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Umwelt+Natur

Bioinvasion: Zunahme um fast 40 Prozent prognostiziert

Grauhörnchen
Grauhörnchen gehören zu den invasiven Tierarten. (Bild: Tim Blackburn)

Durch den globale Handel gelangen Pflanzen- und Tierarten mittels Flugzeugen, Schiffen und LKWs immer leichter in fremde Gebiete. Im Vergleich zum Jahr 2005 wird die Anzahl gebietsfremder Arten bis 2050 weltweit um 36 Prozent steigen, hat nun eine umfassende Studie ergeben. Strengere Regulierungen könnten die Einwanderung gebietsfremder Arten jedoch verlangsamen, so die Forscher.

Weltweit tauchen immer mehr Tiere und Pflanzen an Standorten auf, an denen sie ursprünglich nicht heimisch waren – im Jahr 2005 waren es weltweit bereits mehr als 35.000 Spezies. Viele von ihnen wandern als „Blinde Passagiere“ mit dem Schiffsverkehr und dem Ballastwasser von Schiffen in neue Gebiete ein, andere werden durch den Handel mit Exoten freigesetzt. Zum Problem werden diese invasiven Arten dann, wenn sie sich drastisch ausbreiten und dabei heimische Spezies verdrängen – weil sie zum Beispiel schneller wachsen oder aggressiver sind.

Stärkste Zuwanderung in Europa

Aber wird sich die Zahl der gebietsfremden Arten in Zukunft weiter steigern? Hanno Seebens vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum hat sich nun gemeinsam mit einem internationalen Forscherteam mit dieser Frage beschäftigt. Bislang deckten Studien zur Ausbreitung von gebietsfremden Arten nur einzelne Organismengruppen oder bestimmte Länder ab. Die Forscher analysierten nun aber Beobachtungen zur Ausbreitung aller exotischer Tier- und Pflanzenarten der letzten Jahrzehnte von 1950 bis 2005 – und das weltweit. Daraus entwickelten sie ein Computermodell, das die Anzahl neuer, gebietsfremder Spezies bis 2050 vorhersagt.

Das Ergebnis: „Die Anzahl gebietsfremder Arten wird weiter steigen“, fasst Seebens zusammen. „Weltweit werden wir im Jahr 2050 im Mittel 36 Prozent mehr gebietsfremde Tiere und Pflanzen haben als im Jahr 2005.“ Dies sei unabhängig davon, ob es sich um Einwanderungen auf das Festland, auf Inseln, Wasser- oder Landregionen handelt. Dabei gibt es dem Modell zufolge große regionale Unterschiede. Die Forscher vermuten die stärksten Anstiege in Europa: Im Vergleich zu 2005 nimmt den Prognosen zufolge die Anzahl gebietsfremder Arten bis zur Mitte des Jahrhunderts um 64 Prozent zu. In absoluten Zahlen rechnet das Forschungsteam mit rund 2.500 neuen Spezies, die nach Europa einwandern. Weitere Hotspots sind die gemäßigten Breiten Asiens, Nordamerika und Südamerika. Den geringsten relativen Zuwachs gebietsfremder Arten erwarten die Wissenschaftler hingegen in Australien mit nur 16 Prozent.

Besonders viele Arthropoden und Vögel

Das Modell zeigte noch einen weiteren Trend: Laut Berechnungen nimmt die Invasion neuer Arten bei einzelnen Tiergruppen besonders an Fahrt auf. Weltweit gesehen werden bis 2050 vor allem Gliederfüßer und Vogel-Arten schneller als bisher in neuen Gebieten eintreffen – erstere mit schätzungsweise bis zu 10.000 Arten. „Die Anzahl neuer, gebietsfremder Arten dieser ausgewählten Tiergruppen wird bis zur Mitte des Jahrhunderts in jeder Region der Erde deutlich zunehmen – in den gemäßigten Breiten von Asien sogar um 117 Prozent“, erklärt Seebens Kollege Franz Essl. Das gelte auch für die Arteninvasion in Europa, so Seebens. „Dabei handelt es sich zum größten Teil um weniger auffällige Neuankömmlinge wie Insekten, Weichtiere und Krebstiere.“

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„Im Gegensatz dazu wird es kaum neue, gebietsfremde Säugetierarten wie beispielsweise den bereits eingewanderten Waschbär geben“, erklärt Seebens in Bezug auf die Arteninvasion in Europa weiter. Und auch weltweit gesehen erobern Säugetiere und Fische neue Lebensräume vergleichsweise langsam. Hier vermuten sie insgesamt etwa 800 Arten, die in neue Gebiete einwandern. In den gemäßigten Breiten Asiens steigt die Zahl der Säugetiere sogar gar nicht weiter an.

Arteninvasion nicht mehr zu stoppen

Wie lässt sich diese Zunahme gebietsfremder Arten erklären? „Der vorhergesagte Anstieg der gebietsfremden Arten mag nicht als Überraschung kommen, wenn man den kontinuierlichen Anstieg während der letzten Jahrzehnte und die mangelnden Anzeichen einer Verlangsamung weltweit bedenkt“, sagen die Wissenschaftler. Für sie liegen die Ursachen der Arteninvasion im globalen Handel, im Tourismus und im Verkehr, die vielen Pflanzen- und Tierarten als Mitfahrgelegenheit in neue Lebensräume dient. Auch der Klimawandel, die veränderte Landnutzung und die Migration könnten eine Rolle spielen.

In den nächsten Jahrzehnten werde sich dieser Anstieg noch verstärken, so das Team. Eine Umkehr der Invasion gebietsfremder Arten ist deshalb nicht in Sicht: „Wir können die Einschleppung gebietsfremder Arten nicht gänzlich verhindern, denn das würde starke Einschränkungen des Handels bedeuten“, sagt Seebens. „Aber mit strengeren Regularien und deren strikter Umsetzung können wir die Flut der neuen Arten eindämmen. Der Nutzen entsprechender Maßnahmen ist durch Studien belegt“, konstatiert der Biologe. „Gerade in Europa, wo die Regelungen noch vergleichsweise locker sind, gibt es noch viele Möglichkeiten, die Einbringung neuer Arten zu vermeiden.“

Quelle: Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen, Fachartikel: Global Change Biology, doi: 10.1111/gcb.15333

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