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Technik|Digitales

Schlüssel und Visitenkarte in der Haut: Wie der menschliche Körper Daten transportieren kann

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Die menschliche Haut könnte bald den Schlüssel beim Auto ersetzen
Die Haut des Körpers kann kleine Mengen an Strom leiten und auf diese Weise Daten übertragen. Damit lassen sich beim Berühren einer Klinke Türen ohne Schlüssel öffnen oder Visitenkarten beim Händeschütteln auf das Handy des Gegenübers senden. Prototypen mit der Technik gibt es bereits. Ein deutsches Unternehmen hofft, in einigen Monaten erste kommerzielle Produkte präsentieren zu können.

1000 Volt auf der Haut – das klingt gefährlich, ist aber nichts Ungewöhnliches für den menschlichen Körper. Denn schon beim Kämmen mit einem Plastikkamm baut sich eine Spannung dieser Größenordnung auf. Erst wenn ein leitender Gegenstand angefasst wird, fließt die geballte Ladung über die Fingerspitzen ab. Ein kurzer, zuckender Schmerz fährt durch den Körper.

Dieses Phänomen macht sich die Firma Ident Technology im bayerischen Wessling zunutze. „Die menschliche Haut ist ein Leiter. Ähnlich wie bei einem Kupferkabel kann man deshalb Signale hindurchsenden“, sagt Stefan Donat, Vorstandsmitglied des Unternehmens. Die Ladungen laufen in Richtung der Hände und können von dort an elektronische Geräte abgegeben werden. „Bei unserer Technik fließen nur einige Nanoampere an Strom. Das ist hundertmal weniger als eine gewöhnliche Quarzuhr automatisch an die Haut abgibt“, beruhigt Donat. Spüren kann man solch winzige Ströme nicht mehr.

Auf diese Weise können Daten von einem Sender zu einem Empfänger via Haut gesendet werden. Beispielsweise lässt sich das eigene Auto über die leitfähige Haut ohne Schlüssel öffnen. Eine elektronische Chipkarte im Portemonnaie oder in der Hosentasche sendet dazu den Öffnungscode. Die Haut leitet ihn weiter und sobald die Hand den Türgriff des Fahrzeugs berührt, wird diese entriegelt. Da die elektronischen Signale auch ein Stück weit durch die Luft übertragen werden können, öffnet sich das Auto im Idealfall sogar schon, wenn die Hand noch wenige Zentimeter vom Griff entfernt ist. Auf die gleiche Weise kann der Motor mit einem Startsignal aus der Haut gestartet werden, sobald die Hände das Lenkrad berühren.

Chipkarte plus Haut statt Schlüssel, das „bringt dem Verbraucher mehr Komfort“, freut sich Donat. „Fast alle deutschen Automobilhersteller testen die von uns entwickelte Skinplex-Technologie zurzeit in mehreren Autos.“

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Der Münchner Elektrotechniker Christoph Rapp dämpft hingegen allzu optimistische Erwartungen: „Bei den Systemen für den schlüssellosen Zugang müssen noch einige Herausforderungen bewältigt werden.“ Rapp ist Professor vom Fachbereich Elektro- und Informationstechnik der Fachhochschule München und befasst sich mit der Skinplex-Technik in Autos. Radio, Klimaanlage und andere Geräte aus dem Fahrzeuginneren senden permanent Störfelder aus. Diese können das Öffnungssignal aus der Haut verrauschen. Mit fataler Folge: Die Tür bleibt verschlossen oder das Auto lässt sich nicht starten. „Wir gehen aber davon aus, dass wir diese Herausforderungen meistern“, erklärt Rapp schließlich. Die menschliche Haut ist das Datenkabel von morgen, davon ist auch er überzeugt.

Unterdessen schmieden die Mitarbeiter der Ident Technology schon neue Pläne. Mit dem Türöffner aus der Haut könnte auch die herkömmliche Zeiterfassung beim Arbeitgeber ersetzt werden. Sobald die Tür des Firmengebäudes sich via Schlüsselcode aus der Haut öffnet, könnte gleichzeitig die Uhrzeit und Mitarbeiterkennung abfangen werden.

Auch andere Forscher haben längst Lunte gerochen. So arbeitet die japanische Firma Nippon Telegraph and Telephone an einer neuen Form des Visitenkartenaustauschs. Beim Händeschütteln werden die Daten vom Handy des einen Gesprächspartners auf das des anderen übertragen. Dazu wird lediglich im Mobiltelefon ein Sender benötigt, der die Adresse über die Haut des Besitzers an die des Gegenübers schickt. Problematisch wird es nur, wenn der Nutzer den Mitmenschen zwar per Handschlag begrüßen, ihm aber nicht gleich die Visitenkarte anvertrauen möchte.

Bei Ident Technology will man die Idee der japanischen Konkurrenz nicht kommentieren und spricht lieber über die eigenen Visionen. Das Handy könnte zum Dreh- und Angelpunkt der Skinplex-Technik werden, haben die Entwickler auch hier erkannt. Ein kleines Messgerät am Körper könnte beispielsweise den Puls überwachen und die Signale via Haut gleich aufs Mobiltelefon schieben. Sollte plötzlich das Herz versagen, ruft das Handy von selbst den Notarzt.

„Das kann älteren Menschen das Leben retten“, unterstreicht Donat. Doch bevor permanent Schlüsselcodes, Herzfrequenzen und Telefonnummern durch den Körper sausen, „muss die Ungefährlichkeit der Technik weiter untersucht werden“, gibt Rapp zu Bedenken. „Nach allem, was wir bisher wissen, droht keine Gefahr, weil die Ströme äußerst gering sind.“

ddp/wissenschaft.de – Susanne Donner
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