Ameisen: Cleveres Kalkül beim Straßenbau - wissenschaft.de
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Ameisen: Cleveres Kalkül beim Straßenbau

Ameisen schlagen eine Schneise für ihre Straße. Ein Wald aus Papier-Grashalmen diente als experimentelles Hindernis. (Bild: Felix Oberhauser)

Der Nutzen sollte Aufwand und Kosten überwiegen: An dieser Regel orientieren sich offenbar nicht nur Menschen beim Bau von Straßen, zeigen kuriose Experimente mit Ameisen. In ein aufwändiges Straßenbauprojekt investieren die Krabbler demnach nur, wenn andernfalls ein weiter Umweg für ihren „Verkehr“ entstehen würde.

Sie optimieren die menschliche Mobilität und Betriebsamkeit: Ideale Straßen verbinden dabei „A“ und „B“ auf gerader Linie – doch die Merkmale der Landschaft ermöglichen bekanntlich oft nicht den kürzesten Weg: Hindernisse wie Berge, Gewässer oder Wälder stellen den Straßenbau vor Probleme. Prinzipiell gibt es dabei zwei Lösungsmöglichkeiten: Entweder die Straße wird um das geografische Hindernis herum gebaut oder man überwindet es ohne Umweg durch erhöhten Aufwand – durch den Bau einer Brücke, eines Tunnels oder einer Schneise.

Neben dem Menschen sind auch Ameisen für ihren teils aufwändigen Straßenbau bekannt: Sie konstruieren ebenfalls Straßen durch das gezielte Entfernen von Hindernissen und Vegetation. Analog zum Fällen von Bäumen für eine Trasse durch einen Wald, beseitigen manche Ameisenarten Grashalme beim Bau ihrer Straßen. Solche Verbindungen können etwa vom Nest zu einer Nahrungsquelle führen oder sie ermöglichen ein schnelles Rekrutieren von Verstärkung im Falle eines Territorialkonfliktes mit anderen Ameisenkolonien.

Drumherum laufen oder eine Schneise schlagen?

Vor diesem Hintergrund ist ein deutsch-australisches Forscherteam nun der Frage nachgegangen, ob es eine weitere Parallele zwischen dem Straßenbau bei Mensch und Ameise gibt: Planen die Insekten nach dem Prinzip einer Kosten-Nutzen-Kalkulation? Im Fall des Menschen würde man die Entscheidung für den Bau einer Schneise durch einen Wald etwa davon abhängig machen, wie weit der Umweg um den Wald wäre. Im Rahmen ihrer Studie haben die Wissenschaftler nun Ameisen der australischen Art Iridomyrmex purpureus vor ähnliche Herausforderungen beim Straßenbau gestellt. Sie wollten untersuchen, inwieweit die Insekten den Bau von Schneisen für Straßen von möglichen Alternativrouten abhängig machen.

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Dazu nutzen sie eine künstliche Rasenmatte, die aus Papier-Grashalmen bestand. Dieses Hindernis platzierten sie zwischen den Versuchsnestern und einer Zuckerlösung, zu der sich die Einrichtung eine Staßenverbindung lohnte. Das Gras-Hindernis wurde dabei entweder von einer kurzen Wand flankiert, die die Ameisen leicht umgehen konnten, oder von einer sehr langen Barriere, welche die Ameisen zu einem großen Umweg zwang. Dieser Experimentalaufbau erlaubte es, die kollektive Entscheidungsfähigkeit der Ameisen zu untersuchen, erklären die Wissenschaftler.

Gefühl für das Kosten-Nutzen-Verhältnis

„Wenn Ameisenkolonien in der Lage sind, ihren Straßenbau zu optimieren, sollten sie vor allem dann einen Pfad durch die Papiergräser schneiden, wenn die Alternativroute sehr lang ist“, erklärt der Erstautor Felix Oberhauser von der Universität Regensburg. Und genau dieses Verhalten konnten die Biologen auch tatsächlich nachweisen. Die meisten Ameisenvölker im Test „entschieden“ sich demnach für die Umgehung des Papier-Grashalm-Walds, wenn der Umweg kurz war. Wenn hingegen weite Wege nötig waren, schnitten die Insekten eifrig eine Straße durch das Hindernis, um eine Direktverbindung zu ermöglichen.

Somit zeigen Ameisen ähnliches Kalkül beim Straßenbau wie wir Menschen, resümieren die Wissenschaftler. Dabei bleiben nun allerdings weitere Fragen offen: Woher wissen die Insekten, welche Strategie sich lohnt und wie wird die Entscheidung kommuniziert? „Der nächste Schritt wird nun sein, die Verhaltensmuster auszumachen, die solche Pfade ermöglichen“, sagt Oberhauser.

Quelle: Universität Regensburg, Fachartikel: Journal of Experimental Biology, doi: 10.1242/jeb.205773

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