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Chinesische Neugeborene weinen melodisch

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Babys weinen in der Melodie ihrer Muttersprache. (Foto:yupiyan/iStock)
Sie hören schon im Mutterleib zu: Babys erfassen bereits vor der Geburt Höreindrücke, wie nun erneut eine Studie dokumentiert. Besonders bei den sogenannten tonalen Sprachen Chinas und Afrikas wird demnach deutlich, dass der Mensch schon im Mutterleib Grundzüge seiner Muttersprache erlernt: Neugeborene weinen offenbar in dem charakteristischen „Singsang“.

Wenn der Mensch das Licht der Welt erblickt, ist er kein unbeschriebenes Blatt mehr: Babys sammeln schon im Mutterleib Sinneseindrücke und Erfahrungen, belegen unterschiedliche Studien. Die Forscher um Kathleen Wermke von der Universität Würzburg haben in diesem Zusammenhang bereits in einer früheren Untersuchung einen Effekt der Muttersprache auf die ersten Laute von Babys festgestellt: Die Schreie von deutschen und französischen Neugeborenen besitzen demnach schon typische Merkmale der beiden Sprachen. Dieses Ergebnis konnten die Sprachforscher nun bestätigen und erweitern. Sie sind der Frage nachgegangen, ob sich im Weinen von Babys die vorgeburtliche Erfahrung einer besonderen Kategorie von Sprachen widerspiegelt: der tonalen Sprachen.

Neugeborenen genau zugehört

Anders als in Deutsch oder Französisch tragen bei diesen Sprachen auch die Tonhöhen, in denen Silben oder Wörter ausgesprochen werden, zur Bedeutung bei. Der scheinbar gleiche Laut kann dadurch völlig unterschiedliche Bedeutungen bekommen – je nachdem, ob er in einer hohen oder tiefen Tonlage oder mit einem besonderen Tonverlauf ausgesprochen wird. Ein wichtiges Beispiel einer tonalen Sprache ist das Hochchinesisch, das vier charakteristische Töne besitzt. Noch deutlich komplizierter ist allerdings die tonale Sprache des Volks der Nso, die im Nordwesten Kameruns in hochgelegenen Dörfern leben. Ihre Sprache umfasst acht Töne, von denen etliche zusätzlich in ihrer Kontur variieren. Das bedeutet: Spezielle Tonhöhenverläufe haben ebenfalls eine komplexe Bedeutung.

Im Rahmen ihrer Studien haben die Wissenschaftler die ersten Lautäußerungen von 55 Neugeborenen aus Peking und 21 aus Kamerun aufgenommen und untersucht. „Wir haben nur spontane Lautäußerungen aufgezeichnet, in der Regel immer dann, wenn sich ein Baby bemerkbar machte, weil es Hunger hatte“, berichtet Wermke. Die Merkmale der Lautäußerungen untersuchten die Forscher anschließend durch spezielle Sound-Analyseprogramme.

Ein Weinen im „Singsang“

Ergebnis: „Das Weinen von Neugeborenen, deren Mütter eine tonale Sprache sprechen, zeigt eine deutlich stärkere melodische Variation, verglichen beispielsweise mit deutschen Neugeborenen“, sagt Wermke. Bei den Kindern der Nso in Kamerun war demnach die innerlautliche Gesamtvariation der Tonhöhe – der Abstand zwischen tiefstem und höchstem Ton – besonders groß. Auch das kurzzeitige Auf und Ab von Tönen während einer Lautäußerung fiel intensiver aus im Vergleich zu Neugeborenen deutschsprachiger Mütter. „Das Weinen glich mehr einem Singsang“, beschreibt Wermke diesen Effekt. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen die Forscher bei den Neugeborenen aus Peking, wenn auch etwas schwächer ausgeprägt.

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Die aktuelle Studie bestätigt damit das Ergebnis ihrer früheren Vergleiche von deutschen und französischen Neugeborenen und damit die Theorie der Forscher: Nachdem Babys während des letzten Drittels der Schwangerschaft im Bauch der Mutter ihre „Muttersprache“ kennengelernt haben, zeigen sie als Neugeborene in ihrem Weinen die charakteristischen Muster. Und das noch bevor sie erste komplexere Laute formen oder sich im sprachähnlichen „Silbenbrabbeln“ ausprobieren.

Vor allem durch den kulturübergreifenden Effekt bei den tonalen Sprachen sehen sich die Forscher bestätigt: „Wir haben Neugeborene aus sehr unterschiedlichen Kulturkreisen untersucht“, betont Wermke. Da sind auf der einen Seite die Neugeborene aus der modernen Welt Pekings, auf der anderen die Kinder der Nso, die in einer ländlichen Umgebung die Welt im Mutterleib erfahren haben. „Dass sich trotz dieser Unterschiede in den Kulturen ähnliche Effekte in den beiden tonalen Sprachgruppen gegenüber der nicht-tonalen deutschen Gruppe zeigen, spricht dafür, dass unsere Interpretation der Daten in die richtige Richtung weist“, so die Wissenschaftlerin.

Quellen:

© wissenschaft.de – Martin Vieweg
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