Automat statt Fleißarbeit: Das mühsame Trennen des Mülls von Hand ist bald Vergangenheit - wissenschaft.de
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Automat statt Fleißarbeit: Das mühsame Trennen des Mülls von Hand ist bald Vergangenheit

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Der Sortiereifer in Sachen Müll könnte hierzulande bald der Vergangenheit angehören. Die automatische Mülltrennung zeigt sich in jüngsten Großversuchen deutlich zuverlässiger als der Mensch. Nicht nur die verschiedenen Kunststoffe können in Bruchteilen einer Sekunde aus dem Mischmüll herausgefischt werden. Sie lassen sich inzwischen sogar nach Farben unterteilen. Wissenschaftler erwarten deshalb, dass die Tage der Gelben Tonne gezählt sind.

In Kellern und Abstellkammern deutscher Musterhaushalte stapeln sich fein säuberlich gespülte Joghurtbecher, Folien und Flaschen. Gewissenhaft wird der Abfall getrennt und gereinigt. In Berlin beispielsweise ist das eine echte Herausforderung, da vor jeder Haustüre inzwischen bis zu sieben verschiedene Mülltonnen stehen. Doch der Sortiereifer der Deutschen könnte bald überflüssig werden: Die Trennung des Abfalls von Hand ist heute eigentlich von der Technik bereits überholt, besonders für die Gelbe Tonne, sagen Wissenschaftler.

Schrittweise hat sich die automatische Sortierung von Abfällen in den vergangenen Jahren verbessert. In ihrer Genauigkeit übertrifft sie heute bereits die Gewissenhaftigkeit der Müll sortierenden Bürger. Sogar Abfälle aus der Restmülltonne können automatisch getrennt werden. „Das gelingt sogar sortenrein und in hoher Qualität“, betont Helmut Paschlau, Berater für Umweltschutz und Abfallwirtschaft in München gegenüber ddp.

Die moderne Sortiertechnik entstand vor dem Hintergrund der unzulänglichen Trennung in den Haushalten. Im Schnitt gehören fünfzig Prozent der Abfälle in der Gelben Tonne da überhaupt nicht hinein. Ein ähnlich großer Anteil ist es in der Restmülltonne. Um diese Abfälle zu verwerten, muss in großen Anlagen automatisch nachsortiert werden. „Die Gelbe Tonne ist folglich sehr ineffizient und auch unökologisch. Ich erwarte, dass sich da in den kommenden Jahren etwas ändern wird“, folgert Paschlau.

Moderne Sortieranlagen trennen heute nicht nur nach Material oder Form, sie können seit kurzem sogar nach Farbe unterscheiden. So lassen sich verschiedenfarbige Kunststoffe oder Gläser separieren. Ein Magnetabscheider fischt zunächst magnetische Metalle wie Eisen aus dem Gemenge. Mit einem Gebläse, auch Sichtung genannt, werden danach die Materialien nach Dichte aufgeteilt: Hier trennen sich die Wege leichter Plastikfolien und schwererer Kunststoffflaschen. Zu guter Letzt können über Nahinfrarot-Sensoren die Kunststoffe unterschieden und sogar nach ihrer Farbe aufgeschlüsselt werden.

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„Die Nahinfrarot-Technik hält seit ungefähr fünf Jahren in den Sortierstraßen Einzug. Zur Farberkennung mittels Bildverarbeitung wird sie erst in einer Hand voll Anlagen genutzt“, sagt Paschlau. Die Kunststoffverpackungen werden auf dem Fließband auseinandergezogen und mit Halogenlicht angestrahlt. Verschiedene Kunststoffe schlucken das Licht unterschiedlich, sodass das verbleibende Licht Aufschluss über die Art der Verpackung gibt. PE, PP, PS und PET werden von den Sensoren erkannt. Mit Druckluft werden sie vom Band in verschiedene Kanäle gefegt. „Dies geschieht in Millisekunden und ist nur mit moderner Datenübertragung so schnell möglich“, erläutert Professor Klaus Wiemer von der Universität Kassel.

Die Qualität der Sortierung nimmt jedoch ab, wenn feuchter Müll mit aufs Förderband gelangt. Windeln oder Obstschalen beispielsweise verkleben die Abfälle, und diese lassen sich schwerer trennen. Daher empfiehlt Paschlau für die Zukunft eine trockene Mischmülltonne – ohne Bioabfälle und feuchten Restmüll. Wiemer hofft dagegen auf eine Novelle der Verpackungsverordnung. Dann nämlich könnte alles noch einfacher werden. Bioabfall und trockene Abfälle – sie alle könnten in eine Tonne geworfen werden.

Der Müll würde dann zunächst zerkleinert, ehe Bakterien ihr Werk beginnen und den Müll bei einer Temperatur von 50 Grad zersetzen. Dabei entsteht Wärme, die zur Trocknung des Mülls genutzt wird. Bei diesem so genannten Trockenstabilat-Verfahren besteht der Abfall am Ende aus klein gemahlenem Kies. Er ist nicht klebrig und lässt sich bequem in einer automatischen Sortierstraße trennen – in verschiedene Kunststoffe, Glas und Metalle.

Mit dem Trockenstabilat-Verfahren müsste niemand mehr die Verpackungsmaterialien mit dem Grünem Punkt getrennt sammeln, und die Recyclingquoten könnten dennoch eingehalten werden. Voraussetzung dafür wäre allerdings eine Gesetzesänderung. Bis dahin wird das Verfahren nur für Restmüll angewandt: „Bis 2005 werden 5 bis 6 Millionen Bürger angebunden sein“, schätzt Wiemer.

Ob hochmoderne Sortierung alleine oder in Kombination mit dem Trockenstabilat-Verfahren: die Entsorgungswege werden sich allmählich verändern. Zu groß ist der ökonomische Druck, der auf der Gelben Tonne lastet, urteilen die Wissenschaftler: Die Verwertung einer Tonne Abfall mit dem Grünen Punkt kostet 500 Euro. Mit moderneren Verfahren wäre es weniger als die Hälfte.

Susanne Donner
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