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Achtung Kamerafalle!

Menschenaffen
Schimpansen (links), Gorillas (Mitte) und Bonobos (rechts) reagieren unterschiedlich auf Kamerafallen. (Bild: K. Langergraber, M. Robbins, S. Lucchesi)

Fotofallen sind ein gängiges Mittel in der Wildtierforschung – auch weil viele Tiere sich von den Kameras nicht stören lassen. Anders jedoch die Menschenaffen, wie nun eine Studie enthüllt: Vor allem Bonobos und Gorillas bemerken die Kamerafallen und reagieren darauf sowohl mit Neugierde als auch mit Misstrauen. Schimpansen dagegen scheinen sich generell weniger für die merkwürdig fremden Objekte zu interessieren. Diese Erkenntnisse könnten helfen, Verfälschungen von Verhaltensstudien zu vermeiden, sagen die Forscher.

Menschenaffen sind uns in vielem sehr ähnlich: Sie sind neugierig, lernfähig und erkunden ihre Umwelt sehr intensiv. Gorillas, Schimpansen und die mit ihnen eng verwandten Bonobos unterscheiden sich dabei jedoch durchaus. „Experimente in Gefangenschaft zeigen, dass Bonobos fremden Dingen gegenüber negativer reagieren als Schimpansen oder Gorillas“, erklären Ammie Kalan vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Doch ob das auch bei wildlebenden Menschenaffen so ist, war bisher unbekannt.

Reaktion auf Fotofallen im Test

Um Einblicke in diese Frage zu erhalten, haben Kalan und ihr Team nun ein in der Wildtierforschung häufig eingesetztes Hilfsmittel als Studienhelfer genutzt: Fotofallen. Durch die meist an Baumstämmen befestigten Kameras bekommen Biologen wertvolle Einblicke in das Verhalten von Tieren in ihrem natürlichen Lebensraum – aber nur, wenn die Fallen das Verhalten der Tiere nicht beeinflussen. Ob und wie die Menschenaffen auf Fotofallen reagieren, ist jedoch bisher nicht systematisch untersucht worden. Deshalb haben die Forscher nun insgesamt 2078 Videos von Kamerafallen im Territorium von 43 Menschenaffen-Gruppen aus allen drei Arten ausgewertet. „Unser Ziel war es, die Reaktionen von Schimpansen, Bonobos und Gorillas auf unbekannte Objekte in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten“, erklärt Kalan.

Es zeigte sich: Alle drei Menschenaffenarten bemerkten die Kameras und schauten in Richtung des für sie fremden Objekts. Doch die daraufhin erfolgenden Reaktionen waren je nach Art sehr unterschiedlich: „Die Schimpansen interessierten sich generell eher weniger für die Kamerafallen – sie schienen ihre Anwesenheit kaum zu bemerken und fühlten sich im Allgemeinen nicht von ihnen gestört“, sagt Kalan. Deutlich interessierter zeigten sich dagegen die Bonobos und Gorillas: Sie nahmen die Kameras meist deutlich länger ins Visier, wie die Forscher berichten.

(Video: Current Biology)

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Bonobos sind am misstrauischsten

„Besonders überrascht waren wir über die unterschiedlichen Reaktionen, die wir bei Schimpansen und Bonobos beobachtet haben“, berichtet Kalan weiter. „Als nahe verwandte Arten sind sie einander genetisch sehr ähnlich. Wir erwarteten also, dass sie auch ähnlich auf die Kameras reagieren würden – aber das war nicht der Fall.“ Während die Schimpansen eher gleichmütig auf die fremden Objekte reagierten, fühlten sich die Bonobos offenbar von den Kamerafallen gestört: „Sie näherten sich ihnen nur zögerlich oder hielten sich sogar absichtlich von ihnen fern“, so Kalan.

Diese Beobachtungen bestätigen die schon bei Bonobos in Gefangenschaft gemachten: Offenbar stehen diese Menschenaffen allem Neuen misstrauischer Gegenüber als die Schimpansen. Wie die Forscher erklären, könnte dies an der Lebensweise und Sozialstruktur dieser Menschenaffen liegen: Schimpansen leben in sich stärker verändernden Umgebungen und begegnen bei ihren Erkundungsgängen häufigen neuen Eindrücken. Zudem verwenden sie häufiger Werkzeuge und sind daher von Natur aus innovativer, wie Kalan und ihr Team erklären.

Hinzu kommt, dass Schimpansengruppen stärker hierarchisch organisiert sind – die Präsenz eines Anführers verleiht ihnen möglicherweise mehr Sicherheit und macht sie mutiger. Bonobos dagegen haben meist keine definierten Anführer. „Das könnte erklären, warum sie die im Schnitt am stärksten neophobe Art unter den drei Menschenaffen sind“, so die Biologen.

Wichtig für künftige Studien

Allerdings reagierten auch innerhalb einer Art nicht alle Affen gleich: „Jüngere Menschenaffen erforschen die Kamerafallen intensiver, indem sie sie über längere Zeiträume hinweg anstarren“, sagt Kalan. „Wie Menschenkinder nehmen auch junge Menschenaffen viele Informationen auf, um mehr über ihre Umgebung zu erfahren. Ihre Neugier hilft ihnen dabei.“

Unabhängig von diesen Unterschieden scheint jedoch nun klar: Fotofallen haben einen Einfluss auf das Verhalten von Menschenaffen in freier Wildbahn. Das müssen Wissenschaftler künftig berücksichtigen, wenn sie solche Kameras in der Primatenforschung einsetzen. „Wenn wir Beobachtungsdaten sammeln, könnte es durchaus problematisch sein, dass sich das Verhalten der Tiere angesichts der Aufzeichnungsgeräte je nach Art oder Individuum verändert“, sagt Kalan. „Um diesen Effekt einzudämmen, sollte es Vorbereitungsphasen geben, in der sich die Wildtiere an die neuen Objekte gewöhnen können.“

Quelle: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie; Fachartikel: Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2019.02.024

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