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Umwelt+Natur

Anakonda

Sie ist die größte Schlange der Welt – und die geheimnisvollste. Nur wenige Forscher haben sich bisher in ihre Nähe gewagt. Jesus Rivas tritt ihr sogar barfuß entgegen.

Wer den Kampf begonnen hatte, konnten die Forscher nicht mehr herausfinden. Jetzt sah es jedenfalls für keinen der beiden Gegner gut aus. Der knapp einen Meter lange Kaiman hatte die Anakonda mit seinem Maul am Vorderkörper gepackt – dafür hatte sich die zweieinhalb Meter lange Schlange so geschickt um seinen Oberkörper und seine Hinterbeine gewickelt, dass sie das Krokodil wie ein U zusammenbiegen konnte. Immer wieder zog die Anakonda den Ring enger und drückte den Kaiman bis zu 15 Minuten unter Wasser.

Der versuchte im Gegenzug, sich und die Schlange aufs Trockene zu werfen. Ohne Erfolg. Fünf Stunden lang beobachteten die Forscher den Kampf. Dann verschwanden die beiden Tiere unter den Wasserhyazinthen, ohne wieder aufzutauchen. In dieser Zeit schien die Anakonda ihre Kraft verloren zu haben. Dem Kaiman gelang der tödliche Biss in den Kopf, wie der tote Schlangenkörper später verriet. Die Forscher sahen bald darauf einen Kaiman den Sumpf verlassen und fanden die Schlange verendet vor.

Solche spektakulären Kämpfe sind selbst für einen erfahrenen Freilandforscher etwas Besonderes. Seit 16 Jahren zieht der gebürtige Venezolaner Jesus Rivas, der heute in den USA lehrt, mit seinen Studenten und Freiwilligen in die Wildnis seines Heimatlandes. Niemand kennt die Anakondas besser als er. Als Rivas 1992 mit seinen Erkundungen begann, wusste man fast nichts über die Riesenschlangen. Fakten ermitteln war darum erste Priorität. Über 1000 Tiere hat Rivas inzwischen untersucht – ein gefährliches Unterfangen, denn die meterlangen Muskelpakete können einen Menschen problemlos töten. Rivas hat seine eigene Methode entwickelt, um die Tiere zu fangen. Die wichtigsten Teile seiner Sicherheitsausrüstung sind Baumwollsocken und Klebebänder.

EINE SOCKE ÜBER DEM KOPF

Der erste Schritt ist der schwierigste. Der Forscher muss die Schlange so überraschen, dass er ihre Schnauze mit der Hand zusammendrücken kann. Dann zieht er ihr eine Socke über den Kopf, klebt diese rasch hinter dem Kiefer mit Band fest, damit sie nicht wegrutschen kann, und umwickelt dann die Schnauze mit dem Klebeband. In diesem Zustand wird die Anakonda sehr ruhig und lässt alles über sich ergehen: Anschauen, Abtasten, Wiegen, Messen, Blutabnehmen, Parasiten entfernen …

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Die Heimat der Großen Anakonda in Venezuela sind die Llanos, Landschaften mit extremen Gegensätzen. Sie sind ein Teil des Jahres fruchtbares Weideland. Während der Regenzeit, in der es etwa 1600 Millimeter Niederschlag gibt, verwandeln sich die Weiden in Sümpfe und flache Seen. Zwischen Januar und April fallen die Llanos trocken. Nun ähneln sie einer Wüste. Es herrschen Temperaturen über 50 Grad Celsius. Für die Anakondas bedeutet dies Fastenzeit. Sie kriechen in die letzten verbliebenen Wassertümpel. Schließlich vergraben sie sich in Schlammlöchern und warten auf die Rückkehr des Regens. Denn an Feuchtgebiete sind sie angepasst – Wasserlandschaften zwischen Paraguay und Mittelamerika sind ihr ursprünglicher Lebensraum.

Die Große oder auch Grüne Anakonda (Eunectes murinus) ist die längste Schlange der Welt. Die Weibchen können in ganzjährig überschwemmten Gebieten mit reichlich Beute über 6 Meter lang und über 100 Kilogramm schwer werden. Diese Größe erreicht keine der drei anderen derzeit bekannten Anakonda-Arten. Nur die Netzpython (Python reticulatus) kann ähnlich lang, aber nie so schwer werden. Das große Gewicht ist an Land ein Hindernis bei der Jagd. Im Wasser bewegen sich die Riesen dagegen schnell und elegant.

Augen und Nasenlöcher liegen bei ihnen oben auf dem Kopf und damit höher als bei anderen Schlangen. Bei der Jagd ragen sie aus dem Wasser. Die Schlangen sehen nicht besonders scharf. Stattdessen haben sie Sinnesorgane, über die Menschen nicht verfügen. Anakondas können nach Rivas‘ Beobachtungen ausgezeichnet Wärme orten. Einmal kroch eine Schlange, die er bei kühler Witterung in die Wildnis entlassen wollte, prompt zu seinem Geländewagen zurück und wälzte sich auf die warme Motorhaube. Wie sie die Wärmequelle auf Anhieb finden konnte, ist ein Rätsel.

Boas und Pythons, nahe Verwandte der Anakondas, haben sogenannte Labialgruben auf den Ober- und Unterlippen – hochsensible Infrarot-Sichtgeräte, mit denen die Tiere noch Temperaturunterschiede von 0,025 Grad Celsius unterscheiden können. Dieser Sinn hilft ihnen bei der Jagd auf warmblütige Tiere, vor allem nachts. Anakondas besitzen dagegen keine Labialgruben. Wo ihr Wärmefühler sitzt, ist unbekannt.

Zu den wichtigsten Orientierungsorganen der Anakondas gehört die gespaltene Zunge. Beim schlangentypischen Züngeln nehmen die Tiere Duftstoffe auf und führen sie zum „Jacobson-Organ“ im Gaumendach. Das sind zwei kleine Gruben, in denen die Duftspuren analysiert werden. So weiß die Schlange, ob sich Beutetiere oder potenzielle Geschlechtspartner in der Nähe befinden. Da die Zunge die Geruchspartikel an zwei voneinander entfernten Punkten aufspürt, kann die Schlange auch erkennen, aus welcher Richtung der Geruch gekommen ist.

„Wichtige Informationen nehmen die Anakondas mit ihrem ganzen Körper auf“, sagt Jesus Rivas. Sie können zwar nicht hören, weil ihnen das Außenohr fehlt, aber über ihr Innenohr können sie langwellige Töne analysieren, die der Körper aufnimmt. Rivas: „ Das sind vor allem Vibrationen von Beutetieren oder Angreifern. Außerdem haben die Tiere eine sehr sensible Haut.“ Mit ihr spüren sie selbst feine Bewegungen im Wasser.

40 SCHLANGENKINDER IN EINEM WURF

Als Wasserbewohner legen die Anakondas keine Eier wie die meisten landbewohnenden Schlangen, sondern bringen ihre Jungen lebend zur Welt: 20 bis 40 etwa 70 Zentimeter lange Schlangenkinder auf einmal. Der Nachwuchs ist allein lebensfähig. Trotzdem räumt die Mutter sorgfältig auf: Sie frisst alle Fötalhüllen und Geburtsreste, um keine Spuren zu hinterlassen. Junge Anakondas haben viele Feinde, vor allem Vögel. Doch mit zunehmender Körpergröße wird ihr Leben sicherer. Für eine gesunde große Anakonda sind nur Raubkatzen und Krokodile gefährlich – und natürlich der Mensch.

Früher wurden pro Jahr Zehntausende Häute der Riesenschlangen exportiert. Doch seit die Tiere unter das Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) fallen, sind die Bestände nicht mehr akut bedroht. Gefahr droht, wenn Menschen den Lebensraum der Schlangen übernehmen. Wie vor einigen Jahren im Süden Paraguays: Damals sollten die riesigen Feuchtgebiete des Pantanal trockengelegt werden, um Agrarflächen zu schaffen. Die Pläne wurden inzwischen aufgegeben. Ein Glücksfall für die Schlangen: „ Denn wo es Menschen gibt, gibt es keine Anakondas“, sagt Rivas.

Anakondas gelten als Menschenfresser. Ob sie das wirklich sind, ist nicht sicher. Rein technisch ist es für eine Anakonda kein Problem, einen Menschen zu verschlingen. Ihr Beutespektrum ist sehr groß, und sie macht gezielt Jagd auf Primaten – etwa Schnurrbart-Tamarine, Affen mit auffälligen weißen Schnurrbärten. Auch die Masse eines Menschen kann sie bewältigen, denn zu ihrer natürlichen Beute gehören Wasserschweine, die bis zu 50 Kilo wiegen und damit die größten Nagetiere der Welt sind. Kinder und Jugendliche passen am besten ins Beutespektrum der Anakonda und werden auch vereinzelt von den Schlangen angegriffen. Im Februar dieses Jahres rettete der Brasilianer Joaquim Pereira seinen achtjährigen Enkel. Eine etwa fünf Meter große Anakonda habe den Jungen beim Spielen am Bach angegriffen, ihn gebissen und sich um ihn gewickelt, berichtet der Großvater. Er habe das Tier mit Knüppelschlägen vertrieben. Der Junge kam mit Bisswunden und Prellungen davon. Tote gibt es nur sehr selten. Opfer sind meist Menschen, die Riesenschlangen als Haustiere halten und vergessen, dass sie keine Kuscheltiere sind. In der Natur hat es bisher nur wenige erwiesene Todesfälle gegeben. Zwei Mitarbeiter von Rivas wurden während der Untersuchungen von Anakondas angegriffen und wären wahrscheinlich getötet worden, wenn ihre Kollegen nicht eingegriffen hätten. Um ihre Beute umzubringen, benutzen die Riesenschlangen nur die Kraft ihrer Muskeln. Sie haben keine Giftzähne, trotzdem leiten sie ihren Angriff mit einem Biss ein. Sobald sie die Beute gepackt haben, wickeln sie sich mehrfach um den Brustkorb und drücken zu. Bei jedem Ausatmen ihres Opfers ziehen sie den Ring etwas fester zusammen, bis es erstickt ist. Säugetiere sterben dabei in wenigen Minuten. Bei wechselwarmen Tieren wie Kaimanen, die einen geringeren Sauerstoffverbrauch haben als Säuger und deshalb seltener atmen, kann der Todeskampf mehrere Stunden dauern.

Anschließend verleibt sich die Schlange ihre Beute vom Kopf her ein, damit Haare, Stacheln oder Extremitäten gut anliegen und beim Verschlucken nicht sperren. Die Schlangen haben dabei ein Problem: Wie ernähre ich einen Riesenkörper über ein vergleichsweise kleines Maul? Die Lösung liegt in einigen anatomischen Besonderheiten des Kiefers. Beim Menschen und den meisten anderen Wirbeltieren verwachsen im Laufe der Embryonalentwicklung die Unterkieferhälften vorne zu einer festen Knochenverbindung. Bei Schlangen wird diese Verbindung nie geschlossen, sondern nur über elastische Bänder gehalten. Außerdem hat jede Unterkieferhälfte ein Gelenk in der Mitte und kann sich so der Form eines Beutetieres anpassen. Und sie ist nicht starr mit dem Schädel verbunden, sondern frei schwingend aufgehängt. Zusammen mit den ebenfalls recht flexibel befestigten Oberkieferknochen besitzt das Schlangenmaul so eine unglaubliche Flexibilität. Nach dem Verschlingen einer Riesenbeute muss eine Anakonda mehrfach „gähnen“, damit alle Bestandteile ihres Schädels wieder in die richtige Position rutschen.

Im Oberkiefer haben Riesenschlangen vier Zahnbögen – links und rechts je einen inneren und einen äußeren. Sie können unabhängig voneinander bewegt werden. Die Schlange packt die Beute mit dem rechten äußeren Bogen und zieht sie in ihren Schlund, während der linke nach vorne gleitet. Dann packt der linke die Beute und der rechte gleitet nach vorne. Die inneren Zahnbögen arbeiten im selben Rhythmus und schieben die Nahrung in Richtung Speiseröhre. Von außen sieht es aus, als ob die Schlange über ihre Beute glitte. Mit ihren ungewöhnlichen Kiefern können Riesenschlangen sogar Stachelschweine, Antilopen mit Hörnern und Hirsche mit Geweih verspeisen. Allerdings passieren auch Unfälle, bei denen die tote Beute ihren Jäger von innen aufsticht und manchmal sogar tötet.

Ein Riesenhaufen Fleisch

Nicht nur die spitzen Enden ihrer Opfer stellen Anakonda und Co vor große Probleme. Auch die riesige Fleischmenge ist schwer zu bewältigen. Manchmal liegen Monate zwischen den Mahlzeiten, die dann so groß sein können, wie die Schlange schwer ist. Für einen regelmäßigen Esser wie einen Menschen oder eine Kuh lohnt es sich, alle mit Verdauung und Stoffwechsel beschäftigten Organe permanent betriebsbereit zu halten. Für eine Riesenschlange wäre das Verschwendung. Sie baut ihre Organe für die Mahlzeit auf – und nach dem großen Fressen wieder ab.

Sichtbar gemacht hat das der Jenaer Zoologe Matthias Starck, der heute an der Universität München lehrt. Er führte seine Untersuchungen an Tigerpythons durch, doch Rivas ist überzeugt, dass die Ergebnisse ähnlich auch für Anakondas gelten. Starck gab seinen Pythons nur alle drei Monate ein Kaninchen zu fressen und beobachtete dann mit einem hochauflösenden Ultraschallgerät, was im Inneren der Schlange passierte. Sobald die Beute im Schlund hinabzurutschen beginnt, baut die Schlange ihren Körper um. „Es ist, als ob einer in den Schlangenleib hineinruft: Hallo da unten! Hier kommt ein Riesenhaufen Fleisch! Macht euch auf harte Arbeit gefasst!“ So beschreibt es der Physiologe Jared Diamond, der mit seinem Kollegen Stephen Secor bereits in den frühen Neunzigerjahren an der University of California in Los Angeles Riesenschlangen erforschte.

Während die Beute langsam von Magensäure zersetzt wird, werden Stoffwechsel-Gene eingeschaltet und Enzyme sowie Eiweiße zum Gewebeaufbau in Massen produziert. Die Durchblutung steigt, Lymphe wird in die Darmzotten gepumpt und bläst sie auf das Dreifache ihres Volumens auf. Die Darmzellen verlängern die fädigen Mikrovilli, die die Nährstoffe aus dem Darmbrei herausfiltern. Leber, Nieren und sogar das Herz wachsen. 100 Prozent Wachstum bei den Nieren stellten Diamond und Secor fest. 40 Prozent Massenzuwachs am Herzen, und das innerhalb von 48 Stunden, maß vor Kurzem das Team des Biologen James Hicks an der University of California in Irvine an einer Tigerpython. Um diese Extremleistungen zu vollbringen, braucht die Schlange Unmengen von Sauerstoff. Der Verbrauch steigt um unglaubliche 3600 Prozent bei einer Python, die 65 Prozent ihres Körpergewichts gefressen hat. Kaum ein anderes Tier vermag dies. Auch Windhunde und Rennpferde können ihren Stoffwechsel extrem hochtreiben, aber nur für wenige Minuten. Riesenschlangen schaffen es für mehrere Tage.

NACH DEM FRESSEN SCHRUMPFT DAS HERZ

Entsprechend ist der Energieverbrauch. Zwischen einem Drittel und der Hälfte der Kalorien ihrer Mahlzeit benötigt eine Riesenschlange, um diese zu verdauen. Beim Dauerverdauer Mensch ist es weniger als ein Zehntel. Für Stoffwechselphysiologen besonders faszinierend: Nach der Riesenmahlzeit schrumpfen die Organe, sogar das Herz wird zurückgebaut. In diesem Wartezustand verbleiben die Organe bis zur nächsten Mahlzeit. Beim Menschen sind Organrückbildungen (Atrophien), die durch Fasten oder Krankheiten ausgelöst werden können, kaum reversibel. Die Physiologen wollen nun herausfinden, wie Schlangen den Wiederaufbau schaffen, um Therapien für Menschen mit Atrophien von Herz oder Muskeln zu entwickeln.

Auch beim Sex stehen Anakondas aufs Extreme. Die Weibchen werden mehr als doppelt so lang und viermal so schwer wie die Männchen. Zur Paarungszeit verströmen die Schlangendamen einen so betörenden Duft, dass die Männchen von überall herbeikriechen. Dann vollführen die Tiere einen der bizarrsten Hochzeitstänze im Tierreich, wie Jesus Rivas beobachtet hat. Sie bilden einen „ Mating Ball“, einen Hochzeitsball. Dutzende der kleinen Männchen umschlingen tagelang das große Weibchen. Wie die Schlangendame schließlich ihre Wahl trifft, ist unklar. „Manche Forscher meinen, sie würde sich nach Geruch oder Aussehen entscheiden“, sagt Rivas. „Aber das glaube ich nicht. Augen und Nase sind im Mating Ball immer von den Männchen abgewandt. Ich vermute, sie trifft ihre Wahl mit Hilfe ihrer sehr sensiblen Haut.“

TÖDLICHE HOCHZEIT

Schlangen paaren sich, indem sie ihre Kloaken aneinander drücken, wie die gemeinsame Körperöffnung für Darm und Geschlechtsorgane bei Reptilien bezeichnet wird. Das Sperma übertragen die Männchen mit einem ihrer beiden „Hemi-Penisse“. Dabei kommt noch eine weitere anatomische Besonderheit zum Einsatz: Neben den Hemi-Penissen sitzen Reste von Becken- und Oberschenkelknochen. Im Laufe der Evolution haben andere Schlangenfamilien die für Schlängeltiere überflüssigen Knochen völlig verloren. Nicht so die Riesenschlangen-Herren: Sie kraulen mit diesen sogenannten Afterspornen die Geschlechtsorgane ihrer Partnerinnen – um sie zu stimulieren, wie der Berliner Anakonda-Experte Lutz Dirksen vermutet. Für die Männchen endet das Spiel gelegentlich tödlich. Denn für die Weibchen der Großen Anakonda beginnt mit der Paarung eine siebenmonatige Fastenzeit. Während der Trächtigkeit jagen die Tiere nicht, wie Rivas herausfand. Und manche Weibchen scheinen sich auf die Fresspause vorzubereiten, indem sie ihren Sexpartner nach der Paarung kurzerhand verspeisen. ■

THOMAS WILLKE, bdw-Korrespondent in Lübeck, war bei seinen Anakonda-Recherchen schwer beeindruckt vom phänomenalen Stoffwechsel der Riesenschlangen.

von Thomas Willke

DIE GRÖSSTE SCHLANGE DER WELT

Die Großen Anakondas provozieren Mythen. Sie sind eindeutig die längsten und massigsten Schlangen auf der Erde. Je nach Region können sie über 6 Meter lang, 30 Zentimeter dick und 100 Kilogramm schwer werden. Doch das reicht manchen Menschen nicht. Immer wieder tauchen Berichte von über 10 Meter langen und 500 Kilogramm schweren Tieren auf. Die Anakonda-Forscher Lutz Dirksen und Jesus Rivas sind diesen Gerüchten nachgegangen. Dabei haben sie erstaunliche Phänomene in der menschlichen Wahrnehmung entdeckt. Rivas: „Schlangen wachsen besonders im Kopf. Je mehr Angst jemand hat, umso größer ist die Anakonda. Aber auch bei ernsthaften Messungen hängt die Größe stark von der Methode ab.“ Riesenschlangen sind sehr dehnfähig. Wenn man sie lang ausstreckt und auf ihnen herumdrückt, werden sie länger. „Das sagt natürlich nichts darüber aus, wie groß sie in der Natur sind“, sagt Rivas. Er hat über 1000 Anakondas in Venezuela vermessen. Die größte in dieser Region war 5,50 Meter lang. Als ein Team der National Geographic Society kam, fand deren Biologe erstaunlicherweise auf Anhieb eine 5,50 Meter lange Anakonda. Rivas ließ sie sich zeigen und maß nach: Sie war 4,20 Meter lang.

Auch Häute sind kein Beleg. „Sie können ohne Weiteres um mehr als ein Viertel gedehnt werden“, sagt Dirksen. Die größte eingesalzene und nicht gestreckte Haut ist von 1935 und stammt vom Rio Paraguay. Das Tier muss knapp 9 Meter lang gewesen sein. Selbst Wissenschaftler verschätzen sich leicht in der Länge. „Ich habe das in einem Naturkundemuseum in Paraguay erlebt“, berichtet Dirksen. „Sie behaupteten dort, eine 10 Meter lange Anakondahaut zu besitzen. Entrollt war sie dann 6,50 Meter lang.“

Kompakt

· Anakondas haben bemerkenswerte Sinnesorgane: Sie orten Wärme, riechen räumlich, analysieren Vibrationen und ihre Haut ist sehr feinfühlig.

· Ober- und Unterkiefer der Riesenschlangen sind besonders flexibel.

· Die inneren Organe können sie je nach Bedarf auf- und abbauen.

MEHR ZUM THEMA

LESEN

Henry Bellosa, Lutz Dirksen, Mark Auliya FASZINATION RIESENSCHLANGEN BLV, München 2007, € 19,95

Mark O’Shea BOAS UND PYTHONS DER WELT Ulmer, Stuttgart 2008, € 39,50

Beeindruckende Bilder, großer Riesenschlangenteil, aber nur noch antiquarisch erhältlich: Harry W. Greene, Michael und Patricia Fogden SCHLANGEN Faszination einer unbekannten Welt Birkhäuser, Basel 1999

INTERNET

Das Anakonda-Projekt von Jesus Rivas: www.anacondas.org

Homepage von Lutz Dirksen mit vielen Fakten, auch über die kleineren Anakonda-Arten: www.anakondas.de

ZOOS

Zoologische Gärten, die Anakondas halten: www.wissenschaft.de

JESUS RIVAS

Gefährliche Situationen sind für Jesus Rivas (Jahrgang 1964) nichts Ungewöhnliches. Bevor er sich entschloss, sein Biologiestudium abzuschließen und in die Forschung zu gehen, arbeitete er sieben Jahre als Feuerwehrmann in seiner Heimatstadt Caracas in Venezuela. Doch stets träumte er von der Wildnis. 1988 krempelte er sein Leben um und erforscht seitdem Iguanas, Krokodile und vor allem die Große Anakonda. In den Neunzigerjahren arbeitete er mit dem bekannten Tierforscher Gordon Burghardt von der University of Tennessee zusammen. Seit 2006 ist er Assistant Professor am Somerset Community College in Kentucky, doch sein Leben als Feuerwehrmann hat ihn geprägt: „Ich habe mitbekommen, wie es in einer harten Großstadt zugeht – eine Erfahrung, die ich im akademischen Umfeld nie hätte machen können.“

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