Auch wir können noch die Ohren „spitzen“ - wissenschaft.de
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Auch wir können noch die Ohren „spitzen“

Offenbar können wir nicht nur mit den Fingern unsere Ohren auf Geräuschquellen ausrichten. (Bild: nicolas_/iStock)

Ein feines Geräusch von oben-rechts – und schon richtet sich das Katzenohr präzise auf die Schallquelle aus: Im Gegensatz zum starr wirkenden Hörorgan des Menschen können viele Tiere ihre Ohren eindrucksvoll bewegen. Doch wie nun eine Studie zeigt, besitzen auch wir noch Überbleibsel dieser Fähigkeit: Menschen machen unbewusst winzige Ohrbewegungen, die mit der Richtung verbunden sind, auf die sie gerade ihre Aufmerksamkeit lenken. Diese Reaktionen sind nicht nur ein kurioses Rudiment unserer Entwicklungsgeschichte, sie könnten auch der Entwicklung von Hörgeräten dienen, sagen die Wissenschaftler.

Ist so die Redewendung „die Ohren spitzen“ entstanden? Vielleicht haben wir schon immer intuitiv gewusst, dass etwas in unseren Ohren passiert, wenn wir aufmerksam zuhören oder neugierig lauschen. Klar scheint: Geht man nur weit genug in der Entwicklungsgeschichte zurück, besaß auch der Mensch Vorfahren, die ähnlich mobile Ohren hatten wie sie auch heute noch viele Primatenarten besitzen. Sie nutzen diese feinmotorische Fähigkeit zur präzisen Ausrichtung der Hörmuscheln auf Geräuschquellen, um sie besser zu erfassen und präzise im Raum zu lokalisieren. Warum diese Fähigkeit im Lauf der Entwicklungsgeschichte des Menschen und seiner nächsten Verwandten verloren gegangen ist, bleibt unklar.

Rudimentäre Ohrmuskulatur

Es ist allerdings bekannt, dass der Mensch noch rudimentäre Muskeln im Bereich der Ohren besitzt – manche können mit ihnen die Ohren wackeln lassen. Die Forscher um Daniel Strauss von der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, sind nun der Frage nachgegangen, ob dieses rudimentäre motorische Systems des Ohres noch Reaktionen bei Höreindrücken zeigt. Um möglicherweise unsichtbaren Ohrbewegungen beim Hören auf die Spur zu kommen, haben die Forscher die Steuersignale des Nervensystems mittels Oberflächen-Elektromyogrammen erfasst. Dazu haben sie einigen Freiwilligen Sensoren auf die Haut aufgeklebt, die elektrische Impulse im Bereich der Ohr-Muskeln aufzeichnen.

Auf diese Weise ausgerüstet, nahmen die Probanden an auditiven Tests teil. Die Forscher untersuchten dabei zwei Arten von Aufmerksamkeit: Zur Beurteilung derjenigen, die automatisch durch unerwartete Geräusche auftritt, überraschten sie die Studienteilnehmer durch plötzliche Geräusche von verschiedenen seitlichen Positionen, während sie mit Lesen beschäftigt waren. Beim zweiten Test untersuchten die Wissenschaftler die Versuchsfrage bei der zielorientierten Aufmerksamkeit, die für das aktive Zuhören typisch ist. Die Probanden sollten dazu eine Kurzgeschichte von einem seitlichen Sprecher erfassen, während es eine „konkurrierende“ Geschichte von der gegenüberliegenden Seite zu ignorieren galt.

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Winzige Ausrichtungs-Bewegungen

Wie die Forscher berichten, zeigten die Auswertungen der elektrischen Aktivität bei beiden Versuchen: In feinen Bewegungen der rudimentären Muskeln im menschlichen Ohr spiegelt sich die Richtung der Geräusche wider, auf die eine Person achtet. Obwohl sie sich unserer Beobachtungsfähigkeit entziehen, sind die subtilen Bewegungen sogar optisch nachweisbar, zeigten weitere Untersuchungen. Die Forscher fertigten dabei während der Versuche hochauflösende Videoaufzeichnungen der Ohren der Versuchspersonen an. Auswertungen am Computer machten dann die winzigen Bewegungen sichtbar.

Je nach Art des Reizes kommt es demnach zu subtilen Aufwärtsbewegungen des Ohres sowie unterschiedlich starken Rückwärtsbewegungen der Seitenkante der Ohrmuschel, berichten die Wissenschaftler. „Der Mensch hat höchstwahrscheinlich ein rudimentäres Orientierungssystem beibehalten, das die Bewegung seiner Ohrmuscheln zu kontrollieren versucht, und das als ‚neurales Fossil‘ im Gehirn seit etwa 25 Millionen Jahren fortbesteht“, sagt Strauss.

Ihm und seinen Kollegen zufolge geht die Bedeutung der Studie möglicherweise über die Biologie hinaus: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass es mit dem Elektromyogramm der Ohrmuskeln eine einfache Methode zur Erfassung der auditorischen Aufmerksamkeit gibt. Sie kann nicht nur in der Grundlagenforschung eingesetzt werden, sondern es ergeben sich auch interessante Anwendungen“, so Strauss. So könnte das System etwa der Entwicklung von Hörgeräten dienen. Spezielle Funktionen könnten die elektrische Aktivität der Ohrmuskeln blitzschnell erfassen. Das Hörgerät könnte dann die Richtung erkennen, in die sich die Ohren zu orientieren versuchen, und die Verstärkung der Richtmikrofone entsprechend anpassen. „So könnten die Geräusche, die der Träger zu hören versucht, verstärkt werden, während das System die Geräusche, die er zu ignorieren versucht, unterdrückt“, sagt Strauss.

Quelle: Universität des Saarlandes, Fachartikel: eLife, doi: 10.7554/eLife.54536

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