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Auch Affen müssen Kommunikation erst lernen

Affen
Weißbüschelaffen (Bild: Manfred Eberle/ Deutsches Primatenzentrum GmbH)

Der Mensch muss das Sprechen erst lernen – in den ersten Lebensjahren eignet er sich diese Fähigkeit durch Erfahrungen und soziale Interaktionen an. Doch wie sieht es bei unseren Verwandten aus? Bisher galten Laute und Lautentwicklung von Affen als weitgehend angeboren und instinktiv. Doch das widerlegen nun Beobachtungen bei Weißbüschelaffen: Auch sie bilden ihr volles Kommunikationsvermögen erst mit der Zeit und abhängig von Erfahrungen aus.

Der Mensch lernt seine Sprache bekanntermaßen durch Erfahrungen und soziale Interaktionen mit anderen. Dabei verändern sich die menschlichen Lautäußerungen insbesondere im ersten Lebensjahr dramatisch und werden immer sprachähnlicher: Was zunächst Rufe oder ein Lachen ist, wird bald ein Babbeln und später zu ersten Worten. Bei Affen wurde dagegen bislang angenommen, dass ihre Entwicklung von Lauten, Gesten und Mimik weitgehend vorbestimmt mit der körperlichen Reifung einhergeht und innerhalb der ersten Lebenswochen stattfindet.

Was ist vorbestimmt und was erlernt?

Einer der Gründe dafür: Frühere Studien zeigten unter anderem, dass Taubheit oder soziale Isolation durch die Abwesenheit der Eltern wenig oder keinen Einfluss auf die Stimmentwicklung von Affenkindern hat. Die Tiere schienen trotz dieser Hemmnisse ein weitgehend normales Lautrepertoire zu entwickeln. „Einer der Gründe für diese Ergebnisse liegt wohl darin begründet, dass sich die bisherigen Arbeiten zur Stimmentwicklung bei nichtmenschlichen Primaten hauptsächlich auf die ersten Wochen nach der Geburt konzentrierten und mögliche Veränderungen, die mit dem späteren Wachstum in den darauffolgenden Monaten bis zum Erwachsenenalter einhergehen, ignorierten“, erklärt Yasemin Gültekin von der Universität Tübingen.

Inwieweit auch die spätere Entwicklung der Lautäußerungen bei Affen quasi automatisch verläuft, haben Gültekin und ihre Kollegen nun in einer Studie überprüft. Dafür beobachteten sie die Lautentwicklung von sechs Weißbüschelaffen vom frühen Säuglingsalter bis zur Geschlechtsreife im Alter von 15 Monaten. Während dieses Zeitraums nahmen die Wissenschaftler jeden Monat das Vokalisationsverhalten der untersuchten Tiere mit Mikrofonen auf. Insgesamt wurden so ungefähr 150.000 Lautäußerungen aufgezeichnet und analysiert.

Flexible Nutzung der Sprache durch Erfahrungen

Das Ergebnis: Die bisherigen Vorstellungen zur Sprachentwicklung von Affen scheint zumindest bei den Weißbüschelaffen nicht zuzutreffen. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich das Vokalisationsverhalten von Weißbüschelaffen, ähnlich wie in den ersten Lebensmonaten des Menschen, durch verschiedene Entwicklungsstadien von den ersten Wochen nach der Geburt bis zum Erwachsenenalter verändert“, erklärt Kurt Hammerschmidt vom Deutschen Primatenzentrum. Zwar sind alle artspezifischen Vokalisationstypen bereits im ersten Monat nach der Geburt vorhanden und viele entwicklungsbedingte Veränderungen in der akustischen Struktur, wie etwa die Rufdauer oder -häufigkeit, lassen sich weitgehend durch die körperliche Reifung erklären.

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Dennoch waren Erfahrungen beim Spracherwerb nötig. „Während Veränderungen in der akustischen Struktur hauptsächlich durch physisches Wachstum oder Reifung erklärt werden konnten, fanden wir jedoch heraus, dass die Art und Weise, wie diese Vokalisationen im Laufe der Entwicklung flexibel genutzt werden, auf erfahrungsbasierte Lernmechanismen hindeuten, die eines der Schlüsselmerkmale bei der menschlichen Sprachentwicklung sind“, so Gültekin.

So zeigte sich beispielsweise, dass die jungen Affen zunehmend einen bestimmten Ruf nutzten, sobald sie nicht mehr getragen wurden, sondern selbständig liefen. „Die beobachtete Zunahme der Rufe könnte darauf zurückzuführen sein, dass der Nachwuchs versucht, die Aufmerksamkeit der Eltern zu bekommen“, so die Forscher. „Darüber hinaus zeigen wir, dass Weißbüschelaffen während der Reifung zunehmend unterschiedliche und einzigartige Vokalisationssequenzen produzieren, was darauf hindeutet, dass der Entwicklung von Rufübergängen unterschiedliche Lernmechanismen zugrunde liegen.“

Modell für menschliche Sprachevolution

„Diese Befunde sind ein Beweis für eine verlängerte Phase der Plastizität während der Vokalentwicklung von Weißbüschelaffen“, resümieren die Forscher. Damit stellt die Primatenart ihrer Ansicht nach ein geeignetes Tiermodell dar, um die Evolution der Sprache näher betrachten zu können. „Unsere Arbeit liefert einen wichtigen Baustein, um die evolutionären Grundlagen der frühkindlichen Sprachentwicklung des Menschen besser zu verstehen“, erklärt Gültekin. „Sie schafft die Voraussetzung für zukünftige Studien darüber, wie soziale Interaktionen die Sprachentwicklung beeinflussen können.“

Quelle: Deutsches Primatenzentrum GmbH – Leibniz-Institut für Primatenforschung, Fachartikel: Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.abf2938

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