Ansteckender Muschel-Krebs mit „Sprungkraft“ - wissenschaft.de
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Ansteckender Muschel-Krebs mit „Sprungkraft“

Verschiedene Miesmuschel-Arten der Welt sind offenbar von einem seltsamen Erreger befallen. (Bild: eddyfish/iStock)

Bizarre Krebszellen, die Artgrenzen und enorme Distanzen überwinden: Forscher berichten über eine infektiöse Form von Krebs, die sich auf zwei verschiedene Miesmuschel-Arten auf beiden Seiten des Atlantiks ausgebreitet hat. Der Verzehr von betroffenen Muscheln stellt zwar keine Bedrohung für den Menschen dar, doch für die Meerestiere könnte die Verbreitung der Erkrankung durch die Schifffahrt problematisch werden, geht aus der Studie hervor.

Normalerweise entsteht eine Krebserkrankung nur aus den eigenen Körperzellen des betroffenen Organismus. Dabei steht eine DNA-Mutation am Anfang, die eine Zelle zum Entarten bringt: Es kommt zu einer wuchernden Teilung, die der Kontrolle des Immunsystems entgeht. So bildet sich Krebsgewebe, das innerhalb des Körpers ansteckend sein kann: Es lösen sich Krebszellen aus dem Verband und bilden Metastasen an anderen Stellen im Organismus. Im Fall des Menschen bleibt dieser Prozess allerdings auf die betroffene Person beschränkt – menschliche Krebszellen können nicht im Körper anderer Fuß fassen, denn das Immunsystem erkennt das Fremdgewebe und zerstört es.

Krebszellen, die sich wie Parasiten verhalten

Doch für einige Krebsformen bei anderen Lebewesen gilt das nicht. Lange waren ansteckende Krebsarten nur beim Tasmanischen Teufel und bei Hunden bekannt. Bei diesen Tieren haben sich irgendwann einmal bei einem einzelnen Individuum Krebszellen mit Eigenschaften gebildet, die ein Überleben in Artgenossen ermöglichten. Dadurch wurden sie übertragbar – seitdem verhalten sie sich wie Erreger oder Parasiten: Beim Tasmanischen Teufel und bei Hunden werden diese Krebszellen durch körperlichen Kontakt übertragen und verursachen Tumore.

In den letzten Jahren haben Wissenschaftler allerdings bei einer weiteren Tiergruppe infektiöse Krebsformen festgestellt: bei Muscheln. Die Zellen wandern bei ihnen von einem Individuum zum anderen durch das Meerwasser. Sie vermehren sich in den betroffenen Muscheln und verursachen eine Art Leukämie. In den bisherigen Untersuchungen zeichnete sich bereits ab, dass diese Art der Erkrankung unter den Meerestieren weit verbreitet ist und zu erheblichen Verlusten bei den Beständen führen kann. Unter anderem ist die Pazifische Miesmuschel (Mytilus trossulus) betroffen, die an der kanadischen Westküste vorkommt. Ähnliche Befunde gab es aber auch bei verwandten Muschelarten: bei Mytilus chilensis, die an den Küsten Chiles und Argentiniens lebt, und bei der in Europa verbreiteten Miesmuschel Mytilus edulis.

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Im Rahmen der aktuellen Studie haben die Forscher um Michael Metzger vom Pacific Northwest Research Institute in Seattle nun die Krebszellen aus diesen verschiedenen Muschelarten und Regionen untersucht. Sie sequenzierten dazu DNA aus Proben von M. edulis aus Europa und von M. chilensis aus Südamerika und verglichen sie mit den vorhandenen Ergebnissen bei M. trossulus aus dem Nordpazifik. Sie wollten herausfinden, ob es sich bei den Krebsarten tatsächlich um übertragbare Formen handelt, und wenn ja, wie sie entstanden sind.

Fernreisen zeichnen sich ab

Das überraschende Ergebnis war: Die Proben aus Europa und Südamerika waren genetisch nahezu identisch. Diese infektiösen Krebszellen gehen demnach auf einen gemeinsamen Ursprung zurück. Aus der genetischen Signatur geht hervor, dass sie wiederum bei einer Pazifischen Miesmuschel entstanden sind und sich dann offenbar weit verbreitet haben. Die Analyse ergab allerdings, dass sich diese Krebslinie von der zuvor bei M. trossulus entdeckten unterscheidet. Dies zeigt, dass sich übertragbare Krebszellen bei dieser Miesmuschel-Art mehr als einmal entwickelt haben. In einem Fall wurden diese Krebszellen dann über enorme Distanzen hinweg übertragen und haben mehrere Arten infiziert, resümieren die Wissenschaftler.

„Da Miesmuschel-Arten nicht in der äquatorialen Zone leben können, scheint es unmöglich, dass sich der Krebs auf natürliche Weise von der nördlichen Hemisphäre bis nach Südamerika ausgebreitet hat“, sagt Metzger. Stattdessen sei es wahrscheinlich, dass infizierte Muscheln durch Schiffe transportiert wurden. „Unsere Studie zeigt, dass ansteckende Krebserkrankungen bei Muscheln weit verbreitet sind und dass letztlich der Mensch dafür verantwortlich ist, dass sie in neue anfällige Populationen und Arten eingeschleust werden“, so Metzger.

Wie er und seine Kollegen abschließend betonen, müssen sich Liebhaber von Meeresfrüchten keine Sorgen machen: Vom Verzehr infizierter Muscheln geht keine gesundheitliche Gefahr aus. Den Forschern zufolge könnten Untersuchungen dieser besonderen Krebserkrankungen hingegen sogar für die medizinische Forschung wertvoll sein: „Es gibt Parallelen zwischen der Ausbreitung von Krebs im Meer und der Metastasierung von Krebszellen beim Menschen“, sagt Co-Autor Stephen Goff von der Columbia University in New York. „Wenn wir mehr über ansteckende Krebsformen erfahren, können wir Wege finden, um die Ausbreitung von Metastasen im Körper zu verhindern“, so der Wissenschaftler.

Quelle: Columbia University Irving Medical Center, Fachartikel: eLife, doi: 10.7554/eLife.47788

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