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Ameisen leisten Erste Hilfe

Eine Matabele-Ameise versorgt die Wunde einer Artgenossin, der im Kampf ein Bein abgebissen wurde. (Foto: Erik T. Frank)
Auch Ameisen kennen das Prinzip der medizinischen Notversorgung: Kommt es im Kampf zu einer Verletzung, ruft das betroffene Insekt um Hilfe. Es wird dann zurück ins Nest getragen und dort intensiv von Artgenossen verarztet. Diese lecken die Wunden minutenlang sauber und desinfizieren sie mit ihrem Speichel – offenbar mit Erfolg. Dank der Behandlung steigen die Überlebenschancen verwundeter Tiere deutlich, wie Forscher beobachtet haben.

Sie züchten Pilze, verfügen über ein perfektes Straßennetz und schlucken Medikamente, wenn sie krank sind: Ameisen gehören zu den einfallsreichsten Lebewesen auf unserem Planeten – und sie sind erstaunlich sozial. Als Superorganismus aus teilweise Millionen von Individuen scheinen die Insekten nach dem Motto „Einer für alle, und alle für Einen“ zu handeln. Das gilt auch für die Matabele-Ameisen. Von den südlich der Sahara verbreiteten Insekten ist beispielsweise bekannt, dass sie sich um verletzte Artgenossen kümmern. Verwundete gibt es bei den Ameisen oft, denn die Insekten ernähren sich von wehrhaften Termiten. Regelmäßig werden sie bei ihren gemeinschaftlichen Beutezügen in Kämpfe mit der Soldatenkaste der Termiten verwickelt. Wird eine Ameise dabei verletzt, ruft sie ihre Kumpanen um Hilfe, indem sie chemische Signalstoffe absondert. Diese tragen sie dann zurück ins Nest, wie Erik Frank von der Universität Würzburg und seine Kollegen erst kürzlich beobachtet haben.

Doch was passiert danach? Was machen die Ameisen mit ihren Verwundeten? Diese Frage haben die Wissenschaftler nun genauer erforscht und Erstaunliches herausgefunden: Verletzte Ameisen werden nach ihrer Rückkehr fachmännisch verarztet. Artgenossen versorgen die durch abgerissene Beine oder sonstige schwere Verletzungen verursachte Wunden, indem sie diese intensiv ablecken. Diese Prozedur kann mitunter einige Minuten in Anspruch nehmen. „Wir glauben, dass die Insekten das machen, um die Wunden zu reinigen“, sagt Frank. „Womöglich verteilen sie mit ihrem Speichel sogar antimikrobielle Substanzen, um das Risiko einer Infektion zu reduzieren.“ Diese Form der Ersten Hilfe ist offenbar sehr effektiv. Dank der Versorgung erliegen nur rund zehn Prozent der geretteten Ameisen ihren Verletzungen. Ohne eine solche Behandlung sind es 80 Prozent, wie das Team berichtet.

Aufwand lohnt sich

Erstmals haben die Forscher damit bei Insekten ein medizinisches Helferverhalten gegenüber Verletzten nachgewiesen. Aber warum betreiben die Tiere diesen Aufwand? Offenbar zahlen sich die Mühen für die Gesamtbilanz der Kolonie aus. Denn wer sich von einer Verletzung erholt, kann bei künftigen Raubzügen wieder dabei sein. Besteht dagegen keine Aussicht auf Genesung, sparen sich die Ameisen die aufwändige Rettungsaktion, wie Frank und seine Kollegen beobachteten. Das Überraschende dabei: Nicht die Helfer entscheiden, wer versorgt wird und wer nicht. Diese Entscheidung treffen die Verletzten selbst: Während leicht verwundete Insekten stillhalten und ihre Beinchen anziehen, um den Krankentransport zu erleichtern, wehren sich schlimm Verletzte aktiv gegen die Hilfe. Tiere, die im Kampf zum Beispiel fünf oder sechs Beine verloren haben, zappeln wild und winden sich. „Diese Tiere kooperieren einfach nicht mit den Helfern und werden daher zurückgelassen“, erklärt Frank. Auf diese Weise stellen die hoffnungslosen Fälle selbst sicher, dass keine Energie in ihre Rettung investiert wird.

Die neuen Erkenntnisse offenbaren wieder einmal, welch faszinierende Sozialstrukturen Ameisen entwickelt haben. Und sie führen zu neuen Fragen: Wie erkennen die Insekten, wo ein Artgenosse verletzt ist? Woher wissen sie, wann sie die medizinische Versorgung beenden können? Und wirkt ihre Behandlung nur präventiv oder auch, wenn sich bereits eine Infektion gebildet hat? All das wollen die Wissenschaftler in Zukunft weiter erforschen.

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Quelle:

© wissenschaft.de – Daniela Albat
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