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Umwelt

12.000 Jahre menschliche Prägung

Traditionelle Landnutzung förderte oft die Biodiversität, sagen Forscher. (Bild: Erle Ellis)

Schon früh gab es kaum noch unbesiedelte Regionen – der Mensch veränderte die Ökologie der Erde bereits sehr früh, berichten Forscher. Allerdings prägten unsere Vorfahren ihre Umwelt dabei lange auf eine meist nachhaltige Weise, geht aus der Studie hervor. Daraus ergeben sich wichtige Hinweise für verbesserte Konzepte beim Umweltschutz: Anstatt zu versuchen, Ökosysteme in einen ohnehin unerreichbaren Urzustand zurückzuversetzen, sollten traditionell lebende Menschen und ihr Wissen stärker in die Entwicklung von Umweltschutzmaßnahmen einbezogen werden, sagen die Wissenschaftler.

Die heutige Lage scheint klar: Der Mensch hat dem Großteil der terrestrischen Ökosysteme seinen oft problematischen Stempel aufgedrückt. Doch wie hat sich diese Umgestaltung unseres Planeten entwickelt? Mit wenigen Ausnahmen galt die anthropogene Transformation der Natur bisher als eine Entwicklung der Neuzeit und vor allem als ein Produkt des Industriezeitalters. Man ging sogar davon aus, dass bis in die Zeit um 1500 n. Chr. der überwiegende Teil der irdischen Landfläche noch weitgehend unbewohnt und somit ursprünglich war. Auf diesen Annahmen beruhen auch Konzepte im Rahmen des Umweltschutzes, die darauf abzielen, den Faktor Mensch aus bedrohten Ökosystemen möglichst weitgehend zu entfernen.

Von wegen „wilde“ Naturgebiete

Doch das interdisziplinäre Forscherteam um Erle Ellis von der University of Maryland in Baltimore zeigen nun auf, dass es sich dabei um eine fragwürdige Betrachtungsweise handelt. Für die Studie haben sie auf globaler Ebene umfangreiche Informationen aus den Bereichen Archäologie, Ökologie, Anthropologie und Naturschutz zusammengetragen, um ein umfassendes Bild der terrestrischen Landnutzungsgeschichte in den letzten 12.000 Jahren zu entwickeln. Außerdem untersuchten die Forscher, inwieweit die Beeinflussungen durch den Menschen mit den heutigen Merkmalen der Artenvielfalt in verschiedenen Ökosystemen der Erde verbunden sind.

In den Ergebnissen spiegelte sich zunächst wider: „Schon vor 12.000 Jahren waren fast drei Viertel der Landfläche der Erde bewohnt und wurden somit vom Menschen beeinflusst. Von Menschen völlig unberührte Gebiete waren damals bereits fast schon so selten wie heute“, sagt Ellis. Co-Autorin Nicole Boivin vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena ergänzt dazu: „Ein großer Teil der Flächen, die wir heute als ,wild‘ bezeichnen, wurde somit bereits vor Jahrtausenden durch den Menschen geprägt und geformt“. Doch aus den weiteren Ergebnissen des Teams ging hervor: „Nicht alle menschlichen Aktivitäten sind und waren ’schlecht‘. Unsere Studie fand eine enge Korrelation zwischen Gebieten mit hoher Biodiversität und Gebieten, die seit langem von indigenen und traditionellen Völkern bewohnt werden“, sagt Boivin.

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Landnutzung ist nicht unbedingt schlecht

Wie die Forscher erklären, machten die Menschen viele Landschaften zwar durch Brandrodung, Ackerbau sowie Pflanzen- und Tierdomestizierung für sich produktiver. In vielen Fällen trugen diese Eingriffe aber sogar dazu bei, gute Voraussetzungen für eine große Artenvielfalt und hohe Biodiversität zu schaffen, geht aus den Untersuchungsergebnissen hervor. „Das Problem ist nicht die menschliche Nutzung an sich“, stellt Boivin fest. Ihr zufolge ist stattdessen ein konzentrierter Blick auf die wirklichen Ursachen der Schäden wichtig: „Das Problem ist die Art der Landnutzung, die wir in industrialisierten Gesellschaften sehen: Sie ist durch nicht nachhaltige landwirtschaftliche Praktiken und enorme Ausbeutung gekennzeichnet „, so Boivin.

Im Gegensatz dazu zeichnet sich nun durch die Landnutzungsgeschichte in Verbindung mit den aktuellen Merkmalen der Biodiversität ab, wie Natur- und Kulturerbe oft Hand in Hand gehen können. „Für den Naturschutz kann eine engere Zusammenarbeit mit Archäologie und Anthropologie einen deutlichen Mehrwert bieten, indem die Akteure mehr über die Geschichte der Regionen erfahren, in denen sie tätig sind,“ sagt Ellis.

Anstöße für ein Umdenken beim Umweltschutz

Vor allem sehen er und seine Kollegen in den Studienergebnissen nun einen Anstoß zum Umdenken im Umweltschutz, denn die Ergebnisse könnten in grundlegende Konzepte einfließen. „Diese Studie bestätigt in einem bisher nicht gezeigten Ausmaß, dass indigene Völker seit Tausenden von Jahren Ökosysteme oft auf positive Weise bewirtschaftet und beeinflusst haben“, sagt Co-Autor Darren Ranco von der University of Maine in Orono. „Diese Erkenntnisse haben eine besondere Bedeutung für die Rechte und die Selbstbestimmung dieser Menschen.“ Die Forscher plädieren nun dafür, indigene und traditionelle Völker noch stärker in die Entwicklung und den Aufbau nachhaltiger, lokaler Ökosysteme einzubeziehen.

„Bisherige Bemühungen des Naturschutzes fokussierten sich oftmals darauf, den Menschen aus der Gleichung zu entfernen, um natürliche Landschaften zu schützen oder es den vom Menschen veränderten Landschaften zu ermöglichen, in ihren ursprünglichen Zustand zurückzukehren,“ so Boivin. „Wir plädieren jedoch für eine andere Herangehensweise. Wir müssen stattdessen anerkennen, dass insbesondere traditionelle Landbewirtschaftungspraktiken, die wir aus archäologischen Aufzeichnungen kennen und die von vielen indigenen Völkern praktiziert werden, die Biodiversität tatsächlich unterstützen. Das müssen wir fördern und stärken“, sagt die Wissenschaftlerin abschließend.

Quelle: University of Maryland Baltimore County, Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Fachartikel: PNAS, doi: 10.1073/pnas.2023483118

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