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Umwelt+Natur

Akuter Schwund der Landwirbeltiere

Harlekin-Frosch
Der Harlekin-Forsch (Atelopus varius) gehört zu den Arten am Abgrund. (Bild: Gerardo Ceballos)

Das sechste Massenaussterben ist in vollem Gang: Überall auf der Welt sterben Arten schneller aus, als es dem normalen Artenwechsel der letzten Millionen Jahre entspricht. Wie dramatisch es besonders bei den Landwirbeltieren aussieht, illustriert nun eine neue Studie. Demnach sind im 20. Jahrhundert mehr als 540 Spezies von Landwirbeltieren ausgestorben und von 515 weiteren Arten existieren heute noch weniger als 1000 Exemplare. Diese Tierarten haben seit dem Jahr 1900 mehr als 237.000 ihrer Populationen verloren. Sollten auch die letzten Bestände dieser akut bedrohten Wirbeltiere verloren gehen, könnte dies zudem in ihren Lebensräumen eine ganze Kaskade weiterer Artenverluste nach sich ziehen, warnen die Wissenschaftler.

Im Laufe der Erdgeschichte hat die Natur immer wieder große Massenaussterben durchlebt – ausgelöst von Asteroideneinschlägen wie am Ende der Kreidezeit, Vulkanausbrüchen oder auch Klimaveränderungen. Doch als der Mensch die Bühne der Evolution betrat, kam er in eine Welt, die so artenreich war wie niemals zuvor. „Zwar leben heute nur rund zwei Prozent aller Spezies, die es jemals auf der Erde gab, aber die absolute Zahl der Arten ist heute größer als je zuvor“, erklären Gerardo Ceballos von der Autonomen Nationaluniversität Mexiko und seine Kollegen. Das allerdings ändert sich gerade rapide, weil der Mensch immer stärker in die Lebensräume und Lebensgrundlagen seiner tierischen und pflanzlichen Zeitgenossen eingreift. „Die Aussterberate ist heute hundert- bis tausendmal höher als die Hintergrundrate des Artensterbens in den letzten mehr als zehn Millionen Jahren“, sagen die Forscher. „Jedes Mal, wenn eine Art oder Population verschwindet, erodiert dies in einem gewissen Maße auch die Fähigkeit der Erde, Ökosystemfunktionen aufrechtzuerhalten, denn jede Art ist einzigartig.“

515 Landwirbeltierarten stehen am Rand der Ausrottung

Um herauszufinden, wie schnell das Tempo des Artensterbens heute fortschreitet, haben Ceballos und sein Team am Beispiel der Landwirbeltiere untersucht, wie viele Spezies seit 1900 ausgestorben sind und wie viele am Rand des Aussterbens stehen. Als solches definierten sie Arten, von denen es weltweit nur noch weniger als 1000 Vertreter gibt. Dies entspricht der Individuenzahl, ab der die International Union for Conservation of Nature (IUCN) eine Art in ihrer Roten Liste als „vom Aussterben bedroht“ einstuft. „Wenn die Zahl der Individuen in einer Population oder Art zu weit absinkt, kann sie zu klein werden, um sich noch zu erhalten und zu reproduzieren“, erklären die Forscher. Denn in einer so kleinen Population ist die genetische Vielfalt und auch die Widerstandsfähigkeit gegenüber Störungen stark verringert.

Die Auswertung von rund 29.700 Tierarten ergab, dass im Laufe des 20. Jahrhunderts schon 543 Landwirbeltierarten ausgestorben sind. „Im normalen Verlauf der Evolution hätte es bis zu 10.000 Jahre gedauert, bis so viele Spezies aussterben“, sagen Ceballos und seine Kollegen. Für den Anteil der akut bedrohten Tierarten ermittelten die Forscher eine ähnlich hohe Zahl: „515 Spezies haben nur noch weniger als 1000 verbleibende Individuen – das entspricht 1,7 Prozent der Landwirbeltierarten“, berichten die Forscher. Bei mehr als der Hälfte dieser 515 Arten sei die Zahl der Tiere sogar schon auf unter 250 Exemplare abgesunken. Weitere 388 Landwirbeltierarten haben nur noch weniger als 5000 Exemplare.

Den größten Anteil an den akut bedrohten Spezies haben die Vögel, gefolgt von Amphibien, Säugetieren und Reptilien. Die geografische Verteilung dieser Tierarten am Rand der Ausrottung unterschiedet sich dabei leicht: Zwar findet sich die Mehrheit von ihnen in den tropischen und subtropischen Regionen der Erde. Bei den Vögeln konzentriert sich die Mehrheit aber in Südamerika und Ozeanien, während bei den Säugetieren besonders viele Arten in Asien und Ozeanien bedroht sind, wie die Forscher berichten. Nur ein Prozent dieser 515 Spezies leben in Europa.
(Video: Stanford University)

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237.000 Populationen sind weg

„Die Arten am Rand der Ausrottung haben aber nicht nur drastisch an Individuen verloren, sondern auch an Populationen“, sagen Ceballos und seine Kollegen. Das zeigte sich, als sie exemplarisch die historischen und aktuellen Verbreitungsgebiete von 48 Säugetierarten und 29 Vogelarten unter den 515 Spezies verglichen. Das Ergebnis: „Diese Arten haben seit 1900 95 beziehungsweise 94 Prozent ihrer geografischen Verbreitung verloren“, berichten die Forscher. „Rund 3600 Populationen der untersuchten Säugetierarten und 2930 Populationen der Vogelarten sind verschwunden.“ Rechne man dies für alle 515 akut bedrohten Landwirbeltierarten hoch, dann könnten sie zusammen 237.000 Populationen verloren haben. „Und diese Verluste ereignen sich nicht nur bei obskuren Spezies, die kaum jemanden interessieren. Stattdessen gehören viele Populationen von großen und bekannten Tieren dazu“, betonen die Wissenschaftler. Darunter sind beispielsweise das Sumatra-Nashorn oder die Riesenschildkröten von Espaniola.

Nach Ansicht von Ceballos und seinem Team sind diese Zahlen Grund zur Beunruhigung. Denn wie sie erklären, wird es aller Voraussicht nach nicht bei diesen 515 akut gefährdeten Arten bleiben. Wenn diese aussterben, könnte dies weitere, in ihren Ökosystemen lebenden und ebenfalls schon stark dezimierte Spezies ebenfalls mit in den „Abgrund“ reißen. „Aussterben zieht Aussterben nach sich“, charakterisieren die Forscher diese Kaskade des Verschwindens. „Was wir in den nächsten 20 Jahren tun, um das aktuelle Massenaussterben zu bremsen, könnte daher das Schicksal von Millionen Arten bestimmen“, sagt Ceballos. „Noch ist das möglich, aber das Zeitfenster schließt sich rapide.“ Als Maßnahmen schlagen die Forscher unter anderem vor, ein verbindliches globales Abkommen zu schließen und beispielsweise den Wildtierhandel generell zu verbieten. Der Schutz bedrohter Arten sollte zudem auch auf nationaler Ebene eine höhere Priorität erhalten. „Es liegt an uns zu entscheiden, welche Art von Welt wir den kommenden Generationen hinterlassen wollen – eine nachhaltige oder eine desolate“, sagt Co-Autor Peter Raven vom Missouri Botanical Garden.

Quelle: Gerardo Ceballos (Universidad Nacional Autónoma de México, Mexico City) et al., Proceedings of the National Academy of Sciences, doi: 10.1073/pnas.1922686117

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