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Klimawandel

Bedrohtes „Meereis-Refugium“

Die „Last Ice Area" gilt als Zufluchtsort für Eisbär und Co. (Bild: Kristin Laidre/University of Washington)

Für Eisbär und Co wird es immer enger: Eine arktische Region, die als Rückzugsgebiet für eisabhängige Tierarten gilt, ist weniger widerstandsfähig gegenüber der Erderwärmung als bisher angenommen. Dies geht aus einer Analyse der Rekordschmelze des Packeises hervor, die einen Teil dieser Region im Sommer 2020 heimgesucht hat. Demnach war eine ungewöhnliche Wetterlage die Hauptursache, aber auch die Folgen des Klimawandels führten zu dem drastischen Verlust der Eisbedeckung im Untersuchungsgebiet, berichten die Forscher.

Überall auf der Welt macht sich der Klimawandel bemerkbar – doch ganz besonders im hohen Norden: Im Sommerhalbjahr schmilzt das arktische Meereis nun so stark, dass nur noch eine vergleichsweise geringe Ozeanoberfläche bedeckt bleibt. Dies ist nicht nur ein deutliches Zeichen der Erderwärmung – der Eisverlust hat wiederum selbst kritische Folgen: Neben Rückkopplungseffekten auf das Klima bedrohen die Veränderungen auch die Tiere der komplexen Ökosysteme des arktischen Ozeans, denn viele Arten sind auf die schwimmenden Eisflächen im Sommer angewiesen. Dies gilt besonders für die Säugetiere dieses Lebenstraums: Eisbären jagen vom Eis aus, Robbenarten benötigen es zum Bau von Höhlen für ihre Jungen und Walrosse nutzen das Eis als Plattform für die Nahrungssuche.

Die „Last Ice Area“ im Blick

Die Studie untersuchte die Wandelsee nördlich von Grönland, die zur „Last Ice Area“ gehört. (Bild: Schweiger et al./Communications Earth & Environment)

Bisher hoffte man, dass zumindest eine Region den eisabhängigen Tierarten als Zuflucht dienen könnte, wenn die Bedingungen in den umliegenden Gebieten unwirtlich werden. Dabei handelt es sich um den Bereich nördlich von Grönland sowie die Inseln des kanadisch-arktischen Archipels. „Das Meereis zirkuliert durch die Arktis und folgt dabei einem bestimmten Muster: Es endet natürlicherweise damit, dass es sich vor Grönland und der nördlichen kanadischen Küste auftürmt“, erklärt Erstautor Axel Schweiger von der University of Washington in Seattle. „In Klimamodellen, wenn man sie über die nächsten hundert Jahre vorwärtslaufen lässt, zeichnet sich in diesem Gebiet die Tendenz ab, dass das Packeis dort im Sommer am längsten überdauert“, erklärt Schweiger. Dieses Gebiet wird deshalb seit langem als primärer Zufluchtsort für die eisabhängigen Tierarten angesehen.

Doch die Ergebnisse der Forscher deuten nun darauf hin, dass sich zumindest in Teilen dieser „Last Ice Area“ bereits ein Rückgang des sommerlichen Meereises abzeichnet. Im Rahmen ihrer Studie untersuchten sie die Hintergründe der bisher stärksten bekannten Schmelze der sommerlichen Meereisbedeckung in einem Teil des Meereis-Refugiums: der Wandelsee im Norden Grönlands. Während dieses Randmeer des arktischen Ozeans normalerweise im Sommer größtenteils eisbedeckt bleibt, zeigten sich im Sommer 2020 gigantische Wasserflächen. Das deutsche Forschungsschiff „Polarstern“ hatte dies vor Ort festgestellt und Satellitenbilder zeigten dann: Am 14. August gab es ein Rekordtief von nur 50 Prozent Meereisbedeckung, berichten Schweiger und seine Kollegen. Durch Auswertungen von Satellitendaten und Meereismodellen sind sie nun auch der Frage nachgegangen, welche Faktoren zu dem Rekordtief geführt haben.

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Ungewöhnliches Wetter – aber auch der Klimawandel

Unterm Strich kommen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass etwa 80 Prozent des Effekts auf ungewöhnliche Wetterkonstellationen zurückzuführen waren. Doch die anderen 20 Prozent waren eine Folge der längerfristigen Ausdünnung des Meereises aufgrund der globalen Erwärmung. Wie das Team berichtet, erschien der Eisverlust zunächst überraschend, weil die durchschnittliche Eisdicke zu Beginn des Sommers 2020 eigentlich nahe an der Norm lag. Die Modellsimulationen vom 1. Juni bis zum 16. August verdeutlichten dann allerdings, dass ungewöhnliche Winde das Meereis bewegt und dadurch besonders intensiv zerstückelt hatten.

Der Ausdünnungstrend der letzten Jahre und damit die Klimaerwärmung haben allerdings ebenfalls einen erheblichen Beitrag zum Eisverlust geleistet, betonen die Forscher: „Während des Winters und des Frühjahrs 2020 gab es Flecken mit älterem, dickerem Eis, das in diesen Meeresbereich hineingedriftet war, aber es gab genug dünneres, neueres Eis, das schmolz, um den offenen Ozean freizulegen“, erklärt Schweiger. „Damit begann ein Zyklus der Aufnahme von Wärmeenergie, um mehr Eis zu schmelzen, trotz der Tatsache, dass es auch etwas dickeres Eis gab. Wenn in manchen Jahren sich die Eisdecke in dieser Region mit älterem und dickerem Eis auffüllt, scheint dies demnach weniger schützend zu wirken, als man erwarten könnte“, erklärt der Wissenschaftler.

Wie er und seine Kollegen betonen, geben die Ergebnisse Anlass zur Sorge – doch inwieweit die gesamte Region betroffen ist, die als das letzte Eis-Refugium gilt, bleibt unklar. Somit zeichnet sich ihnen zufolge nun weiterer Forschungsbedarf ab. Dies gilt auch für Fragen dazu, wie sich zunehmend offene Wasserflächen in dieser Region kurz- und langfristig auf die eisabhängigen Tierarten auswirken könnten. „Wir wissen sehr wenig über die Meeressäuger in der Last Ice Area“, sagt Seniorautorin Kristin Laidre von der University of Washington. „Wir haben fast keine historischen oder aktuellen Daten, und die Realität ist, dass es viel mehr Fragen als Antworten über die Zukunft dieser Tierpopulationen gibt“, betont die Wissenschaftlerin abschließend.

Quelle: University of Washington, Fachartikel: Commun Earth Environ, doi: 10.1038/s43247-021-00197-5

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