Physik“. „Titanic“ wird pretty good physics (PGP) mit amüsanten Ungenauigkeiten zugestanden, während Kindern unter 13 Jahren für „Pearl Harbor“ (PGP-13) die aufklärende Begleitung von – physikalisch beschlagenen – Erwachsenen angeraten wird. Physik zum Würgen (RP) verunstaltet nach Rogers‘ Meinung Filme wie „Matrix“ oder „Independence Day“, doch der Bannfluch trifft erst Streifen, die „offensichtlich Physik von einem unbekannten Universum“ zu bieten haben („Armageddon“, „Star Wars Episode I“). Der Kinogänger wendet ein, dass er genau solch fremde Welten sehen möchte: „Notorische Nörgler“ sollten sich doch „erst mal mit der Tagesschau begnügen“, klagt ein „Armageddon“-Fan im Internet. Und tatsächlich eignen sich offensichtlich weltfremde Szenarien am schlechtesten zur ernsthaften Kritik. Wobei noch stets zu fragen ist, ob das Unwahrscheinliche auch immer mit dem niemals Möglichen identisch ist. Alfred Pflug vom Lehrstuhl für Didaktik der Physik in Dortmund hat die Physik von „Star Trek“ einmal untersuchen lassen und kam zu dem Ergebnis, dass ein „Heisenberg-Kompensator“ natürlich Unfug sei, eine „Warp-Geschwindigkeit“ von der Allgemeinen Relativitätstheorie jedoch nicht ausgeschlossen werde.

Sogar Phil Plait, den Lesern der F.A.Z. als „Unser Mann im All“ bekannt, räumt ein, bei seiner astronomischen Filmkritik auf www.badastronomy.com zunächst zu vieles in „Star Wars Episode I“ als unrealistisch verworfen zu haben.

Was aber keine noch so raffinierte Weltraumtechnik überwinden kann, ist das universale Schweigen der Hämmer: Kein Laut ist im Weltall zu vernehmen, auch wenn eine ganze Galaxie aus Todessternen dort „in die Luft“ flöge, wo gar keine Luft vorhanden ist. Schall braucht ein Medium, in dem sich seine Wellen fortpflanzen können. So bleibt das Universum ein lauschiger Platz, dessen akustische Leere aber nach „2001: A Space Odyssey“ kein Weltraumfilm dem Publikum mehr zumuten wollte. Spätestens seit der klassischen Kritik des Science-fiction-Autors Harlan Ellison dürfte dieser Filmfehler auch in Hollywood bekannt sein. Dem Publikum zuliebe, das den großen Knall im All auch hören möchte, wird er jedoch ebenso beständig wiederholt, wie die in Feuerbällen aufgehenden Unfallwagen aus keinem Actionstreifen wegzudenken sind. Und welchen dramaturgischen Gewinn versprächen Laserstrahlen, wenn man sie dem Zuschauer nicht überall sichtbar machte? Nur ein bornierter Realist wird fordern, solche künstlerischen Freiheiten aus dem Kino zu verbannen. Physikdidaktiker sollten vielmehr dankbar sein, dass die Traumfabriken ihnen mit millionenteuren Produktionen unbezahlbares Anschauungsmaterial frei Haus liefern. Es kommt nämlich nicht so sehr darauf an, die Fehler im Film zu vermeiden, als vielmehr darauf, sie zu nutzen. Erkenntnisgewinn mit Erlebniswert müsste die Devise lauten, und Rogers nennt auf seinen Seiten Beispiele für den Einsatz von (physikalisch guten ebenso wie schlechten) Filmsequenzen im Highschool-Unterricht.

Anzeige
Achim Bahnen
Anzeige

Wissensbücher 2022

Anzeige

Videoportal zur deutschen Forschung

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Li|ra  〈f.; –, Li|ren; Mus.〉 mittelalterl. Geige mit nur einer Saite [<grch. lyra; … mehr

Dünn|schicht|chro|ma|to|gra|phie  〈[–kro–] f. 19〉 physikal.–chem. Trennverfahren an einem Trägermaterial mithilfe eines Laufmittels, das die zu trennenden Stoffe unterschiedlich weit auf dem Trägermaterial transportiert; oV Dünnschichtchromatografie … mehr

Stream of Con|scious|ness  〈[strim v knsnıs] m.; – – –; unz.; Lit.〉 (von J. Joyce u. V. Woolf entwickelte) Erzähltechnik, bei der die Gedanken u. Gefühle einer literarischen Figur deutlich gemacht werden, indem der Gedankengang unmittelbar u. ohne zusätzl. Kommentar abgebildet wird [engl., ”Bewusstseinsstrom“]

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]