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Umwelt+Natur

Affen interpretieren Unterhaltungen anderer

Weißbüschelaffe
Weißbüschelaffen sind in Südamerika heimisch. (Bild: neil bowman/ iStock)

Wenn Weißbüschelaffen Tonaufnahmen von Artgenossen hören, können sie offenbar unterscheiden, ob es sich dabei um einzelne Laute oder zusammenhängende Unterhaltungen handelt. Überdies bewerten sie offenbar die Gesprächsinhalte und richten ihr Verhalten danach, wie kooperativ sie Belauschten einschätzen – ähnlich wie wir Menschen. Das zeigten Forscher mit einer Studie, in der sie anhand von Temperaturmessungen auf den emotionalen Zustand der Affen schlossen und ihr Verhalten beobachteten.

Weißbüschelaffen leben in kooperativen Gruppen, in denen sie ihren Nachwuchs gemeinsam aufziehen. Soziale Interaktionen sind also für die kleinen Primaten von entscheidender Bedeutung. Welche Signale nutzen sie, um ihre Artgenossen einzuschätzen? Können sie belauschte Interaktionen anderer Affen verstehen und deuten? Für uns Menschen gehört dies zum Alltag, doch ob auch die mit uns verwandten Primaten dies können, war bislang schwierig zu beantworten. Dies liegt unter anderem daran, dass klassische Verhaltensstudien wenig Aufschluss über die emotionalen Zustände der Tiere geben und ihr Verhalten nur begrenzt erkennen lässt, worauf genau sie reagieren.

Aufregung macht die Nase kalt

Forscher um Rahel Brügger von der Universität Zürich haben nun einen neuen Ansatz gewählt: Während sie Weißbüschelaffen aufgenommene Rufe von Artgenossen vorspielten, maßen sie die Temperatur im Gesicht der Tiere, um Informationen über ihre emotionalen Reaktionen zu gewinnen. Ebenso wie beim Menschen verändert sich bei den Äffchen die Durchblutung der Haut, wenn sie beispielsweise aufgeregt sind. An exponierten Stellen wie der Nase sind diese Veränderungen besonders deutlich und lassen sich mit Hilfe von Thermografie im Infrarotbild aufzeichnen. Als Stimuli spielten die Forscher den Äffchen zum einen Interaktionen zwischen einem um Futter bettelnden Jungtier und einem Erwachsenen vor, der der Bitte des Jungtieres entweder nachkommt oder ablehnende Geräusche macht. Zum anderen spielten sie die Laute jeweils einzeln, ohne Kontext vor.

„Dabei zeigte sich, dass die Reaktion auf die Ruf-Interaktionen deutlich anders ausfiel als die Reaktion auf die Summe entsprechender Einzelrufe“, so Brügger. „Weißbüschelaffen können einen Dialog unter Artgenossen also von einem reinen Monolog unterscheiden.“ Die individuellen Reaktionen auf die Reize unterschieden sich dabei jeweils abhängig davon, ob der zuhörende Affe selbst Nachwuchs hatte oder nur anderen bei der Aufzucht half. Auch das Geschlecht von Zuhörer und Belauschtem spielte eine Rolle.

Eine besonders starke emotionale Reaktion – signalisiert durch einen Temperaturabfall an der Nase – zeigten Weibchen ohne eigenen Nachwuchs, wenn sie Interaktionen zwischen einem männlichen Individuum und einem Affenbaby belauschten. Hörten dagegen Männchen ohne eigenen Nachwuchs isolierte Laute von Weibchen, die Jungtieren Futter anboten, stieg ihre Nasentemperatur an – ein Zeichen für abnehmende Aufregung. Affen mit eigenem Nachwuchs zeigten auf die verschiedenen Stimuli die geringste Reaktion.

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Kooperative Artgenossen bevorzugt

Im nächsten Schritt untersuchten die Forscher, ob die Weißkopfbüschelaffen aus den belauschten Rufen Rückschlüsse auf den Charakter ihrer Artgenossen ziehen und sich entsprechend verhalten. Dazu boten sie den Äffchen nach dem Vorspielen der Tonaufnahmen die Gelegenheit, sich der Geräuschquelle zu nähern. Wie erwartet bevorzugten die Tiere dabei jene vermeintlichen Artgenossen, die zuvor positiv auf den bettelnden Nachwuchs reagiert hatten. „Dies deutet darauf hin, dass die Seidenäffchen nicht nur die stimmlichen Interaktionen ganzheitlich verarbeiteten, sondern diese Informationen auch zur Bewertung der Interaktionen nutzten“, so die Forscher.

Damit die Ergebnisse nicht durch persönliche Beziehungen zwischen den Individuen verzerrt wurden, spielten die Forscher den Äffchen in der Studie Laute von ihnen unbekannten Artgenossen vor. „Insgesamt trägt die Studie zur zunehmenden Evidenz bei, dass viele Tiere nicht nur passive Beobachter von Interaktionen zwischen ihren Artgenossen sind, sondern diese auch für sich selbst interpretieren“, sagt Brüggers Kollegin Judith Burkart. „Zudem zeigen wir in unserer Studie, was die Thermografie als Methode beitragen kann, um aufzudecken, wie der soziale Austausch von nonverbalen Subjekten wahrgenommen wird.“

Quelle: Rahel Brügger (Universität Zürich) et al., Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.abc8790

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