Wenn sich Autos gegenseitig vor Glatteis und Unfällen warnen - wissenschaft.de
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Wenn sich Autos gegenseitig vor Glatteis und Unfällen warnen

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Zusammenstöße zwischen Autos sollen in Zukunft dank eines Kommunikationssystems vermieden werden. Foto: The Weaver, Wikipedia
Ein Funkkommunikationssystem zwischen Autos soll künftig bereits im Voraus über gefährliche Situationen informieren. Vom Glatteis auf der Brücke oder einem Unfall hinter einer Kuppe erfährt der Fahrer dann aus dem Lautsprecher seines Wagens. Dieses Frühwarnsystem soll Crashs und Staus verhindern helfen.

„Mehrere Fahrzeuge sind bei schlechter Sicht auf einen Lkw aufgefahren. Bitte umfahren Sie die Unfallstelle auf der A8 weiträumig“, tönt es aus dem Radio. Geht es nach Hannes Hartenstein, sollte es solche Massenkarambolagen bald nicht mehr geben. Der Informatiker vom Institut für Telematik der Universität Karlsruhe forscht im Projekt „Network on Wheels“ an einer SOS-Funkpost: Sobald ein Auto abrupt bremst oder in einen Unfall verwickelt ist, teilt es dies den nachfolgenden Wagen mit. Diese fordern ihren Fahrer über den Lautsprecher dann zum Bremsen auf.

Sprechende Autos, im Fachjargon Car-to-car-Communication, könnten Leben retten, da ist sich Hartenstein sicher: „Neunzig Prozent der Unfälle ließen sich vermeiden, wenn der Fahrer die Lage richtig eingeschätzt hätte. Die Funkpost kann Informationen liefern, die solchen Fauxpas vorbeugen.“ Daher ist die Fahrzeugkommunikation bei den Herstellern in Europa, den USA und Japan in aller Munde.

Die europäischen Autobauer Fiat, Volkswagen, Daimler Chrysler, Renault und Audi haben sich zu einem Konsortium zusammengeschlossen, um eine einheitliche Technik für den Austausch der Informationen zwischen verschiedenen Fahrzeugen zu entwickeln. Ingenieure tüfteln bereits an fünfhundert sprechenden Prototypen, die ab 2008 im Raum Frankfurt fahren sollen. In einem vierjährigen Feldtest soll die Technik dann beweisen, ob sie tatsächlich die Zahl der Unfälle senken kann.

Pilotstudien mit vier bis sechs Autos gab es bereits auf größeren Parkplätzen. Zu Crashs kam es dort nicht. Die gesammelten Daten wurden zur Simulation einer 15 Kilometer langen Autobahnfahrt mit mehreren sprechenden Wagen herangezogen. „Die Funkfrühwarnung hat dabei im PC mit 99-prozentiger Zuverlässigkeit funktioniert“, berichtet Hartenstein stolz.

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Die Fahrzeuge senden über ihre Antenne einen Funkspruch, der unter anderem ihre geografische Position beinhaltet. Im Abstand weniger Sekundenbruchteile wird diese Information ähnlich dem Feuer eines Leuchtturms erneut abgegeben. Im Umkreis von einigen hundert Metern können alle sprechenden Fahrzeuge die Nachricht über ihre Antenne empfangen. So erfährt jeder von seinem Nachbarn, wo dieser sich befindet. Um weiter entfernte Wagen zu informieren, wird der Funkspruch gleichsam der stillen Post von Auto zu Auto weitergereicht.

Gegenwärtig diskutieren die Experten allerdings rund 15 verschiedene Verfahren, wie die Zustellung der Funkpost erfolgen soll. Wolfgang Effelsberg, Informatiker an der Universität Mannheim, hat mit seinem Mitarbeiter Holger Füßler ein System entwickelt, bei dem immer nur jenes Auto eine Nachricht weiterleitet, das sich am nächsten zum Empfänger befindet. „Dieser Austausch funktioniert gerade bei hohen Geschwindigkeiten von mehr als hundert Kilometern pro Stunde sehr effizient und erreicht höhere Zustellungsraten als alle andere Übertragungstechniken“, schildert Effelsberg.

Während die Forscher noch fieberhaft nach der besten Route für die Funkpost suchen, fallen den Autobauern immer mehr Anwendungen ein: Der Fahrer soll vor den verschiedensten kritischen Situationen gewarnt werden, wenn er diese selbst noch gar nicht erkennen kann: Ist ein Wagen hinter einer Kurve liegengeblieben, erfährt er dies rechtzeitig aus dem Lautsprecher oder über das Navigationssystem. Auch über Unfälle oder Staus könnten die Verkehrsteilnehmer auf diese Weise rasch informiert werden. Das sprechende Auto würde im Idealfall gleich eine Ausweichstrecke vorschlagen. Sogar vor Eis auf Brücken oder vor Aquaplaning könnte die Car-to-car-Kommunikation warnen.

Dafür müsste lediglich das elektronische Signal der durchdrehenden Reifen, das schon heute von der Bordelektronik erfasst wird, in eine Funkbotschaft übersetzt werden. Bei einem Unfall müsste das Signal des explodierenden Airbags oder des sich ruckartig straffenden Gurtes ausgewertet werden.

„Wir sehen die Fahrzeugkommunikation als sehr verheißungsvolle Technik an“, betont Hartenstein. Allerdings sieht er noch technische Hürden: Die metallenen Karosserien reflektieren die Funkwellen, so dass diese sich überlagern und schlimmstenfalls als unverständlicher Datensalat ankommen können. Störungen könnten auch bei Schneefall oder Regen auftreten.

Der Sprecher des Car-to-car-Consortiums Rudolf Mietzner rechnet damit, dass die Technik in sechs bis zehn Jahren in den Neuwagen zu finden sein wird. Damit die Funkpost zuverlässig von Auto zu Auto weitergeleitet wird, müssen mindestens 95 Prozent der Fahrzeuge über eine entsprechende Antenne verfügen. In den Simulationen soll jedoch schon ein Anteil von zwei bis zehn Prozent ausgereicht haben, um die Kommunikation aufrecht zu erhalten. Bis diese Schwelle erreicht ist, erwartet Hartenstein, dass noch keine sicherheitskritischen Unfallinformationen ausgetauscht werden. Vielmehr wird man vermutlich über einen zweiten Frequenzkanal zunächst in erster Linie Tipps und Werbung etwa von Tankstellen oder Restaurants übermitteln.

ddp/wissenschaft.de – Susanne Donner
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♦ Die Buchstabenfolge mi|kr… kann in Fremdwörtern auch mik|r… getrennt werden.

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