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Umwelt+Natur

Auffälliges Aussehen durch Schiffslärm

Eine junge Strandkrabbe auf einem Fingernagel. (Bild: Martin Stevens)

Sogar den Strandkrabben wird’s im Wasser zu laut: Häufiger Schiffslärm beeinträchtigt ihre Fähigkeit sich zu tarnen, berichten Forscher. Die Tiere passen ihr Äußeres demnach nicht mehr richtig an die Umwelt an und werden deshalb zu einer auffälligen Beute. In den fein abgestimmten ökologischen Gleichgewichten kann dies zu einem Problem werden. Möglicherweise sind neben Krebstieren auch andere Meeresbewohner von ähnlich unerwarteten Effekten des menschengemachten Unterwasserlärms betroffen, sagen die Wissenschaftler.

Nicht einmal der Stille Ozean wird seinem Namen gerecht: Im Reich des Neptun geht es ausgesprochen laut zu. Die Unterwassergeräusche haben dabei viele natürliche Ursachen: Neben Wasserbewegungen erzeugen viele Lebewesen der Meere Geräusche und besitzen auch entsprechende Hörfähigkeiten. In diese natürliche Soundkulisse mischt sich allerdings vielerorts ein tosender Störfaktor: Vor allem der Schiffsverkehr sorgt für teils ohrenbetäubenden Lärm unter Wasser. Studien zeigen, dass viele Meeresstiere sich davon erheblich irritieren lassen. Vor allem Arten, die ein akustische Kommunikations- oder Orientierungssystem besitzen – wie Meeressäuger und einige Fischarten – standen dabei bisher im Fokus.

Strandkrabben im Schiffsgetöse

In der aktuellen Studie sind die Forscher um Emily Carter von der University of Exeter nun der Frage nachgegangen, ob sich Schiffslärm auch auf Meerestiere auswirkt, die man zunächst für eher wenig lärmempfindlich halten könnte: Krabben. Dass sie prinzipiell auf Schall reagieren, war bekannt. Im Rahmen ihrer Studie haben die Forscher nun untersucht, wie sich Schiffslärm auf die Krebstiere auswirkt. Bei den Versuchstieren handelte es sich um Exemplare einer Art, die viele Menschen aus Urlauben am Meer kennen: Die Strandkrabbe (Carcinus maenas) ist ein häufiger und weitverbreiteter Bewohner der europäischen Küsten und spielt deshalb eine wichtige Rolle in den Ökosystemen.

Bei den Experimenten wurden dunkel gefärbte junge Strandkrabben in Versuchsbecken mit weißem Untergrund gesetzt. Einige Becken wurden acht Wochen lang jede Stunde einmal etwa zwei Minuten lang mit Unterwassergeräuschen beschallt, wie sie ein Kreuzfahrt- oder Containerschiff erzeugen würde, das etwa 200 Meter entfernt vorbeifährt. In Kontrollbecken hörten die Krabben hingegen natürliche Wassergeräusche, die allerdings der Lautstärke der Schiffsgeräusche entsprachen. Die Frage war nun, ob sich Unterschiede zwischen den Krabben im Schiffs-Ambiente und den Versuchstieren im natürlichen Geräuschumfeld feststellen lassen.

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Stress stört Farbanpassung und Verhalten

Wie die Wissenschaftler berichten, war der Unterschied buchstäblich offensichtlich: Wie zu erwarten war, hatten die Krabben in den Kontrollbecken die Farbe ihres Panzers im Zuge von Häutungen dem hellen Hintergrund angepasst, um sich zu tarnen. Sie hatten ihre schwarze Farbe dadurch im Laufe der Zeit in fast reines Weiß verwandelt. Doch das war den Krabben, die dem Schiffslärm ausgesetzt waren, nicht gelungen: Sie hatten es nur auf einen Braunton gebracht, der nicht dem hellen Hintergrund entsprach.

Die Wissenschaftler vermuten, dass die mangelnde Anpassungsfähigkeit eine Folge des Stresses ist, der durch den Schiffslärm ausgelöst wurde. „Die Farbänderung bei Strandkrabben ist ein langsamer, energetisch kostspieliger Prozess, der von Hormonen gesteuert wird, die spezialisierte Pigmentzellen in ihrer Schale aktivieren“, sagt Carter. „Stress verbraucht Energie und stört den Hormonhaushalt. Wir glauben daher, dass der durch Schiffslärm verursachte Stress den Krabben entweder die Energie entzieht, die erforderlich ist, um die Farbe richtig zu ändern, oder den Hormonhaushalt stört, der für die Farbänderung erforderlich ist“, sagt der Wissenschaftler.

Dass der Schiffslärm zu akuten Irritationen oder Stress führt, konnten die Forscher auch durch Verhaltensuntersuchungen belegen: Wenn sie Krabben simulierten Vogelangriffen aussetzten, versteckten sich die Tiere vergleichsweise wenig effektiv, wenn gleichzeitig Schiffslärm ertönte. „Ungefähr die Hälfte der Krabben, die Schiffslärm ausgesetzt waren, reagierten überhaupt nicht auf den Angriff, und andere versteckten sich nur zögerlich“, sagt Carter. „Ähnlich wie Menschen Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren, wenn sie gestresst sind, leidet offenbar auch die Reaktionsfähigkeit der Krabben“, so der Wissenschaftler.

Die Studie verdeutlicht somit erneut, wie subtil sich viele menschengemachte Störungen auf die Natur auswirken können. Denn wer hätte schon gedacht, dass Lärm das Aussehen von Krabben beeinflussen könnte. „Es sind offenbar nicht nur Tiere von der Lärmbelastung betroffen, von denen eine aktive Nutzung von Geräuschen bekannt ist, wie Wale oder einige Fischarten“, resümiert Senior-Autor Martin Stevens. Das Team will deshalb nun auch weiterhin den möglicherweise bisher unerkannte Wirkungen der menschengemachten Stressfaktoren im Lebensraum Meer nachgehen.

Quelle: Cell Press, Fachartikel: Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2020.01.014

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