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Gottesanbeterinnen

Alien-artige „Dating-App“ entdeckt

Sie wird ihrem Namen erneut gerecht: Bei der bizarren „Alien“-Mantis aus dem Regenwald Perus haben Biologen eine bisher bei Gottesanbeterinnen unbekanntes Organ entdeckt. Die Weibchen stülpen nachts ein Y-förmiges Gebilde am hinteren Rücken aus und bewegen es Tentakel-ähnlich. Wie die Wissenschaftler erklären, verströmt dieses Organ offenbar besonders effektiv Duftstoffe, damit Stenophylla lobivertex auch weit entfernte Männchen zu einem Rendezvous im Dschungel einladen kann.

Die faszinierende Vielfalt der Arten und ihrer oft erstaunlichen Anpassungen versetzt Biologen und Naturfreunde immer wieder in Begeisterung. Besonders viele Möglichkeiten zum Staunen bietet dabei der biologische Reichtum der südamerikanischen Regenwälder. Dies ist auch die Heimat zahlreicher Vertreterinnen einer besonders skurrilen Insektengruppe – der Gottesanbeterinnen (Mantidae). Weltweit gibt es mehr als 2500 Arten dieser Fangschrecken mit teils erstaunlichen Besonderheiten. Trotz ihrer Prominenz sind viele Aspekte der Biologie der Gottesanbeterinnen aber noch unerforscht und es werden auch immer wieder neue Spezies entdeckt.

Die Alien-Mantis im Visier

So betrat auch Stenophylla lobivertex erst im Jahr 2000 die Bühne der Insektenforschung. Wegen ihres selbst für Gottesanbeterinnen besonders skurrilen Aussehens wird die Art aus den Amazonaswäldern Perus auch als Alien- oder Drachenmantis bezeichnet. Mit ihren bizarren Körperstrukturen imitieren die bis zu fünf Zentimeter großen Raubinsekten vertrocknete Blätter, in denen sie auf Beutetiere lauern. Bei dieser Art ist der Biologe Frank Glaw von der Zoologischen Staatssammlung München auf das unerwartete Phänomen gestoßen, über das er nun gemeinsam mit seinem Kollegen Christian Schwarz von der Ruhr-Universität Bochum berichtet.

Zu der Entdeckung kam es im Rahmen von nächtlichen Feldforschungsarbeiten im Urwald von Peru: „Im Schein meiner Taschenlampe sah ich Maden-artigen Gebilde, die hinten aus dem Rücken einer Alien-Mantis herausschauten und sich dann schnell zurückzogen“, sagt Glaw. „Dabei dachte ich sofort an Parasiten, die das Tier von innen her auffressen, denn das passiert bei diesen Insekten gar nicht selten“, so der Biologe. Doch als er und sein Kollege Schwarz das Phänomen bei weiteren Exemplaren in Peru und bei in Gefangenschaft gehaltenen Tieren genauer unter die Lupe nahmen, wurde klar: Es handelt sich um eine bisher unbekannte Form einer Pheromondrüse bei Gottesanbeterinnen.

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Eine aufgepumpte Duftdrüse

Die bisher bekannten Versionen sind unauffällig, doch bei der Alien-Mantis wird die Pheromondrüse durch Körperflüssigkeit zu einer Y-förmigen Struktur aufgepumpt und Tentakel-ähnlich bewegt, zeigten die Untersuchungen. Das vollständig ausgestülpte Organ ist sechs Millimeter lang und einen Millimeter breit. Durch die dünne Membran sind Tracheen zu erkennen und das spezielle Blut des Insekts verleiht dem Gebilde einen grünlich-blauen Schimmer. Die Alien-Mantis-Weibchen nutzen das auffällige Organ nur im Schutz der Dunkelheit und wenn sie ungestört sind, zeigten die Beobachtungen. „Wenn sie beim Wedeln mit den Duftorganen gestört werden, ziehen sie die Pheromondrüsen sofort zurück“, schreiben die Wissenschaftler.

Doch warum hat gerade die Alien-Mantis dieses bizarre System entwickelt? „Wir vermuten, dass Stenophylla lobivertex die Pheromone mit dem ausstülpbaren Organ effizienter und gezielter verströmen kann als andere Gottesanbeterinnen“, sagt Schwarz. „Das kann besonders bei einer so seltenen Art wie dieser – mit geringer Populationsdichte – sehr wichtig sein, damit sich die Geschlechter zuverlässig finden“, erklärt der Insektenforscher. So haben diese Wesen offenbar eine besonders effektive „Dating-App“ entwickelt, um sich im nächtlichen Dschungel zu treffen. Erneut zeigt sich damit, dass in den Regenwäldern Südamerikas nicht nur unzählige neue Arten zu finden sind, sondern auch völlig unbekannte Merkmale und Verhaltensweisen auf ihre Entdeckung warten, sagen die Wissenschaftler.

Quelle: Pensoft Publishers, Fachartikel: Journal of Orthoptera Research, doi: 10.3897/jor.30.55274

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