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Gesellschaft+Psychologie Umwelt+Natur

Angst öffnet die Augen

Wer sein Gesicht vor Angst oder Ekel verzieht, drückt damit nicht nur Gefühle aus: Er verändert auch seine Sinneswahrnehmung, haben kanadische Forscher nachgewiesen. Ein angstvoll verzerrtes Gesicht vergrößert das Gesichtsfeld, beschleunigt die Augenbewegungen und erweitert die Nase. Ekel dagegen hat genau den umgekehrten Effekt ? er sorgt für kleine Nasenöffnungen und zusammengekniffene Augen. Beides ist sinnvoll, erläutern die Wissenschaftler: Bei Angst ist es hilfreich, so viele Informationen wie möglich über die bedrohliche Situation zu erfassen. Ekel hingegen entsteht als Reaktion auf ein potenziell krankmachendes Objekt. Je weniger von dessen Ausdünstungen also eingeatmet werden, desto besser.

Emotionale Gesichtsausdrücke müssen nach Ansicht von Wissenschaftlern eine grundlegende Bedeutung für den Menschen haben: Sie werden von Angehörigen nahezu aller Kulturen eindeutig erkannt, und im Gehirn existiert sogar ein eigens für ihre Erkennung zuständiges Netzwerk. Nach der gängigsten Theorie liegt das daran, dass Gesichtsausdrücke ein wichtiges Kommunikationsmittel sind, denn sie vermitteln nicht nur Informationen über die aktuelle Gefühlslage, sondern können andere auch vor gefährlichen oder unerwarteten Situationen warnen. Doch warum sieht ein angstverzerrtes Gesicht genau so und nicht anders aus? Schon Charles Darwin vermutete, dass dahinter kein Zufall steckt, sondern dass die veränderten Gesichtszüge einen Einfluss auf die Sinneswahrnehmung haben.

Um das zu untersuchen, charakterisieren Susskind und sein Team zuerst die typischen Merkmale eines ängstlichen und eines angeekelten Gesichts ? aufgerissene Augen, hochgezogene Brauen und ein insgesamt langgezogenes Gesicht bei Angst, zusammengekniffene Augen, hochgezogene Wangen, zusammengezogene Augenbrauen und eine hochgezogene Oberlippe bei Ekel. Anschließend ließen sie Probanden diese Gesichtsausdrücke genau imitieren und dabei verschiedene Wahrnehmungstests lösen. Das Ergebnis: Die aufgerissenen Augen bei Angst erweiterten das Gesichtsfeld der Testteilnehmer, so dass sie mehr von ihrer Umgebung erfassen konnten. Gleichzeitig ließen sie ihren Blick schneller zwischen zwei Objekten hin- und herschweifen, und sie sogen dank erweiterter Nasenlöcher mehr Luft durch die Nase ein als bei einer neutralen Miene. Ein angeekelter Ausdruck hatte in allem genau den gegenteiligen Effekt.

Wahrscheinlich sind die Gesichtsausdrücke ursprünglich also entstanden, um die Wahrnehmung an die jeweilige Situation anzupassen, schließen die Forscher. Später habe sich dann erwiesen, dass sie auch ein leistungsfähiges Kommunikationsmittel sind. Vermutlich sei es auch diese Eigenschaft gewesen, die später im Lauf der Evolution als Selektionsvorteil fungierte. Als nächstes wollen die Forscher untersuchen, ob auch andere Ausdrücke wie Freude, Überraschung oder Ärger ähnlich entstanden sind.

Joshua Susskind (Universität von Toronto) et al.: Nature Neuroscience, DOI: 10.1038/nn.2138 ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel
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