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Voll NORMal Geld verDINen

Bürokratie, Regulierungswut, Aktenordner – Normen haben ein schlechtes Image. Dabei sorgen sie nicht nur dafür, dass Schrauben passen, sie erleichtern auch den Alltag. Und sie stärken die deutsche Wirtschaft. Viele der internationalen Standards entstehen beim DIN in Berlin.

Sicher haben Sie schon bemerkt, dass bild der wissenschaft ziemlich aus dem Rahmen fällt. Nicht nur wegen der spannenden und informativen Texte, sondern auch wegen des besonderen Heftformats. Wo sich Konkurrenzblätter am Kiosk mit 29,7 mal 21 Zentimetern in den Vordergrund drängeln, hält sich bdw vornehm zurück – mit einer Seitenhöhe von 28 Zentimetern. Damit entspricht bdw zwar nicht dem A4-Format, das in der Norm DIN EN ISO 216 festgelegt ist, aber Sie kaufen dieses Heft ja auch nicht, weil es ist wie jedes andere. Übrigens: Verklagen können Sie uns deswegen nicht, denn alle Normen sind freiwillige Vereinbarungen.

Wozu dann überhaupt Normen, wenn sich keiner dran halten muss? Weil sie die Wirtschaft ankurbeln: Normen tragen jährlich rund 16 Milliarden Euro zum deutschen Bruttosozialprodukt bei. Würden deutsche M6-Schrauben nicht in chinesische M6-Gewinde passen, würde das die Chancen der betreffenden Firmen auf dem Weltmarkt drastisch mindern. Und würden Unternehmen und Behörden ihre Briefe auf unterschiedlichen Formaten drucken, müsste es auch vielerlei Formate für Briefumschläge und Aktenordner geben – und eigens Leute fürs Sortieren.

Aber: „Die Normung hat ein Imageproblem“, klagt Torsten Bahke, Direktor des Deutschen Instituts für Normung, kurz DIN, wo sich etwa 400 Mitarbeiter um die Standardisierung des Alltags kümmern. Die Gründe liegen auf der Hand: Normung klingt nach Beschränkung, Bürokratie, meterweise Aktenordnern in dunklen Kellerarchiven und Regulierungswut – gegen die sogar Politiker wettern, obwohl sie selbst oft die Urheber sind. Diese Vorurteile sucht Bahke bei jeder Gelegenheit zu entkräften. Erstens: Normen sind keine Gesetze, erklärt der DIN-Chef. Allerdings hat die Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass langfristig nur Marktchancen hat, wer sich an die Standards hält. Zweitens: Der DIN-Verein ist autonom, also vom Gesetzgeber unabhängig, er arbeitet zum Wohl der Wirtschaft. Der Staat ist dabei jedoch ein wichtiger Partner.

Wo sich der Staat direkt in die Normung einmischt, geht der Schuss häufig nach hinten los – zum Beispiel als die EU-Kommission mit dem Versuch scheiterte, Standards für die Sitze von Traktoren im Alleingang durchzudrücken. Daraus folgt drittens: Nicht das DIN denkt sich die Normen aus, sondern „ interessierte Kreise“, zu denen sowohl der Staat als auch die Wirtschaft gehören. Die schlagen Standards vor, wenn sie Bedarf sehen, der DIN-Verein koordiniert nur den Ablauf des Normungsprozesses und sorgt für Dokumentation und Verbreitung der neuen Regeln. „Wenn jemand Kaffeetassen mit innen liegendem Henkel normen wollte, müssten wir uns auch damit beschäftigen“, sagt Bernd Hartlieb, Leiter der Stabsabteilung Technik beim DIN. Die Behörde würde zunächst Unternehmen und Verbände fragen, ob eine solche Norm sinnvoll und gewünscht ist und dann entscheiden, ob der Normungsprozess eingeleitet wird.

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Während bei Industriegütern die Normung seit fast 90 Jahren wie am Schnürchen klappt, gibt es bei Dienstleistungen noch erheblichen Nachholbedarf – zum Beispiel beim E-Government. Immer mehr Gemeinden erlauben die Anmeldung des Wohnsitzes per Internet. Doch weil die Online-Formulare je nach Bundesland verschieden sind, lassen sich die Daten bei einem Umzug nicht zwischen den Meldebehörden austauschen. Hier arbeitet ein Normungsausschuss des DIN an einer einheitlichen Datenschnittstelle.

Nicht immer ist der Nutzen einheitlicher Servicestandards so klar. Auch DIN-Chef Bahke gesteht, dass Normen mitunter etwas seltsam wirken, zum Beispiel DIN 77300, die Norm für Bestattungsunternehmen. Sie bezeichnet einen Sargträger als „ geeignete, qualifizierte Person für das Geleiten des Sarges von Hand oder mittels eines Sargtransportwagens zum Grab und für das Absenken des Sarges in das Grab von Hand oder mittels eines Sargversenkungsautomaten“. Das klingt lustig und überflüssig, ist es aber nicht, wie Bahkes strenge Miene vermuten lässt. Die Norm kam auf Drängen deutscher Bestattungsunternehmer zustande, die sich damit gegen Billigkonkurrenz etwa aus Osteuropa wehren wollen: Dienstleistungsfirmen, bei denen weniger „geeignete, qualifizierte Personen“ beim „Geleiten des Sarges“ nicht so zimperlich sind.

Weil Aufträge zunehmend international ausgeschrieben und vergeben werden und sich hier viele schwarze Schafe tummeln, haben sich Dienstleistungsnormen zu einem wichtigen Betätigungsfeld für das DIN entwickelt. So gibt es heute deutsche Normen für „Schulgebäude – Anforderungen an die Reinigung“ (DIN 77400) oder für „Kosmetik-Dienstleistungen in Parfümerien“ (DIN 77600). Immer wichtiger werden europäische Normen wie DIN EN 12522–1/2, die den Umzug von Möbeln und Hausrat regelt, oder DIN EN 14804 zur Qualitätssicherung von Sprachreisen sowie weltweite Normen wie ISO 22222, die Anforderungen an private Finanzberater festlegt. Wie schon erwähnt: Kein Serviceunternehmen ist gezwungen, solche Normen einzuhalten. Wer aber mit der Norm wirbt, muss für die Einhaltung gerade stehen, andernfalls hat er vor Gericht schlechte Karten. Umgekehrt schafft die Norm dem Hersteller Rechtssicherheit, wenn er sie einhält. Weil Normung eng mit Verbraucherschutz verknüpft ist, unterhält das DIN gute Kontakte zur Stiftung Warentest.

Normen nutzen nicht nur den Verbrauchern, sie sind auch ein wichtiges Instrument in der Wirtschaftspolitik. „Wer den Standard setzt, hat den Markt“, sagt Bahke. Etliche Beispiele geben ihm Recht. Wo deutsche Firmen früh mit Standardisierungsvorschlägen vorgeprescht sind, beherrschen sie heute den Weltmarkt, etwa im Maschinenbau. Das DIN gestaltet in Europa die meisten Normen, 16 Prozent der Sekretariate der International Organization for Standardization (ISO) werden vom DIN geführt – nur die Amerikaner sind noch vernarrter in Normen.

Nicht immer sind die Deutschen Vorreiter. Geschlafen haben sie etwa bei der Nanotechnologie. Dort haben sich die Briten mit der Standardisierung von scheinbar banalen Grundbegriffen in Szene gesetzt – mit der Folge, dass jetzt, wo es um konkrete Technologien geht, nichts ohne sie läuft. Daraus zieht man in Deutschland nun die Konsequenzen: Das Bundeswirtschaftsministerium hat ein Programm aufgelegt, das die Forschung über den Zusammenhang von Normung und Innovation beleuchten und probeweise einige vielversprechende Technologien wie organische Leuchtdioden oder Ultrakurzzeitlaser schon im Forschungsstadium auf ihre Standardisierbarkeit abklopfen soll.

Besonders rigoros gehen die Amerikaner vor. Sie verstehen Standards weniger als Chance, am globalen Wettbewerb teilzuhaben, sondern eher als Abschottung des eigenen Marktes. So versuchten sie, ihre Papierformate international als Standard zu verankern. Zwar hätten deutsche Sekretärinnen weiterhin ihre Korrespondenz auf A4 drucken können, doch deutsche Firmen, die sich auf eine Ausschreibung in den USA bewerben wollen, hätten für ihre Ausschreibungsunterlagen das Format wechseln und höhere Kosten in Kauf nehmen müssen. Der Plan wurde vereitelt. „Langfristig führen Abschottungsversuche immer in die Isolation und schaden der Wirtschaft mehr als sie nützen“, warnt Bahke, insbesondere wenn sich der Rest der Welt auf gemeinsame Standards einigt. Momentan spielt die weltpolitische Lage den deutschen Normenproduzenten in die Hände: Der arabische Kulturkreis versucht US-Standards zu meiden. Und China bedient sich aus dem Fundus der internationalen ISO. 9000 der 19 000 chinesischen Normen sind ISO-Normen, die unverändert übernommen wurden, etwa das metrische System mit Meter, Liter und Kilogramm.

Wer allerdings in aufstrebenden Märkten technologisch weit vorn liegt oder gar einen Markt beherrscht, braucht zunächst keine offiziellen Standards – sein Produkt ist der Standard. Für die Weiterentwicklung von Märkten sind sie jedoch unbedingt erforderlich. Dass immer mehr Standards von einzelnen Unternehmen oder Allianzen am Markt durchgedrückt werden, ist ein Trend, den die DIN-Mitarbeiter aufmerksam beobachten. Bestes Beispiel ist Windows, das als Betriebssystem auf 95 Prozent aller Computer der Welt läuft. Obwohl es dazu keine Norm gibt, klickt alle Welt nach dem Microsoft-Prinzip.

Gerade die Elektronikindustrie mit ihrem atemberaubenden Innovationstempo setzt immer mehr eigene Standards, weil ihr der offizielle Normungsprozess mit bis zu drei Jahren zu lange dauert. Es geht schneller, weil keine Verbraucherschützer angehört werden müssen, was beim regulären Normungsprozess vorgeschrieben ist. Man einigt sich stattdessen auf eine „ öffentlich verfügbare Spezifikation“, die zwar nicht den Status einer Norm hat, später aber bei Bedarf zu einer werden kann. Solche Spezifikationen bieten sich auch an, wenn eine Norm mit dem Gesetz in Konflikt käme. So müssen wegen der Ansteckungsgefahr durch Aids seit 1999 Schutzhandschuhe im Verbandskasten jedes Autos stecken. Einfach DIN 13 164 zu ändern, war aber nicht möglich, da die Norm auch in der Straßenverkehrs-Zulassungsordnung auftaucht und eine Änderung der Norm auch eine Änderung des Gesetzes bedeutet hätte. ■

Bernd Müller war Redakteur bei bild der wissenschaft und ist heute freier Journalist. Sein Schwerpunkt sind Innovationsthemen.

Bernd Müller

Ohne Titel

• Normen tragen in Deutschland jährlich mit rund 16 Milliarden Euro zum Bruttosozialprodukt bei.

• Langfristig haben nur solche Firmen Marktchancen, die sich an Normen halten.

• Neben Industriegütern werden auch immer mehr Dienstleistungen genormt.

Ohne Titel

Jeder kann einen Antrag auf Normung stellen. Meist sind es Unternehmen oder Verbände, die ein Normungsverfahren beantragen. Das DIN recherchiert, wer sonst an einer solchen Norm Interesse hat und setzt den Normungsprozess in Gang, wenn genügend Interesse besteht.

Ein Normungsausschuss wird einberufen, in dem nach DIN 820 die wichtigsten betroffenen Gruppen vertreten sein müssen: neben den Firmen auch Behörden wie Eich- und Prüfinstitute sowie Verbraucherverbände. Derzeit gibt es über 70 Ausschüsse, die sich mit Themen von Armaturen bis Werkstofftechnologie befassen. Der Ausschuss einigt sich auf einen Entwurf, dessen Veröffentlichung im DIN-Anzeiger bekannt gegeben wird. Die Einspruchsfrist beträgt in Deutschland sechs Monate, soll aber verkürzt werden. Bei Euro-Normen sind es zwei Monate.

Nach Anhörung der Einsprüche wird der Entwurf überarbeitet oder, wenn es viele und schwerwiegende Änderungen gibt, ein zweiter Entwurf wird herausgegeben. Dabei gilt der Grundsatz, dass im Ausschuss kein „wesentliches Interesse“ überstimmt werden darf, also zum Beispiel technische Einwände von Prüfinstituten. In strittigen Fällen wird ein Schiedsverfahren eingeleitet. Bringt auch das keine Einigung, tritt die Norm nicht in Kraft. Internationale Normen können auch ohne Konsens durch Mehrheitsbeschluss in Kraft treten.

Die Norm wird vom Beuth-Verlag veröffentlicht, der zum DIN gehört und rund 170 Mitarbeiter beschäftigt. Er verkauft die gedruckten Normblätter zum Preis von 10 Euro (für ein Berichtigungsblatt) bis 250 Euro (für eine neue Norm mit mehreren Hundert Seiten). Damit trägt der Beuth- Verlag zwei Drittel zum 57 Millionen Euro Budget des DIN bei – ein Viertel sind Förderbeiträge der Wirtschaft, der Rest projektbezogene Zuwendungen der öffentlichen Hand. Deshalb dürfen Normschriften nicht kopiert werden, und es gibt sie auch nicht zum Download im Internet. Jeder Interessierte kann die Schriften aber kostenlos einsehen. Dazu sind in Deutschland rund 60 Normenauslegestellen eingerichtet, meist in Uni- oder Fachhochschul-Bibliotheken.

2005 hat das DIN 2484 neue oder überarbeitete Normen veröffentlicht, der gesamte Bestand umfasste zum Jahresende 2005 genau 29 583 Normen. Ältere Normen werden dem Stand der Technik angepasst: Spätestens alle fünf Jahre wird eine Norm überprüft, aktualisiert und abgeschafft, wenn die Wirtschaft sie nicht mehr benötigt.

Die Nummerierung der Normen folgt keiner Systematik, sondern die Nummern werden in der Regel fortlaufend vergeben. Für manche Branchen hat man versucht, Nummernblocks zu reservieren, so beziehen sich 1er-Nummern häufig auf das Bauwesen, 7er auf Dienstleistungen. Doch das ist nicht immer durchgängig, sodass hier nur Experten durchblicken. Nummern von älteren, nicht mehr benutzten Normen werden nicht wieder verwendet.

Ohne Titel

Die erste Norm: DIN 1 (Maße ungehärteter Kegelstifte von 1918)

Die bekannteste Norm: DIN EN ISO 216, früher DIN 476 (regelt Papierformate)

Die klangvollste Norm: DIN 1317 (legt 440 Hertz für den Kammerton a fest)

Die am meisten nachgefragte Norm: DIN 5008 (Schreib- und Gestaltungsregeln für Textverarbeitung. Sie kostet 12 Euro und ist jeder Sekretärin bekannt.)

Die Norm der Norm: DIN 820. Im Wortlaut: „Die Normung ist die planmäßige, durch die interessierten Kreise gemeinschaftlich durchgeführte Vereinheitlichung von materiellen und immateriellen Gegenständen zum Nutzen der Allgemeinheit.“

COMMUNITY Internet

Deutsches Institut für Normung e.V.: www.din.de

Veröffentlichungen zu aktuellen Normen können Sie beim Beuth-Verlag bestellen:

www.beuth.de

Normenauslegestellen in Deutschland: www.beuth.de/php/partner_neu.php?typ =Auslegestelle&firstcall=false&gesamt=true

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