Auch Wildtiere haben PTSD - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Umwelt+Natur

Auch Wildtiere haben PTSD

Schwarzkopfmeise
Diese Schwarzkopfmeise (Poecile atricapillus) kann durch Kontakt mit einem Raubvogel nachhaltig traumatisiert werden. (Bild: Zanette Lab/ University of Western Ontario)

Wenn Wildtiere mit einen Fressfeind konfrontiert sind, reicht ihre Reaktion weit über das klassische „Flüchten oder Kämpfen“ hinaus, wie nun eine Studie mit Meisen enthüllt. Denn noch Tage oder sogar Wochen später zeigen die Tiere Symptome, die verblüffend denen der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) beim Menschen ähneln. Das unterstreiche, dass die PTSD kein unnatürliches, rein menschliches Phänomen sei, sondern auch in der Natur vorkomme, betonen die Forscher.

Ob Unfall, Krieg oder andere emotional schwerwiegende Situationen: Wer lebensbedrohliche Ereignisse erlebt, geht oft nicht ohne nachhaltige Folgen daraus hervor. Viele Menschen leiden noch Wochen, Monate oder sogar Jahre später unter Schlafstörungen, Angstattacken, übersteigerter Schreckhaftigkeit und Wachsamkeit und in vielen Fällen auch unter Depressionen oder Aggression. Häufig wird eine solche Posttraumatische Belastungsstörung als entgleiste, abnormale Reaktion der Psyche auf den extremen Stress der auslösenden Situation gedeutet.

Leiden wilde Meisen unter PTSD?

Doch ist diese Reaktion auf traumatische Ereignisse wirklich „unnatürlich“? Immerhin ist schon länger bekannt, dass auch Versuchstiere wie Mäuse mit ähnlich anhaltenden Symptomen auf beängstigende Situationen wie die Gegenwart einer Katze oder den Geruch des Raubtieres reagieren können. „Wir wissen heute, dass lebensbedrohliche Ereignisse anhaltende Effekte auf Gehirn und Verhalten haben können“, erklären Liana Zanette von der Western University in London und ihre Kollegen. Und dieses Phänomen sei inzwischen auch bei vielen Labortieren beobachtet worden.

Unklar blieb aber bisher, ob dies eine Folge der Haltung in Gefangenschaft und der Zucht ist oder ob PTSD-ähnliche Symptome auch bei Wildtieren vorkommen. Ob das der Fall ist, haben Zanette und ihr Team nun bei wilden Schwarzkopfmeisen (Poecile atricapillus) untersucht. Im Experiment setzten sie diese Verwandten unsere heimischen Meisen zwei Tage lang wiederholt den Rufen verschiedener Raubvögel aus, die zu den häufigsten Fressfeinden dieser Singvögel gehören. Eine Kontrollgruppe hörte stattdessen die Rufe harmloser Tiere wie Fröschen oder anderen Singvögeln. Anschließend kamen die Meisen für sieben Tage wieder in den Schwarm zurück.

Verstärkte Schreckreaktion und Angstanzeiger im Gehirn

Dann folgte der eigentliche Test: Die Forscher setzten die Meisen den typischen Warnrufen ihrer Art aus und beobachteten, wie sich die Vögel verhielten. Würden die Vögel die für PTSD typische übersteigerte Angstreaktion zeigen? Tatsächlich zeigten die eine Woche zuvor mit den Raubvogel-Rufen beschallten Meisen ein deutlich ängstlicheres Verhalten als ihre Artgenossen: Sie verbrachten sechsmal mehr Zeit damit, wie erstarrt bewegungslos aber hochgradig wachsam dazusitzen, wie Zanette und ihre Kollegen berichten.

Anzeige

Auch im Gehirn der Vögel gab es messbare Veränderungen: Sieben Tage nach den traumatischen Erfahrungen zeigte sich in den beiden am Angst-Schaltkreis beteiligten Hirnarealen, der Amygdala und dem Hippocampus, eine fast 50 Prozent höhere Aktivität eines für Angstreaktionen typischen Markers. „Unseres Wissens nach ist dies das erste Experiment, das demonstriert, dass die von Raubtieren ausgelöste Angst anhaltende Effekte auf Amygdala und Hippocampus eines Wildtiers verursachen kann“, sagen Zanetti und ihre Kollegen. Ihrer Ansicht nach sind von ihnen beobachteten Veränderungen im Verhalten und Gehirn der Meisen ein klares Anzeichen dafür, dass auch diese Vögel unter einer Art Posttraumatischer Belastungsstörung leiden können.

Ein natürliches Phänomen

Was aber bedeutet dies biologisch gesehen? Wie die Forscher erklären, kann eine solche PTSD-Reaktion bei einem Wildtier durchaus negative Folgen für seine ökologische Fitness haben. Denn eine Meise, die ständig in Schreckstarre verfällt, hat auch weniger Zeit nach Nahrung zu suchen oder sich um Paarung und Nachkommen zu kümmern. Andererseits kann eine übersteigerte Wachsamkeit in Anwesenheit vieler Fressfeinde auch dazu beitragen, die Überlebenschancen zu verbessern. PTSD bei Wildtieren wäre demnach eine natürliche Reaktion, die zwar biologische Kosten mit sich bringt, aber das Überleben in bestimmten Situationen verbessern kann.

„Unsere Ergebnisse stützen damit die Annahme, dass PTSD nicht unnatürlich ist und dass solche langanhaltenden Folgen der von Prädatoren verursachen Angst in der Natur sogar die Norm sein könnten“, konstatiert Zanette. „Das hat auch bedeutende Konsequenzen für die Psychologie, die biomedizinische Forschung und die Ökologie.“

Quelle: University of Western Ontario; Fachartikel: Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-019-47684-6

Anzeige

natur | Aktuelles Heft

Aktueller Buchtipp

natur-Sonderausgabe 2019

Landwirtschaft 4.0
Wie Technik, Tierschutz und Bio-Standards eine Branche verändern

Anzeige

Grünstoff – der Medientipp des Monats

Wissenschaftslexikon

Aus|tern|fi|scher  〈m. 3; Zool.〉 schwarzweiß gefiederter Schnepfenvogel von Taubengröße an der Nord– u. Ostseeküste: Haematopus ostralegus (frisst keine Austern!)

kom|men|tie|ren  〈V. t.; hat〉 etwas ~ 1 (wissenschaftlich) erläutern 2 erläutern, beurteilen, eine (kritische) Stellungnahme zu etwas abgeben, bes. in den Medien ... mehr

Be|dro|hung  〈f. 20〉 Drohung, Ankündigung von Unheil od. Gewalt ● tätliche ~ 〈Rechtsw.〉 Ankündigung von ungesetzl. Gewaltanwendung ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige