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Ausgezittert

Viel präziser als jeder Mensch: der Operations- Automat. Bis zu einem Tausendstelmillimeter genau fräst „OP 2015“ sich durch Knochen und setzt Schnitte, ohne „Ausrutscher“. Der Chirurg steuert die Maschine aus dem Cockpit-Sessel. Noch nicht Klinikalltag – aber ein Prototyp zeigt, wohin die Reise geht.

In der Vorstellung vom Operationssaal der Zukunft ist der Arzt nicht mehr allein auf seine Fingerfertigkeit angewiesen: Roboter sollen mit vom Menschen unerreichbarer Präzision assistieren. Noch ist die robotergesteuerte Operation Zukunftsmusik. Doch der Wiesbadener Chirurg, Professor Volker Urban, ist überzeugt, daß seine virtuelle Robot-OP-Welt zumindest in Teilen noch vor dem Jahr 2015 Wirklichkeit wird.

„Es kann doch nicht der Weisheit letzter Schluß sein, daß der Chirurg das Endoskop von Hand führt“, betont Urban immer wieder: „Jedes Zittern, jedes Zucken kann bei einer neurochirurgischen Operation ernste Folgen haben und wichtige Hirnstrukturen zerstören.“ Die menschliche Hand, so weiß der Neurochirurg aus eigener Erfahrung, kann sich nur im Millimeterbereich feinmotorisch exakt bewegen. Für komplizierte Eingriffe reicht dies aber nicht aus: Gerade bei den sogenannten stereotaktischen Eingriffen – hier müssen abgegrenzte Teile mitten im Gehirn mit absoluter Präzision erreicht und bearbeitet werden – kann der Bruchteil eines Millimeters über den Erfolg der Operation oder gar über Leben und Tod entscheiden.

Daher arbeitet Urban hart an der Realisierung seiner Vision. Unterstützung fand er am Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA): Gemeinsam mit Siemens wurde dort in nur sechs Monaten ein Operationsroboter gebaut. Der Prototyp „OP 2015“, der inzwischen auf mehreren Medizinmessen für Aufregung gesorgt hat, kann beispielsweise bis auf ein Tausendstelmillimeter genau ein Endoskop führen – sehr viel exakter als der beste Chirurg.

Das Modell für den automatischen OP-Gehilfen hat sich der Wiesbadener Kliniker bei der Natur abgeschaut: Flink und flexibel wie eine Ameise arbeitet sich der von außen gesteuerte OP 2015 im Körper des Menschen voran. Er kann mit verschiedenen Operations-Instrumenten beladen werden, ohne seine Beweglichkeit zu verlieren. Wie das emsige Insekt kann der Roboter voll beladen seinen Kopf um die eigene Achse drehen: Rundumblick im menschlichen Organismus.

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Auch die winzigen Scheren oder Skalpelle am vorderen Ende der kleinen Maschine erinnern an die Mundwerkzeuge einer Ameise. Und ebenso, wie sich Insekten in der Natur selbst an extreme Lebensräume anpassen können, soll auch der Operationsroboter vielseitig einsetzbar sein. Wo es auf wenige Tausendstelmillimeter ankommt, kann er sich exakt an Nervenbahnen oder Muskelfasern entlangtasten, winzige Tunnel in den Schädelknochen fräsen oder Zahnimplantate an genau die richtige Stelle setzen.

Doch es gibt auch Sekepsis. Nach Erfahrungen der Fraunhofer-Forscher haben viele Menschen Schwierigkeiten bei der Vorstellung operierender Maschinen. „Wenn von Robotern im Operationssaal die Rede ist, taucht fast automatisch das Bild einer Medizin-„Fabrik“ auf – mit Patienten, die wie Werkstücke auf einem Förderband durchgeschleust werden“, karikiert IPA-Leiter Prof. Rolf Dieter Schraft das Schreckensbild.

Ein derartiges Szenario hält er für unrealistisch. Der Arzt werde auch künftig nicht von einem Roboter ersetzt. Es werde in absehbarer Zeit keine Maschine geben, die routinemäßig den Blinddarm entfernt, die Galle entnimmt oder selbständig die Mandeln operiert. Der Roboter, so sieht es der IPA-Wissenschaftler, dient dem Menschen stets nur als Hilfe bei der Arbeit.

Schraft wirbt um Vertrauen: Eine maschinelle Fließbandoperation werde es nicht geben. Automaten sollten in der Medizin vielmehr eingesetzt werden, um Operationsrisiken zu minimieren und neue Behandlungsverfahren zu ermöglichen.

Tanja Volz
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