Ansturm aufs Eis - wissenschaft.de
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Ansturm aufs Eis

Mehr als 50 000 Wissenschaftler, so viele wie bei keinem Projekt jemals zuvor, wollen beim „Internationalen Polarjahr“ den eiskalten Regionen ihre letzten Geheimnisse entlocken. Denn dort entscheidet sich die Zukunft des Weltklimas.

Polarforschung ist teuer. Alles, was Wissenschaftler in der eisigen Einöde brauchen – von der Seife bis zur Forschungsstation, vom Frühstücksbrötchen bis zum Motorschlitten – muss über weite Strecken und unter widrigsten Bedingungen herangeschafft werden. Schon eine einfache Temperaturmessung kann ein Vermögen kosten. Deshalb kam der österreichische Polarforscher Carl Weyprecht bereits im 19. Jahrhundert auf die Idee, die Kräfte zu bündeln und die Vorhaben international anzupacken. Er war der Wegbereiter des ersten Internationalen Polarjahres (IPY), in dem es 1882/83 vor allem um die Arktis ging. 700 Forscher aus 11 Nationen brachen damals zu 14 Expeditionen auf. Sie sammelten gleichzeitig an verschiedenen Orten Daten und bekamen damit neue Einblicke in Wetterphänomene und die Launen des Erdmagnetfelds. Doch ihre Aufgabe war gefährlich. Von 25 Männern der amerikanischen Expedition nach Fort Conger, in der Meerenge zwischen Grönland und Kanada, kehrten nur 6 lebend zurück.

Jetzt, 125 Jahre später, hat das dritte Internationale Polarjahr (IPY) begonnen – ein Projekt, das übrigens trotz seines Namens zwei Jahre dauert. Eigentlich ist es bereits das vierte, denn auch beim Internationalen Geophysikalischen Jahr 1957/58 standen die kalten Erdzonen im Mittelpunkt. 60 Nationen schicken insgesamt 55 000 Wissenschaftler los – die größte Denk-Armada, die jemals für ein wissenschaftliches Projekt mobilisiert wurde. Wieder steckt hinter der Mammutaufgabe die Überlegung, „ Ressourcen zu bündeln und optimal zu nutzen“, wie es Reinhard Dietrich, der Vorsitzende der deutschen IPY-Kommission ausdrückt. Die vielen Wissenschaftler aus verschiedenen Nationen und Fachgebieten sollen eng kooperieren, um der Kälte ihre Geheimnisse zu entreißen.

Der Zeitpunkt könnte kaum besser gewählt sein. 125 Jahre nach dem ersten IPY, 75 Jahre nach dem zweiten und 50 Jahre nach dem Geophysikalischen Jahr ist der Klimawandel zur ernsten Bedrohung geworden. Erst vor wenigen Monaten warnte das UN-Gremium IPCC vor einer drastischen Erwärmung der Erde – und schreckte viele Politiker auf. Die Polarregionen spielen bei dem Umbruch, den der Mensch verursacht hat, eine zentrale Rolle. Nicht nur dass hier die Temperaturen rascher steigen als anderswo, hier sind auch entscheidende Schaltstellen für unsere klimatische Zukunft.

In der Kälte werden die Meeresströmungen angetrieben, die das weltweite Spiel von Wind und Wetter maßgeblich beeinflussen. Hier tauen immer mehr Permafrostböden auf und drohen gewaltige Mengen Methan freizusetzen, die das Treibhaus Erde zusätzlich aufheizen. Hier schwindet das Meereis, sodass immer weniger Sonnenstrahlung ins All zurückgeworfen wird. Und vor allem: Hier entscheidet sich, wie rasch und wie hoch der Meeresspiegel steigt. Je mehr Eis auf Grönland und dem antarktischen Festlandsockel abtaut, desto höher klettert die Flut – die größte Bedrohung, die der Klimawandel bringt. Wie sich die riesigen Eismassen in den kommenden Jahrzehnten verhalten werden, kann derzeit kein Wissenschaftler sicher vorhersagen. Viele hoffen, dass das große Projekt darüber neue Erkenntnisse liefert.

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Frühere Polarjahre haben die Latte der Erwartungen hoch gelegt. Das erste IPY „war die Geburtsstunde der Polarforschung“, sagt Dietrich. Erstmals stand die Wissenschaft im Mittelpunkt, während die Polarexpeditionen davor eher nationalen Eroberungszügen glichen. Das zweite IPY, bei dem es vor allem um Wetter und Klima ging, brachte den Meteorologen 114 neue Beobachtungsstationen in der Hocharktis. Und das Geophysikalische Jahr 1957/58 läutete mit dem Bau vieler permanent besetzter Forschungsstationen in der Antarktis die moderne Polarforschung ein.

Allen gemeinsam war: In der menschenfeindlichen Kälte bewiesen Wissenschaftler, dass man über Landesgrenzen hinweg vertrauensvoll zusammenarbeiten kann – selbst in Zeiten des Kalten Krieges. Es scheint fast, als hätte es die Kälte gebraucht, um nationale Ressentiments zum Schmelzen zu bringen. So bereitete das Geophysikalische Jahr den Weg für den Antarktis-Vertrag, in dem die Unterzeichnerstaaten die friedliche Nutzung des weißen Kontinents, den freien Informationsaustausch und den ungehinderten Zugang zu allen Stationen festschrieben. Der Text wurde später sogar zum Vorbild für ein Abkommen, das die Nutzung des Weltraums regelt.

Deutschland spielt in der Polarforschung seit jeher eine wichtige Rolle. Schon 1882/83 saß der deutsche Wissenschaftler Georg von Neumayer der Internationalen Polarkommission vor. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste die deutsche Polarforschung zwar erst einmal pausieren, notgedrungen, aber seit dem Bau der ständig besetzten Georg-von-Neumayer-Station auf dem antarktischen Schelfeis, die den Beitritt zum Antarktis-Vertrag 1981 ermöglichte, mischt Deutschland wieder ganz vorne mit. Die Ausrüstung der Station gehört zur Spitzenklasse, und viele Wissenschaftler beneiden ihre deutschen Kollegen um das eisgängige Forschungsschiff Polarstern.

Deutschland ist – anders als viele andere Nationen – in der Arktis wie in der Antarktis aktiv und kann so auch Themen anpacken, die beide Pole betreffen. Zum Beispiel das Weltklima: Es hat sich gezeigt, dass Arktis und Antarktis – und damit die beiden Hemisphären – klimatisch eng voneinander abhängig sind. Eisbohrkerne belegen, dass zwar Eiszeiten und Warmzeiten auf beiden Polen stets gleichermaßen herrschten, dass aber kleinere Schwankungen gegenläufig waren: Wenn es im Norden kälter wurde, erwärmte sich der Süden – und umgekehrt. Als Mittler fungieren Meeresströmungen im Atlantik.

Deutsche Forscher werden sich an mehr als 80 IPY-Projekten beteiligen. Doch es gibt einen Wermutstropfen: Der Bund stellt bisher keine zusätzlichen Mittel bereit, wie es in vielen anderen Nationen der Fall ist. Beim Bundesministerium für Bildung und Forschung heißt es, die Ausgaben für das 2006 in Betrieb genommene Eisrandforschungsschiff Maria S. Merian und für den geplanten Neubau der Neumayer-Station seien Beitrag genug.

„Eine traurige Einstellung“, findet Rainer Gersonde, Geologe am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) und Mitglied der deutschen IPY-Kommission. Allein die Antarktis-Station koste zwar rund 26 Millionen Euro, doch die beste Ausrüstung nütze nichts, wenn das Geld für die tägliche Arbeit fehle. Gersonde kann nicht verstehen, dass Politiker an der Polarforschung sparen und gleichzeitig behaupten, der Klimaschutz liege ihnen am Herzen. Der Sparkurs könnte üble Folgen haben: „Wir wissen nicht“, sagt Gersonde, „ob wir die Expeditionen, die wir international abgestimmt haben, wie geplant durchziehen können.“ Auch Hartmut Gernand, Logistikchef am AWI, befürchtet: „Es wird wahrscheinlich Abstriche geben.“

Dabei sind die Ziele des IPY weit gesteckt. Das Forscherheer will letztlich alles, was sich rund um die Pole abspielt, besser verstehen. Die Palette der Themen reicht von einer Bestandsaufnahme aller Tiere und Pflanzen, die im hohen Norden und tiefen Süden leben, über die Entwicklung des Klimas in Vergangenheit und Zukunft und die Veränderungen der Eismassen bis hin zu den Anpassungsproblemen der Menschen, die im arktischen Raum wohnen. Auch die letzten weißen Flecken auf den Landkarten sollen endlich verschwinden. „Die Rückseite des Mondes“, sagt Dietrich, „ist besser kartiert als der Meeresboden unter weiten Teilen des Schelfeises.“

Nicht zuletzt soll das Polarjahr die Menschen begeistern für eine faszinierende Forschung, die noch immer Abenteuer verspricht, eine ausgeklügelte Logistik braucht und ständig neue Überraschungen bietet. Die folgenden Beiträge geben davon einen Vorgeschmack. ■

Klaus Jacob

Eiskalte Abenteuer

Polarforschung kann grausam sein: Der Engländer Robert Scott verlor 1911/12 den Wettlauf zum Südpol gegen den Norweger Roald Amundsen – und auf dem Rückmarsch sein Leben. Ein Schneesturm hatte ihn, seine Füße waren bereits erfroren, tagelang ans Zelt gefesselt, nur 18 Kilometer vom rettenden Nahrungsdepot entfernt. Auch Alfred Wegener, der Vater der Kontinentaldrift-Theorie, starb 1930 im grönländischen Eis. Und als Fridtjof Nansen 1888 erstmals Grönland durchquerte, gingen er und seine Männer bis an die Grenze des menschlichen Leistungsvermögens.

Damals, in den Pionierzeiten, riskierten Forscher Gesundheit und Leben, wenn sie jenseits der Polarkreise Neuland erkundeten. Inzwischen hat teure Technik das Risiko kalkulierbar gemacht. Trotzdem: Jede Polarexpedition umweht noch immer ein Hauch von Abenteuer.

Manche Forscher suchen sogar extra den Kick – wie der Berliner Polar-Geodät Wilfried Korth, ein passionierter Langstreckenläufer. Auf seinen von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mitfinanzierten Expeditionen verzichtet der Professor für Vermessungskunde an der Technischen Fachhochschule Berlin bewusst auf Annehmlichkeiten wie Hubschrauber oder Motorschlitten und setzt allein auf Muskelkraft, als wolle er die Zeit um 100 Jahre zurückdrehen. Schon zweimal ist er mit einer Handvoll Mitstreitern zu Fuß durch Grönland marschiert, über eine Strecke von rund 700 Kilometern. Jeder Teilnehmer spannte sich vor einen Schlitten, auf dem sich 50 Kilogramm Gepäck stapelten – vor allem Lebensmittel für sieben Wochen Schwerstarbeit und Brennstoff zum Kochen. Um im weichen Schnee nicht einzusinken, trugen die Forscher profilierte Skier mit Stahlkanten und einer Bindung, wie sie sich auch der Profi-Abenteurer Reinhold Messner auf seiner Antarktis-Durchquerung angeschnallt hatte. Und wenn es der Wind zuließ, setzten sie Segel.

Natürlich kann man solche Eis-Marathons nicht mit den Expeditionen eines Scott oder Nansen vergleichen, denn im Notfall wäre ein Hubschrauber rasch zur Stelle gewesen. Dennoch wurde der Körper dabei schwer beansprucht. Warum nehmen Wissenschaftler solche Strapazen auf sich?

Bei seiner ersten Durchquerung 2002, gesteht Korth, „standen Sport und Abenteuer im Vordergrund“. Die ehrgeizigen Freizeitsportler, die sich damals zusammengefunden hatten – Jogger, Bergsteiger und Extrem-Skifahrer –, wollten sich in der weißen Einöde beweisen. Für ihren Gewaltmarsch wählten sie eine Route, die eine Schweizer Expedition schon 1912 eingeschlagen hatte. Sie führt von der Ostküste bei Ammassalik über gefährliche Gletscherspalten bis auf 2600 Meter Höhe und im Westen in der Nähe von Ilulissat wieder zum Meer hinab. Die Schweizer, denen nach Nansen die zweite Grönland-Durchquerung geglückt war, hatten neben meteorologischen Messungen erstmals ein Höhenprofil erstellt. Das tat auch das Korth-Team – aber hier endet schon die Verbindung mit der Wissenschaftsgeschichte. Ein Vergleich der beiden Ergebnisse war nicht möglich, weil die alten Daten an Genauigkeit sehr zu wünschen übrig ließen.

Die modernen Wissenschaftler maßen zentimetergenau. Dabei half ihnen nicht nur ein 20 000 Euro teures GPS-Gerät, sondern auch ein Fixpunkt an der Küste, wo zwei Kollegen während der gesamten sieben Wochen die Stellung hielten. Mit diesem Trick konnten sie Abweichungen der Satellitenflugbahnen herausrechnen. Wenn man nämlich einen Fixpunkt auf der Erde hinzuzieht, lässt sich die fehleranfällige Distanz zwischen Erde und Satellit korrigieren. Das führt zu sehr genauen Ergebnissen.

Interessant war vor allem die zweite Expedition im Sommer 2006, als ein Abgleich der Ergebnisse zeigte, wie der Klimawandel die grönländischen Eismassen innerhalb von vier Jahren verändert hatte. Ergebnis: In den hohen Lagen, in Zentralgrönland, hat das Eis um rund 10 Zentimeter pro Jahr zugelegt, in den knapp 200 Kilometer breiten Küstenstreifen sind dagegen Jahr für Jahr ein bis zwei Meter weggetaut. Das ist mehr als die Forscher bisher vermutet hatten. Satellitenaufnahmen zeigen zwar, dass der Streifen, auf dem der Schnee schmilzt, jeden Sommer breiter wird. Doch genaue Angaben über die Eisverluste, die den Meeresspiegel steigen lassen, fehlen bislang. Natürlich können auch solche Gewaltmärsche die Datenlücke nicht restlos schließen, denn sie liefern mit ihrer linienhaften Messung nur einen kleinen Ausschnitt. Aber sie helfen dabei, die Geräte auf den Satelliten zu kalibrieren.

Korth und seine Kollegen hatten auf ihrem ersten Marsch mehrere Punkte im Eis markiert. Vier Jahre später spürten sie diese Marken, die inzwischen vier Meter tief im Schnee steckten, mit speziellen Magnetsuchgeräten wieder auf. So konnten sie sehen, wie weit die Eismassen inzwischen gewandert waren. Ergebnis: Auf dem Sattel im Zentrum Grönlands hatten sich die Gletscher praktisch nicht vom Fleck gerührt, doch in Küstennähe waren sie bis zu 400 Meter pro Jahr weiter in Richtung Meer vorgerückt.

Statt von lebensgefährlichen Abenteuern erzählt Korth von der „ Schönheit der Monotonie“ und einer „einmaligen Landschaft, wie man sie mit dem Hubschrauber nicht erleben kann“. Und dann sagt er den Satz, den man von Polarforschern immer wieder hört: „Wer einmal dort war, will immer wieder hin.“ Die nächste Expedition hat er bereits im Visier: Sie soll in ein bis zwei Jahren starten. ■

Alles im Fluss

Polarforschung geht jeden an. Wenn die polaren Eispanzer schmelzen und den Meeresspiegel steigen lassen, betrifft das Abermillionen Menschen an den Küsten. Viele Holländer leben schon heute unterhalb Normalnull und wären ohne milliardenteure Bollwerke verloren. Derzeit steigt das Wasser um gut drei Millimeter pro Jahr, Tendenz steigend. Vor 50 Jahren war der Zuwachs nur halb so groß. Doch ein Blick auf die aktuelle Vorhersage des UN-Expertengremiums IPCC könnte beruhigen. Bis zum Ende des Jahrhunderts, heißt es dort, sei mit einem Anstieg zwischen 18 und 59 Zentimetern zu rechnen. Damit käme der Küstenschutz in den meisten Ländern wohl halbwegs zurecht. Kein Grund zur Sorge also? Viele Forscher sind anderer Meinung und befürchten, dass die Fluten weit schneller steigen. So geht der Potsdamer Ozeanexperte Stefan Rahmstorf von einem Anstieg zwischen 0,5 und 1,4 Meter aus. Er hat aus den vergangenen Entwicklungen einen linearen Zusammenhang zwischen Temperaturerhöhung und Meeresspiegelanstieg abgeleitet und in die Zukunft projiziert. Seine Veröffentlichung kam jedoch zu spät, um beim IPCC-Report noch berücksichtigt zu werden.

Obwohl die thermische Ausdehnung des Wassers noch immer den größten Beitrag zum Meeresspiegelanstieg beisteuert, entscheidet sich die Zukunft der Küstenstädte im hohen Norden und tiefen Süden. In der Antarktis und auf Grönland lagert genug Eis, um die Pegel mehr als 70 Meter klettern zu lassen. Die kilometerdicken Eispanzer verschwinden freilich nicht von heute auf morgen, sondern im Lauf vieler Jahrhunderte. Stutzig macht, dass der grönländische Schild derzeit in erschreckendem Tempo abtaut, und dass die Gletscher dort viel schneller als noch vor zehn Jahren ins Meer rutschen. Die sommerlichen Schmelzzonen haben sich in den letzten 25 Jahren um rund 50 Prozent ausgedehnt, und die Geschwindigkeit der Gletscher hat sich verdoppelt, teilweise sogar verdreifacht.

Diese Fließdynamik hat der IPCC-Klimabericht nicht berücksichtigt, weil sie noch nicht genügend erforscht sei, wie es heißt. Doch sie könnte eine entscheidende Rolle für die Zukunft von Holland und anderen flachen Küstenregionen spielen. Denn auch in der Antarktis kommt das Eis ins Rutschen. Bisher galt der weiße Kontinent als träger Riese, so unerschütterlich wie ein Fels in der Brandung. Ob dort minus 35 oder minus 30 Grad herrschen, hieß es lapidar, spiele für das Eis keine Rolle. Doch aktuelle Forschungsergebnisse stimmen nachdenklich.

Auf der Antarktischen Halbinsel, die wie ein Finger weit nach Norden zeigt, hat der Wandel längst begonnen. Die Temperaturen steigen hier etwa viermal so schnell wie im globalen Mittel. Die Wärme nagt am Schelfeis und zerfetzt es, sodass Tausende von Eisbergen wie gigantische Scherben ins Meer treiben. Das Zerstörungswerk begann im nördlichsten Zipfel, als 1995 Larsen A zerbarst, und setzte sich sieben Jahre später mit Larsen B nach Süden fort. Seitdem sind zwar nur noch kleinere Stücke abgebrochen, doch der Zerfallsprozess „wird wohl bei Larsen C weitergehen“, vermutet Glaziologe Helmut Rott von der Universität Innsbruck. Satellitenfotos zeigen, dass dort die Fläche, auf der im Sommer Schnee schmilzt, von Jahr zu Jahr wächst, und dass die Schmelzperioden immer länger andauern. Der Kollaps könnte ganz plötzlich kommen.

Weil Schelfeis schwimmt, verändert sein Schmelzen den Meeresspiegel nicht direkt. Doch die Antarktis hat gelehrt, dass die dicken Eisschürzen, die das Festland umgeben, das Inlandeis in Schach halten. Wenn sie fehlen, kommen die Gletscher, die sich dahinter stauen, ins Rutschen. Auf der Antarktischen Halbinsel haben die Eisflüsse ihr Tempo bis zum Achtfachen beschleunigt, nachdem Larsen A und B verschwunden waren – mit entsprechenden Folgen für den Meeresspiegel. Wie lange die Eismassen ausbluten, bis sie ein neues Gleichgewicht gefunden haben, lässt sich noch nicht sagen. Auch nach zwölf Jahren hat sich Larsen A bislang nicht beruhigt.

Entscheidender ist aber, wie weit der Zerfallsprozess nach Süden fortschreitet. Macht er Halt, wenn das relativ kleine Larsen-Schelfeis verschwunden ist? Oder arbeitet er sich von der Antarktischen Halbinsel bis zur West- und Ostantarktis vor?

Bisher galten die riesigen Schelfeisgebiete dort als robust. Doch eine Bohrung in den Meeresboden unter dem Ross-Schelfeis, die im Dezember 2006 zu Ende ging, erschüttert diese Annahme. Das internationale Projekt, bei dem es um die Klimageschichte der letzten zwölf Jahrmillionen geht, ist zwar noch nicht abgeschlossen, doch schon die vorläufigen Ergebnisse machen die Experten stutzig. Das Ross-Schelfeis, belegen die erbohrten Sedimente, schmolz vor rund fünf Millionen Jahren vollkommen ab und bildete sich erst nach fast einer Million Jahre neu. Auch danach schwankte das Klima so heftig, dass die Eisplatte möglicherweise mehrmals wieder zerbrach.

Das Ross-Schelfeis hat etwa die Größe Frankreichs. Ohne seine Rückhaltekraft geraten gewaltige Eismassen der Westantarktis in Bewegung. Manche Forscher sind überzeugt, dass der Klimawandel diese Dynamik anstoßen wird. „Wenn die Vergangenheit irgendein Indikator für die Zukunft ist, dann wird das Eis zerfallen“, sagt der Australier Tim Naish, der als Sedimentologe an der Bohrung mitarbeitet.

Umstritten ist auch, ob das westantarktische Eis unter dem Meeresspiegel am Fels festgefroren ist, oder ob Meerwasser darunter eindringt und als Gleitmittel die Reibung vermindert. Hilmar Gudmundsson vom British Antarctic Survey in Cambridge hat nun am Rutford-Eisstrom, dessen Einzugsgebiet größer ist als die Schweiz, einen direkten Zusammenhang zwischen Fließgeschwindigkeit und Gezeiten nachgewiesen: Je höher das Wasser steht, desto schneller gleiten die Eismassen ins Meer. Die Fließgeschwindigkeit schwankt um rund 20 Prozent. Zumindest hier – und wahrscheinlich auch anderswo – dringt also Meerwasser unter das Eis. Damit droht eine neue Gefahr: Je höher der Meeresspiegel steigt und je wärmer das Wasser wird, desto rascher strömen viele antarktische Gletscher ins Meer – eine positive Rückkopplung im globalen Klimagefüge.

Auch andere Indizien sprechen dafür, dass unter dem Eispanzer offenes Wasser gluckst: Es sind bereits über 100 Seen unter den Gletschern bekannt, manche größer als der Bodensee. Und viele dieser Reservoirs sind miteinander verbunden. Denn Satellitenmessungen haben gezeigt, dass manche Eisströme regelrecht atmen: Wenn die Oberfläche an einer Stelle um einige Meter einsinkt, wölbt sie sich an einer anderen, weit entfernten Stelle auf.

Trotz aller neuen Erkenntnisse lässt sich bislang nicht zuverlässig beurteilen, wie die Eismassen auf den Klimawandel reagieren. Immer wieder geraten etablierte Überzeugungen ins Wanken. So hieß es bisher, die Erwärmung verstärke den Schneefall im Inneren der Antarktis und kompensiere somit die Eisverluste an den Küsten. Doch auch daran gibt es inzwischen Zweifel. „In den letzten 50 Jahren haben sich die Niederschlagsverhältnisse in der Zentralantarktis nicht verändert“, sagt AWI-Klimatologe Hans Oerter, der zusammen mit Kollegen alle Messwerte gesichtet hat.

Hoffnungen auf zuverlässige Daten ruhen nun auf dem Beobachtungssatelliten Cryosat, der ab 2009 die Eisoberfläche mit bisher nicht erreichter Präzision vermessen soll. Doch schon jetzt gibt es für Datenjongleure genug zu tun: Die europäische Weltraumagentur ESA stellt im Rahmen des Polarjahrs Archivdaten mehrerer Satelliten zur Verfügung – in der Hoffnung, dass sich im Zahlenwust die eine oder andere Überraschung verbirgt. ■

Der Autor der antarktischen Texte, KLAUS JACOB, be- richtet in bdw regelmäßig über den aktuellen Stand der eiskalten Forschung.

Verwegenes Konzept

Polarforschung ist Strategie und Logistik. Die Transportwege sind weit, und der beißende Frost erschwert jeden Handgriff. Zu den größten Herausforderungen gehört der Bau einer Polarstation, die auch im dunklen Winter besetzt ist, wenn kein Schiff anlegen und kein Flugzeug landen kann. Deutschland hat 1981 auf dem antarktischen Schelfeis eine solche Basis errichtet, die Georg-von-Neumayer-Station, und sich damit Zutritt zum erlauchten Kreis der stimmberechtigten Vollmitglieder des Antarktisvertrags verschafft.

Die durchschnittliche Wintertemperatur beträgt in dieser Gegend minus 26 Grad, doch manchmal sinkt das Thermometer auch unter minus 40 Grad. Dazu weht oft ein scharfer Wind und treibt den Schnee vor sich her. Um den menschenfeindlichen Bedingungen zu trotzen, richteten sich die Forscher in großen Stahlröhren unter dem Schnee ein, einer Art Höhlensystem. Bei rund 80 Zentimeter Neuschnee pro Jahr versank die Station allerdings langsam und musste bereits nach elf Jahren, 1992, ersetzt werden. Jetzt ist wieder ein Neubau fällig, denn auch die zweite Station steckt schon wieder haushoch im Schnee und droht, von der kalten Last zerdrückt zu werden.

Diesmal haben sich die Polarforscher für ein ganz neues Konzept entschieden. In den nächsten zwei Jahren werden sie ein zweistöckiges Gebäude auf Stelzen errichten, das an ein schwebendes Schiff erinnert. Der Clou: Die 20 Stützen, angeordnet in zwei Reihen, werden jedes Jahr hydraulisch hochgefahren und die Fundamente mit Schnee unterfüttert, sodass sich das Gebäude ständig dem Gelände anpasst. Seine windschnittige Form und seine langen Beine verhindern, dass sich große Schneewehen bilden können. Die Vorteile dieser patentierten Konstruktion liegen auf der Hand: Nicht nur, dass die Wissenschaftler von ihrem Arbeitsplatz aus die Sonne – und manchmal vielleicht sogar einen Pinguin – sehen können, die Station hält auch doppelt so lange wie ihre Vorgänger. Und wenn sie nach mindestens 25 Jahren ihre Aufgabe erfüllt hat, kann man sie problemlos zerlegen und abtransportieren. Die versunkenen Röhren von Neumayer II müssen dagegen im Eis stecken bleiben und werden irgendwann auf den Meeresgrund sinken.

Der Neubau, der mit 68 Meter Länge und 24 Meter Breite rund ein Drittel mehr Platz bietet als Neumayer II, hat die Planer jahrelang beschäftigt. Allein die Wahl des Standorts kostete viel Mühe. Die Station muss einerseits in der Nähe der alten stehen, um die Messreihen kontinuierlich fortsetzen zu können. Sie darf aber andererseits dem Eisrand nicht zu nah kommen, damit sie nicht mitsamt ihrer Unterlage ins Meer treibt. Denn die rund 200 Meter mächtigen Eisplatten schieben sich jedes Jahr etwa 160 Meter weit vor, brechen irgendwann ab und schwimmen als Eisberge davon. Auf ihrem Vormarsch verformen sie sich, weil ihnen Felsbarrieren am Meeresgrund im Weg stehen. Die Logistiker unter den Polarforschern freuen sich zwar über solche Hindernisse, die ein frühzeitiges Kalben des Eises verhindern und damit die Station schützen. Doch sie haben auch ihre Probleme damit, denn eine ungleichmäßige Eisdrift kann ein großes Bauwerk zerreißen. Gewählt haben sie schließlich einen Standpunkt rund fünf Kilometer landeinwärts der alten Basis, wo keine Gefahr droht, dass die Stützen im Laufe der nächsten Jahrzehnte in unterschiedliche Richtungen gezerrt werden. Hier ist auch Platz genug für ein Flugfeld, auf dem Polarflugzeuge und Hubschrauber starten und landen können.

Im Dezember werden etwa 40 Arbeiter damit beginnen, die vorgefertigten Teile der Station zusammenzuschrauben. Schon nach wenigen Monaten, wenn der antarktische Winter beginnt, endet ihr Arbeitsjahr. 2009 soll Neumayer III in Betrieb gehen. Dann wird sich auch wieder ein Windrad drehen und Energie beisteuern. „Die Windenergie soll schrittweise ausgebaut werden“, sagt Hartmut Gernand, der AWI-Logistikchef. Das alte Windrad mit 20 Kilowatt Leistung wird verlegt und erhält ein neues Fundament. Nach und nach sollen mehr Windräder hinzukommen mit weiteren mindestens 40 Kilowatt Gesamtleistung.

Trotzdem wird die Station rund 300 000 Liter Dieselkraftstoff und 50 000 Liter Kerosin pro Jahr verbrauchen. Das geht aus der Umweltverträglichkeitsstudie hervor, die das Projekt auf alle erdenklichen Umweltgefahren hin abklopft. Jedes Detail wird darin geregelt, etwa dass Hubschrauber nicht über die nahe Pinguinkolonie fliegen dürfen, oder dass die Bewohner ihren Abfall nach 28 Klassen getrennt sammeln müssen und nur biologisch abbaubare Toilettenartikel benutzen dürfen, die das AWI zur Verfügung stellt.

Der Neubau, sagt Gernand, signalisiere, dass Deutschland die Polarforschung langfristig weiterführe. Dass er ausgerechnet ins Polarjahr fällt, „ist Zufall“. Vom größeren Platzangebot werden die Forscher in dieser Zeit noch nichts merken. Im Gegenteil: Am Pol wird es erst einmal eng. Neben den zusätzlichen Expeditionsteilnehmern, die in Containern und Zelten unterkommen, tummelt sich auch noch der Bautrupp auf dem Eis. Es wird ganz schön turbulent zugehen in der weißen Einöde. ■

Ohne Titel

· Wissenschaftler aus 60 Nationen beteiligen sich am „ Internationalen Polarjahr“, das eine lange erfolgreiche Tradition hat.

· Deutschland verwirklicht beim Bau einer Forschungsstation in der Antarktis ein zukunftsweisendes Konzept.

· Ein Berliner Vermesser durchquerte Grönland zu Fuß und erkundete bei seinem Gewaltmarsch, wie rasch das Eis schmilzt.

COMMUNITY Lesen

60 aktuelle Beiträgen beleuchten viele Facetten rund um die Pole:

José L. Lozán, Hartmut Graßl, Hans-Wolfgang Hubberten (Hrsg.)

Warnsignale aus den Polarregionen

Verlag Wissenschaftliche Auswertungen Hamburg 2006, € 35,–

Forscher des Alfred-Wegener-Instituts berichten über ihre Erlebnisse:

Gerd Lange (Hrsg.)

Eiskalte Entdeckungen: Forschungsreisen zwischen Nord- und Südpol

Delius Klasing, Bielefeld 2001, € 26,–

Internet

Deutsche Informationen übers Polarjahrs:

www.polarjahr.de

Internationale Informationen übers Polarjahr: www.ipg.org

Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung:

www.awi.de

Ohne Titel

Hannes Grobe ist Polarforscher am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven und Gründer eines Weltdatenzentrums für die Meeresforschung. Er wird die bdw-Arktis-Leserreise im August als wissenschaftlicher Reiseleiter begleiten.

bild der wissenschaft: Im Rahmen des Internationalen Polarjahrs (IPY) werden in den kommenden Monaten über 50 000 Wissenschaftler aus 60 Nationen in die Polargebiete aufbrechen. Ist das nicht eine enorme Belastung für die fragilen und ohnehin bereits bedrohten Ökosysteme?

HANNES GROBE: Da hat man alle am IPY Beteiligten zusammengezählt. Doch die fahren nicht alle gleichzeitig in die Antarktis. Einige Länder betreiben seit ein paar Jahrzehnten Antarktisforschung und Dauerstationen. Der Hintergrund des IPY ist primär, die vorhandenen Kräfte zu bündeln und die Forschungsprojekte noch besser international zu koordinieren. Auch sollten die wissenschaftlichen Daten einer langfristigen und möglichst vollständigen Archivierung zugeführt werden. Die Zahl der eisgängigen Forschungsschiffe ist limitiert. Da keine neuen für das IPY gebaut wurden, fahren auch nicht mehr Wissenschaftler in die Antarktis. Die eigentlichen analytischen Arbeiten erfolgen in den Labors der Heimatinstitute.

bdw: Werden mehr Forschung und die damit verbundene Infrastruktur in der Antarktis nicht unvermeidlich zu Massentourismus führen?

GROBE: Die Erforschung der Antarktis dient ausschließlich dem Zweck, das Wissen über unsere Erde zu mehren. Die Infrastrukturen dienen der Unterstützung der Wissenschaft. Dies erfolgt völlig unabhängig von den Touristik-Unternehmungen. Ein kleiner Tourismus hat sich in den letzten 15 Jahren zwar entwickelt, allerdings nur in Bereichen, die relativ einfach zugänglich sind – insbesondere auf der Antarktischen Halbinsel. Touristenschiffe sind keine Eisbrecher. Insofern schützt sich die Antarktis selbst vor zuviel touristischer Neugier.

bdw: Sie sind gerade mit dem Forschungsschiff Polarstern wieder in eisigen Gefilden unterwegs – mit welchen Forschungszielen?

GROBE: Dieser Fahrtabschnitt ist im wesentlichen geowissenschaftlichen Arbeiten im Bereich der Prydz-Bucht und auf dem Kereguelen-Plateau gewidmet. Mithilfe von Refraktionsseismik haben wir den Kontinentalrand untersucht, um im Detail zu klären, wie sich Indien beim Zerbrechen von Gondwana von der Antarktis getrennt hat. Für Rekonstruktionen des erdgeschichtlichen Klimas wurden Sedimentkerne sowohl im Ozean als auch in Seen gezogen. Geologen haben Gesteine an Land gesammelt, die mit 3,9 Milliarden Jahren zu den ältesten der Erde gehören.

Die Fragen stellte Rüdiger Vaas

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Kro|kus  〈m.; –, – od. –s|se; Bot.〉 Angehöriger einer Gattung der Schwertliliengewächse: Crocus [<lat. crocus ... mehr

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