Hohe Pestizidrückstände in europäischen Apfelplantagen Äpfel: Lieblingsobst mit giftiger Schattenseite - wissenschaft.de
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Hohe Pestizidrückstände in europäischen Apfelplantagen

Äpfel: Lieblingsobst mit giftiger Schattenseite

Apfelbaum
Der Großteil der Apfelbäume in Europa wird mit Pestiziden gesund gehalten (Foto: mahey/Fotolia)
Der Apfel ist das beliebteste Obst in Europa. Aber seine knackige Frische hat einen hohen Preis: 53 verschiedene Pestizide werden in europäischen Apfelanlagen gespritzt, wie eine neue Studie von Greenpeace zeigt. Ihre Rückstände ließen sich fast überall in Boden und Wasser nachweisen. Sieben der dabei gefundenen Pestizide sind in Europa gar nicht zugelassen.

Der malerische Apfelbaum im Garten oder am Wegesrand ist eher die Ausnahme – längst ist auch die Apfelproduktion durchrationalisiert und auf maximalen Ertrag ausgerichtet. In vielen Regionen Europas werden die fürs leichte Pflücken optimierten niedrigstämmigen Apfelbäume daher in großflächigen Plantagen angebaut. Doch in diesen Monokulturen reagieren die Bäume besonders anfällig auf Krankheiten und Schädlinge.

Gesunde Äpfel nur durch Spritzen?

Also wird gespritzt, und das reichlich: Landwirte im konventionellen Apfelanbau haben in den Jahren 2011 bis 2013 durchschnittlich 32 Mal pro Jahr Gifte gegen Pilzbefall, Insekten und Unkräuter gespritzt, wie die Umweltorganisation Greenpeace berichtet. „Die industrielle Apfelproduktion setzt nach wie vor gefährliche Pestizide ein, die Umwelt und Verbraucher schädigen können“, sagt Dirk Zimmermann, Landwirtschaftsexperte von Greenpeace. „Die Belastung von Äpfeln im Supermarkt liegt zwar meist unterhalb der gesetzlichen Grenzwerte. Doch das reicht nicht. Gefährliche Pestizide gehören auch nicht auf den Acker.“

Wie viele und welche Pestizide in den Apfelanlagen Europas eingesetzt werden und sich daher dort in Böden und Wasser befinden, hat Greenpeace nun in einer Studie untersucht. Dafür nahmen Forscher im Auftrag der Umweltorganisation 36 Wasser- und 49 Bodenproben aus Apfelanlagen in zwölf europäischen Ländern und analysierten sie auf ihren Pestizidgehalt hin. Alle Proben wurden im April entnommen, zur Zeit der Apfelblüte. Sie stellen gewissermaßen einen Schnappschuss der Pestizidbelastung dar, wie es im Report heißt.

Reichlich Pestizid-Rückstände

Das Ergebnis: In den meisten Apfelplantagen waren Böden und Gewässer mit Pestiziden belastet. In 78 Prozent der Bodenproben und 72 Prozent der Wasserproben fanden die Forscher mindestens ein Pestizid. Mehr als die Hälfte der Proben enthielt mehrere verschiedene Giftstoffe, negativer Spitzenreiter waren zwei Proben mit einem Cocktail aus 13 Pestiziden. Am meisten Pestizide fanden die Forscher in den Bodenproben aus Italien und Wasserproben aus Polen. Aber auch in Deutschland waren sieben von zehn Proben mit Giftstoffen belastet. Zwei Bodenproben enthielten hier mehr als sieben verschiedene Insektizide und Fungizide.

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„Diese Ergebnisse zeigen, dass der Einsatz von Pestiziden in Apfelanlagen signifikante Mengen von Rückständen in den Böden und Gewässern hinterlassen kann“, so das Fazit der Studie. Insgesamt ließen sich 53 verschiedene Wirkstoffe nachweisen, darunter besonders häufig das Fungizid Boscalid, DDT und die Insektizide Chlorpyrifos-Ethyl und Chlorantraniliprol. „Alle vier Pestizide haben eine sehr hohe Gesamttoxizität“, heißt es dazu im Report.

Toxisch für Bienen und Wasserorganismen

Nach Angaben von Greenpeace gelten 20 der nachgewiesenen Pestizide als besonders langlebig und lassen sich daher über Jahrzehnte in der Umwelt finden. Das könnte auch erklären, warum DDT und sechs weitere heute in Europa nicht mehr zugelassene Stoffe noch immer in den Proben gefunden wurden. Ihrer negativen Auswirkung auf die Umwelt tut dies jedoch leider keinen Abbruch, im Gegenteil: Kommen hohe Giftigkeit und lange Beständigkeit zusammen, sind diese Substanzen besonders bedenklich, wie der Bericht betont.

Aber auch unter den noch zugelassenen Pestiziden fanden sich reichlich Giftstoffe: Von den 38 in den Wasserproben gefundenen Pestiziden weisen acht eine bekannt sehr hohe Toxizität gegenüber Wasserorganismen auf, so der Bericht. Ein in den Bodenproben gefundenes Pestizid ist für Regenwürmer giftig. Hochgiftig für Bienen waren acht der in den Boden- und Wasserproben gefundenen Pestizide. Während es für die zulässige Belastung von Obst mit Pestiziden meist Grenzwerte gibt, ist dies für Böden und Wasser oft nicht der Fall. Doch von den sechs Stoffen, für die Grenzwerte gelten, waren diese in fünf Fällen überschritten, wie die Analysen ergaben.

Dass und wie es auch ohne Pestizide geht, zeigt eine zweite Studie im Greenpeace-Report. Sie stellt Maßnahmen vor, durch die Schädlinge und Krankheiten auf ökologisch verträgliche Weise bekämpft werden können. Zu diesen gehören unter anderem die biologische Schädlingsbekämpfung durch natürliche Feinde oder Pheromone, eine vielfältige Pflanzenwelt in den Obstanlagen statt einer Monokultur sowie die Wahl besonders robuster Sorten.

Die Greenpeace-Studie „Der bittere Beigeschmack der europäischen Apfelproduktion“ zum Download (PDF)

© natur.de – Nadja Podbregar
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