Aquakultur: Wie Zuchtfische helfen können, den Hunger der Menschheit zu stillen - wissenschaft.de
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Aquakultur: Wie Zuchtfische helfen können, den Hunger der Menschheit zu stillen

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Bei der Aquakultur im freien Meer, wie hier vor Island, werden die Fische in Netzgehegen gehalten. Foto: Diego Cupolo cc-by-Lizenz
Die Menschheit verbraucht über 100 Millionen Tonnen Fisch pro Jahr. Mindestens eine Milliarde Menschen sind auf Fisch als Proteinquelle angewiesen und der Bedarf steigt immer weiter. Doch die Meere sind längst erschöpft: Die Hälfte der weltweiten Bestände werden schon bis zum Rande ihrer Kapazität ausgebeutet, einem weiteren Fünftel entreißen die Netze sogar so viele Fische, dass sich die Schwärme nicht mehr regenerieren können. Zudem vernichten Verschmutzung und die Übersäuerung des Wassers durch CO2 die Ökosysteme der Weltmeere. Nach einer Schätzung des Fisheries Centre in Vancouver hat die Biomasse in den Meeren von 1970 bis 2000 um vier Fünftel abgenommen.

Seit den 1990er Jahren setzt sich Aquakultur als Alternative zur Fangfischerei durch. Gemeint sind damit Zuchten von Wassertieren in Netzen oder Käfigen in Küstengewässern, Seen oder Flüssen, sowie in künstlich angelegten Becken. Weltweit stammt jeder zweite gegessene Fisch mittlerweile aus einer solchen Zucht. Aquakulturen wachsen seit Jahren schneller als alle anderen Sektoren zur Lebensmittelproduktion. Neben Fisch werden hauptsächlich Schrimps produziert, aber auch alles andere, was im Wasser lebt und Menschen schmeckt ­ von Algen über Frösche und Schildkröten bis zu Krokodilen.

Vor allem Asien und dort besonders China deckt den Nahrungsbedarf der wachsenden Bevölkerung zunehmend durch Aquakultur. Auch Südamerika und Afrika bauen mittlerweile kräftig aus. Im europäischen Raum wird Aquakultur hauptsächlich in Norwegen betrieben.

Umweltschützer kritisieren eine Reihe ökologischer Auswirkungen der
Aquakultur: Insbesondere Futter für Raubfische enthalte große Mengen Fischmehl und Fischöl zur Erhöhung des Proteingehalts ­ laut Greenpeace verbraucht die Produktion von einem Kilo Thunfisch bis zu 20 Kilo anderer Fische. Ein weiterer Kritikpunkt ist der Verbrauch von Frischwasser zum Befüllen von Zuchtbecken. In natürlichen Gewässern belastet zu enge Fischhaltung durch Ausscheidungen und Sauerstoffverbrauch die Umgebung. Das kann ganze Biotope abtöten. Enge Schwärme sind zudem ein Herd für Krankheiten und Parasiten, die sich auf freie Tiere übertragen und den Einsatz von Antibiotika nötig machen.

Die Tiere nicht zu eng zu pferchen, löst einige dieser Probleme.
Beeinträchtigt der Verbrauch von Wasser und Fischmehl die Nachhaltigkeit der Aquakultur? Volker Hilge leitet die Außenstelle für Aquakultur des Johann-Heinrich-von-Thünen-Instituts für Fischereiökologie in Ahrensburg. Er hält den Bedenken den technischen Fortschritt entgegen: „Das Wasser in Süßwasserzuchten wird mittlerweile wiederverwendet. In dänischen Lachszuchten wird 90 Prozent des Wassers rezirkuliert, nur zehn Prozent ist Frischwasser. Durch die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte erhalten wir außerdem mit derselben Wassermenge zwanzigmal mehr Fisch“, erklärt der Wissenschaftler. Erreicht werde diese Effizienz durch Verbesserungen von Management und Hygiene und dem Einsatz von technischem Sauerstoff. Auch die Qualität des Ablaufwassers sei aufgrund besserer Futterzusammensetzung gestiegen. „Durch die Weiterentwicklung von Futter haben wir heute 70 Prozent weniger Ausscheidungen im Wasser“, zieht Hilge Bilanz.

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Ausgeklügelte Rezepte reduzieren auch die nötige Futtermenge. Musterbeispiel ist auch hier der Lachs: In modernen Zuchten kommt auf ein Kilo Lachs selten mehr als ein Kilo Futter – manchmal sogar weniger. Während die Tiere früher vorwiegend Fischmehl erhielten, besteht heute ein Großteil des Futters aus pflanzlichen Stoffen. Nebenbei sind die meisten Tiere in Fischzuchten ohnehin Vegetarier.

Marc Nolting betreut bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) die Bereiche Fischerei und Aquakultur. Auch er ist zuversichtlich, warnt aber vor Verallgemeinerung: „Man muss zwischen Zuchtmethoden und Tierarten unterscheiden. Die Lachszucht ist hochoptimiert, dagegen ist beispielsweise Thunfischzucht sehr ineffizient, da dort Fische beziehungsweise Fischabfälle verfüttert werden. Prinzipiell kann Aquakultur die Versorgungslücke schließen und auch nachhaltig gestaltet werden. Für die Schritte zur Nachhaltigkeit sind jedoch strenge Auflagen unvermeidlich“, fordert Nolting. Darum würden zur Zeit Standards und Zertifizierungsverfahren entwickelt. Daran ist auch die GTZ beteiligt, unter anderem auch an der Entwicklung sogenannter Metastandards, die ökologische, soziale und ökonomische Minimalanforderungen festlegen, auf denen beispielsweise private Öko-Zertifikate aufbauen können.

Abgesehen vom menschlichen Verzehr können gezüchtete Fische auch helfen, um natürliche Bestände wieder aufzubauen. Nolting: „Das ist natürlich eine große Chance für die Aquakultur, solange dieses sogenannte Restocking kontrolliert und mit biologischem Verständnis geschieht und in ein entsprechendes Fischereimanagement eingebunden ist.“ Vorsicht sei durchaus angebracht ­ entflohene Zuchtfische stören oft Ökosysteme und vertreiben einheimische Arten.

Aquakultur bietet damit die Möglichkeit, den Menschen auf umweltverträgliche Weise mit Fisch zu versorgen. Es liegt an der Politik, entsprechende Auflagen durchzusetzen und am Verbraucher, ökologisch vertretbare Produkte zu fördern. Verbände wie Bioland und Naturland zertifizieren bereits Fisch aus ökologischer Aquakultur ­ eine gesetzliche Bio-Kennzeichnung existiert derzeit jedoch noch nicht.

ddp/wissenschaft.de – Martin Rötzschke
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