Buckelwale: Knotenpunkt der „Gesangskultur“ entdeckt - wissenschaft.de
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Buckelwale: Knotenpunkt der „Gesangskultur“ entdeckt

Buckelwale lernen Lieder voneinander. (Bild: Baptiste Le Bouil)

Erstaunliche Unterwasser-Musik: Bei den berühmten Gesängen der männlichen Buckelwale gibt es „Hits“, die sich zwischen den unterschiedlichen Populationen ausbreiten. Forscher haben nun eine Meeresregion identifiziert, in der diese kulturelle Übertragung offenbar stattfindet. Es handelt sich um einen Knotenpunkt der Wanderrouten der Wale aus unterschiedlichen Verbreitungsgebieten im Südpazifik. Dort schnappen sie Lieder ihrer Artgenossen auf und verbreiten sie anschließend in ihren Unterpopulationen, geht aus Gesangsanalysen hervor.

Kultur – lange wurde dieser Begriff nur im Zusammenhang mit dem Menschen verwendet. Doch die Forschung der letzten Jahre hat immer deutlicher gezeigt, dass es auch bei einigen hochentwickelten Tierarten Formen der Kultur gibt. Beispielsweise sind in bestimmten Gruppen bei den Menschenaffen unterschiedliche Verhaltensweisen üblich. So etablieren sich etwa bestimmte Techniken beim Nüsseknacken innerhalb einer Gruppe und werden durch Lernen weitergegeben. Die aktuelle Studie befasste sich nun mit einer ähnlich spannenden Form der Kultur – und zwar bei den Buckelwalen.

„Wal-Hits“ machen die Runde

Die Erforschung dieser Meeressäuger hat gezeigt, dass die männlichen Tiere Lieder mit einer erstaunlich komplexen Struktur hervorbringen, um Weibchen zu bezirzen oder Rivalen zu beeindrucken. Die Toneinheiten sind dabei in bestimmte Phrasen gruppiert, die in übergeordnete Themen eingebettet sind. Interessanterweise singen die Tiere nicht etwa immer das gleiche Lied: Die klanglichen Strukturen entwickeln sich weiter – die Wale komponiert neu – und kopieren: Am Ende stimmen die Männchen einer Population für eine bestimmte Zeit einen einzigen Liedtyp an – den „Hit der Saison“. Es handelt sich somit um ein kulturelles Element. Im Fall der pazifischen Buckelwal-Populationen konnten Forscher zudem zeigen, dass diese populären Lied-Motive sich auch unter den regional spezifischen Gruppen ausbreiten können.

Wo die entsprechende kulturelle Übertragungen stattfinden, haben nun die Forscher um Clare Owen von der University of St Andrews aufgezeigt. Ihr Fokus richtete sich dabei auf eine Meeresregion, die kürzlich als ein Knotenpunkt der Migrationsrouten der Buckelwale im Südpazifik identifiziert wurde: Im Bereich der Kermadecinseln nördlich von Neuseeland treffen sich die Wale im Rahmen der Wanderungen zu ihren jeweiligen Aufenthaltsregionen im Winterhalbjahr. Genetische Untersuchungen konnten bestätigen, dass es sich tatsächlich um Tiere unterschiedlicher Populationen handelt. Im Durchschnitt machen die Wale bei den Kermadecinseln einen Zwischenstopp von 4,6 Tagen, berichten die Wissenschaftler.

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Bei den Kermadecinseln belauschen sich die Wale

Schnappen die Walmännchen während der Pause bei den Kermadecinseln Lieder der anderen „Wal-Kulturen“ auf? Um dieser Frage nachzugehen, führten die Forscher zunächst Gesangsaufnahmen bei den ankommenden Tieren bei den Kermadecinseln durch. Anschließend belauschten sie dann die Walmännchen beim Singen in den unterschiedlichen Winterquartieren der verschieden Populationen. So konnten sie Vorher-Nachher-Vergleiche bei den Gesängen durchführen, um etwaige Entwicklungen und Beeinflussungen der Lied-Motive aufzuzeigen.

Wie die Wissenschaftler berichten, dokumentierten die Audio-Analysen: Bei der Ankunft am „Multikulti-Zwischenstop“ sangen die Walmännchen aus den verschiedenen Populationen ihre jeweils regional unterschiedlichen Lieder. Was sie dann später in ihren Winterquartieren von sich gaben, zeigte hingegen deutlich den Einfluss der Gesänge, die sie offenbar bei den Kermadecinseln aufgeschnappt hatten, sagen die Forscher. Bei einer der Aufnahme an diesem Treffpunkt zeichnete sich ihnen zufolge sogar ab, wie ein Wal gerade begann, sein Lied einer der neu gehörten Melodie anzupassen.

So kommen Owen und ihre Kollegen zu dem Fazit: Bei der Region um die Kermadecinseln handelt es sich offenbar um einen Knotenpunkt der „Gesangskultur“ bei den Buckelwalen. Dort befindet sich demnach der Hotspot, wenn sich ein „Hit“ unter den faszinierenden Meeressäugern im Südpazifik ausbreitet, so die Wissenschaftler.

Quelle: Royal Society Open Science, doi: 10.1098/rsos.190337

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