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Umwelt+Natur

Auch Schaben haben eine Persönlichkeit

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Eine Amerikanische Großschabe (Periplaneta americana)
Mutig oder scheu? Sozial oder eher einzelgängerisch? Bei uns Menschen und vielen Säugetieren ist klar: Jeder ist anders und hat eine individuelle Persönlichkeit. Und sogar bei einigen sozialen Insekten haben Forscher in den letzten Jahren Hinweise auf individuelle Wesenszüge entdeckt. Der neueste Zuwachs in der Riege der Tiere mit Persönlichkeit kommt allerdings auch für Biologen eher überraschend. Denn es handelt sich ausgerechnet um die eher wenig beliebten Kakerlaken. Wie belgische Forscher herausfanden, spielen bei ihnen individuelle Eigenheiten eine wichtige Rolle dafür, wie schnell und gut sich eine Schabengruppe auf ein Versteck einigen kann.

Die meisten Menschen können auf Schaben als Mitbewohner gut verzichten. Denn haben sich die anpassungsfähigen Allesfresser erst einmal in einer Wohnung eingenistet, wird man sie so schnell nicht wieder los. Die im Dunkeln aktiven Insekten sind extrem flink und verschwinden beim Anschalten des Lichts in Windeseile in dunklen Ritzen. Dabei bevorzugen sie die Geborgenheit in der Gruppe: „Wenn sie vor der Wahl verschiedener, gleich guter Verstecke stehen, wählen die Schaben alle den gleichen und sammeln sich dort“, wie Isaac Planas-Sitjà von der Freien Universität Brüssel und seine Kollegen erklären. Das wiederum bedeutet, dass sich die Schaben innerhalb sehr kurzer Zeit auf ein Versteck einigen müssen – es gibt bei ihnen eine Art kollektive Entscheidungsfindung. Ob und wie diese Gruppen-Beschlüsse möglicherweise durch das Verhalten der Einzeltiere – ihre Persönlichkeit – beeinflusst werden, haben die Forscher nun bei Amerikanischen Großschaben (Periplaneta americana) untersucht.

Für ihre Studie setzten die Biologen Gruppen von jeweils 16 männlichen Schaben in eine runde, nach außen hin abgeschirmte  Arena. Alle Schaben waren mit RFID-Tags ausgestattet, durch die die Forscher ihre Bewegungen und genaue Position verfolgen konnten. Als potenzielle Verstecke hingen zwei runde, halbtransparente Plexiglasscheiben drei Zentimeter über dem Arenaboden. Sie boten zwei geschützte, halbdunkle Zonen, sobald das Licht der Arena angeschaltet wurde. Die Wissenschaftler beobachteten nun, wie schnell sich die Schaben auf ein Versteck einigten und welche Tiere dabei besonders schnell oder langsam eines der Verstecke betraten.

Draufgänger und Zögerer

Wie sich zeigte, gab es klare individuelle Unterschiede: Einige Schaben gehörten immer zu den ersten, die eines der Verstecke aufsuchten. Andere Tiere warteten dagegen eher ab und folgten dann erst der Gruppe in die dunkle Schutzzone. Das typische Verhalten der Einzeltiere änderte sich dabei im Verlauf der gesamten Testwoche nicht, wie die Forscher berichten. Die „Schnellstarter“ blieben in jedem Durchgang forsch, die eher vorsichtigen Schaben hingen immer etwas zurückhaltend. Für Planas-Sitjà ist das ein klares Indiz für individuelle Wesenszüge: „Auch Kakerlaken haben Persönlichkeiten.“ Und das, obwohl die Schaben alle aus einer Zucht kamen, alle Männchen waren und unter den gleichen Bedingungen aufgewachsen. Dass die Tiere unter diesen Umständen trotzdem so klare Unterschiede im Veralten zeigten, hätten selbst die Forscher nicht erwartet.

Aber nicht nur das: Die Persönlichkeit der Einzeltiere beeinflusste auch das Verhalten der Gruppe als Einheit: „Einige einigten sich schnell auf ein Versteck und trafen eine kollektive Entscheidung, bei anderen Gruppen mit stärker kontrastierenden Persönlichkeiten dauerte dies dagegen länger“, berichtet Planas-Sitjà. Auf den ersten Blick erscheint Letzteres eher nachteilig, weil Schaben, die zu lange brauchen, als erste erwischt werden. Doch auch die Qualität des Verstecks spielt eine wichtige Rolle für das Überleben. „Deshalb ist in der Natur die richtige Wahl des Verstecks genauso wichtig wie das Tempo“, sagen die Forscher. Und genau hier kommen die Persönlichkeiten ins Spiel: Wenn in einer Gruppe sowohl wählerische als auch schnelle Schaben vertreten sind, dann könnte das dazu beitragen, die optimale Balance zwischen Vorsicht und Tempo zu halten.

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Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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