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Umwelt+Natur

Aus Katastrophen lernen? Ja, aber das braucht Zeit

?Die Geschichte der Ölindustrie ist eine Geschichte ständiger Umweltver- schmutzung.? Zu diesem Ergebnis kommt bdw-Korrespondent Thomas Willke in einer aktuellen Analyse jüngerer und älterer Ölkatastrophen in bild der wissenschaft. In vielen Interviews mit Umwelt- und Meeresforschern fand er heraus, was die Selbstheilungskräfte der Natur gegen die Folgen einer Ölpest wie der im Golf von Mexiko ausrichten können ? und was nicht.

Einerseits sind die Nachrichten aus der Lebenswelt der Meere beruhigend: ?Es gibt mit Sicherheit einige Hundert Arten erdölabbauender Bakterien?, sagte Antje Boetius, Professorin am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven im Gespräch mit bild der wissenschaft, ?in Süßwasser, in Salzwasser, sogar in sauberen Gewässern, dort allerdings nur in sehr geringen Konzentrationen?.

Diese Bakterien werden früher oder später mit nahezu jeder natürlichen oder menschgemachten Ölverschmutzung fertig. Schnell ? und das heißt in diesem Fall in Jahren oder Jahrzehnten ? geht das aber nur, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind: Das Wasser muss bewegt sein, warm und sauerstoffreich. In der Bretagne, wo 1978 der Tanker Amoco Cadiz kenterte und 200 000 Tonnen Rohöl ins Meer strömten, waren diese Bedingungen gegeben. Die Küste ist heute wieder ?ein weitgehend ölfreier Lebensraum?, wie Thomas Willke schreibt. Allerdings benötigen, was wenig bekannt ist, ölfressende Bakterien auch diverse Mineralien, um ihre Aufgabe zu verrichten: vor allem Stickstoffsalze, Phosphat und Eisen. Die Konzentration dieser Stoffe ist aber im Meer generell niedrig, und das setzt dem Stoffwechsel der Bakterien selbst unter Idealbedingungen Grenzen.

Gefährliches Bohren in der Kälte

Läuft dagegen Öl in einem gegen Wellengang geschützten und noch dazu kalten Gewässer aus wie 1989 beim Unfall des Tankers Exxon Valdez im Prinz-William-Sund in Süd-Alaska, sind die Folgen katastrophal und langwierig: Mehrere Hundert Meeresvögel starben damals unmittelbar nach dem Unglück, die Heringsbestände brachen ein Jahr später zusammen und haben sich bis heute nicht erholt. Für Laien nicht sichtbar, aber für das Ökosystem der Südküste von Alaska wichtig sind große Tangwälder am Meeresboden. Sie wurden durch das Öl weitflächig zerstört und konnten sich nur an wenigen Stellen regenerieren.

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Wer sich mit diesen und ähnlichen Umweltkatastrophen in kalten Regionen beschäftigt, wird nicht gerade beruhigt sein zu hören, dass der britische Ölkonzern BP, Betreiber der am 20. April 2010 im Golf von Mexiko explodierten Ölplattform ?Deepwater Horizon?, zusammen mit dem russischen Staatskonzern Rosneft die Ausbeutung von Ölvorkommen im Nordpolarmeer plant. Zwar ist der im Januar beschlossene Deal mittlerweile ins Stocken geraten, weil sich ein privater Kooperationspartner von BP in Russland übergangen fühlt, aufgegeben wurden die Pläne jedoch keineswegs.

Auch im Golf von Mexiko wurde bereits im März eine neue Tiefseebohrung genehmigt, weitere neue Bohrplattformen sollen folgen. Dabei hatten Wissenschaftler kaum Zeit, die Folgen des Deepwater-Horizon-Desasters aufzuarbeiten. Denn es hat sie vor völlig neue Probleme gestellt: Erstens war es mit schätzungsweise 700 000 ausgelaufenen Tonnen die zweitgrößte Ölkatastrophe aller Zeiten ? schlimmer war nur noch die von Saddam Hussein im ersten Golfkrieg durch Sprengung der Ölanlagen angerichtete Vergiftung des Persischen Golfs. Zweitens ist noch nie so viel Öl in so großer Meerestiefe ausgetreten. Und über das Leben der Tiefsee ?wissen die Forscher noch so gut wie nichts?, konstatiert Thomas Willke in bild der wissenschaft.

===Thomas Willke: ?Wie die Natur das Öl verdaut? in bild der wissenschaft 5/2011, Spiegel online über BP – ein Jahr nach dem Öldesaster, Zeit online über neue Bohrungen im Golf von Mexiko, ===Ralf Butscher über Bodenschätze im Nordpolarmeer (bdw 7/2007) wissenschaft.de – Judith Rauch
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