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Botenstoff als rosa Brille

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Für Rhesusaffen ist soziale Wachsamkeit enorm wichtig - das Kuschelhormon Oxytocin dämpft sie aber (Bild: Thinkstock)
Oxytocin gilt als Kuschelhormon: Der Botenstoff fördert Vertrauen und soziale Bindungen – zwischen Mutter und Kind, aber auch zwischen Partnern. Wie das Oxytocin dabei aber unsere Gefühle und Wahrnehmung beeinflusst, das ist bisher nur in Teilen geklärt. Ein US-Forscherteam hat nun in Experimenten mit Rhesusaffen neue Einblicke gewonnen: Das Hormon dämpft demnach die Aufmerksamkeit für negative, potenziell bedrohliche soziale Signale. Hatten die Affen eine Dosis Oxytocin als Nasenspray erhalten, achteten sie kaum noch auf die Mimik dominanter oder unbekannter Artgenossen – beides normalerweise eine intensiv beobachtete Quelle der Gefahr. Nach Ansicht der Forscher könnte das bedeuten, dass das Oxytocin die Aufmerksamkeit grundlegend verschiebt: Weg von negativen Signalen hin zu positiven – quasi wie eine rosa Brille.

Rhesusaffen leben – vermutlich ähnlich wie unsere Vorfahren vor tausenden von Jahren – in streng hierarchischen sozialen Gruppen. Die Rangfolge unter den Männchen ist dabei hart umkämpft: Ständig müssen sie auf Angriffe ihrer Artgenossen gefasst sein. Die dominanten Tiere sind besonders aggressiv und versuchen, mit Machogehabe und Beißereien ihre Position zu festigen. „Deshalb müssen die Rhesusaffen-Männchen ständig auf der Hut sein“, erklären R. Becket Ebitz von der Duke University in Durham und seine Kollegen. Die Affen zeigen vor allem gegenüber ranghöheren und fremden Artgenossen eine erhöhte Wachsamkeit. Diese senkt zwar die Gefahr durch Angriffe, erfordert aber Energie und Zeit. Es ist daher nicht sinnvoll, diesen Aufwand auch dann zu betreiben, wenn es nicht nötig ist – beispielsweise beim Schmusen mit dem Sprössling oder bei der Paarung. Die Vermutung der Forscher: Vielleicht hat hier das Kuschelhormon Oxytocin seine Hand im Spiel.

Gesichter-Schau unter Hormoneinfluss

Um das zu testen, führten die Wissenschaftler mehrere Experimente mit sieben männlichen Rhesusaffen durch. Sie testeten dabei, wie schnell, wie lange und wie intensiv die Affen jeweils verschiedene Gesichter von Artgenossen anschauten, nachdem sie eine Dosis Oxytocin mittels Nasenspray bekommen hatten. Gezeigt wurden dabei fremde Affen, sowie hoch- und niederrangige Artgenossen aus der gleichen Affengruppe. In einem zweiten Test prüften die Forscher, wie leicht sich die Affen von einem einfachen Aufmerksamkeitstest ablenken ließen, wenn zwischendurch Gesichter von fremden oder bekannten Artgenossen eingeblendet wurden. In einem dritten Test schließlich konnten die Affen selbst wählen, ob sie das Gesicht eines Artgenossen aufdecken und anschauen wollten oder lieber das Geschlechtsteil eines Weibchens oder ein neutrales Objekt.

Das Ergebnis: Affen, die kein Hormon erhalten hatten, verhielten sich wie erwartet: Sie fixierten vor allem die Gesichter von hochrangigen Artgenossen intensiv und reagierten auf diese auch deutlich schneller als auf neutrale Objekte oder niederrangige Affen. Meist entschieden sich diese Affen auch freiwillig dafür, sich das Gesicht eines dominanten Männchens anzuschauen. Im Ablenkungstest sank ihre Reaktionszeit bei der Aufgabe deutlich, wenn gleichzeitig fremde oder bedrohliche Gesichter eingeblendet wurden. Anders dagegen die Affen, die zuvor Oxytocin bekommen hatten: Sie ließen sich weniger stark ablenken und auch ihre Aufmerksamkeit für die potenziell bedrohlichen dominanten Artgenossen sank, wie die Forscher berichten.

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Gedämpfte Wachsamkeit – mehr Ressourcen für die Beziehung

„Offensichtlich dämpft das Oxytocin die arttypische soziale Wachsamkeit, statt sie zu verstärken“, konstatieren Becket Ebitz und seine Kollegen. Das Hormon habe damit eine fundamentale Wirkung bereits in den ersten Phasen der Verarbeitung sozialer Information. Das bestätige auch neurologische Funde, nach denen Oxytocin die Aktivität in Hirnarealen senkt, die für Aufmerksamkeit und Erregung zuständig sind, aber auch für die Erkennung von Gesichtsausdrücken. Nach Ansicht der Forscher hat diese dämpfende Wirkung durchaus einen biologischen Sinn: Sie setzt Ressourcen frei, die es dem Primaten ermöglichen, seine Aufmerksamkeit ganz auf positive soziale Aktionen zu konzentrieren – beispielsweise auf das Spielen mit dem Nachwuchs oder das Schmusen mit der Partnerin.

Ob das „Kuschelhormon“ auch beim Menschen ähnliche Wirkung zeigt, ist noch unklar. Da aber viele anderen Effekte des Oxytocins bei Mensch und Affe gleich sind, halten die Forscher es für durchaus wahrscheinlich. „Wie der Mensch ist auch der Rhesusaffe ein Primat, der in Gruppen lebt und optische Signale nutzt, um soziale Botschaften zu übermitteln“, erklären Becket Ebitz und seine Kollegen. Zudem seien auch die neurologischen Schaltkreise, die die soziale Aufmerksamkeit kontrollieren, bei Mensch und Rhesusaffen gleich. Wundern Sie sich also nicht, wenn Sie nach einer ausführlichen Kuschelsitzung mit Familie oder Partner prompt den wütenden Gesichtsausdruck ihres Nachbarn übersehen – möglicherweise ist eine Oxytocin-Schwemme schuld.

R. Becket Ebitz (Duke University, Durham) et al., Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), doi: 10.1073/pnas.1305230110 © wissenschaft.de – ===Nadja Podbregar
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