Das Broken-Heart-Syndrom: Gebrochene Herzen kommen nicht nur in Kitschromanen vor, sondern sind auch ein Thema für Kardiologen - wissenschaft.de
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Das Broken-Heart-Syndrom: Gebrochene Herzen kommen nicht nur in Kitschromanen vor, sondern sind auch ein Thema für Kardiologen

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Extremer Stress oder ein heftiger Schock können Symptome auslösen, die denen eines Herzinfarktes gleichen. Doch muss nicht immer ein echter Infarkt dahinter stecken. Manchmal handelt es sich auch um eine so genannte Stress-Kardiomyopathie, eine Krankheit, die auch als Broken-Heart-Syndrom bezeichnet wird. Das Besondere daran: Die heftige Funktionsstörung des Herzens verschwindet schon nach wenigen Tagen von alleine wieder. Bekannt ist das Krankheitsbild erst seit wenigen Jahren, und Kardiologen rätseln immer noch, was genau dahinter steckt.

Ganz plötzlich setzten die Symptome ein: Während die 64-jährige Pastorin auf dem Weg zur Kanzel war, spürte sich auf einmal starke Schmerzen und ein extremes Engegefühl in der Brust. Noch bei der Einlieferung in die Klinik sprach alles für einen akuten Herzinfarkt – das EKG zeigte typische Veränderungen und eine Ultraschalluntersuchung des Herzens zeigte, dass die linke Herzkammer praktisch nicht mehr arbeitete.

Doch die Ergebnisse der anschließenden Röntgenkontrastuntersuchung passten nicht ins Bild: Es gab keine wesentlichen Verengungen der Herzkranzgefäße, die für eine Durchblutungsstörung verantwortlich gemacht werden konnten. Das ließ für die behandelnden Ärzte um Oberarzt Joachim Weil von der Universitätsklinik Schleswig-Holstein, Campus Lübeck nur noch einen Schluss zu: Die Patientin litt unter einer so genannten Tako-Tsubo- oder Stress-Kardiomyopathie, auch bekannt als „Broken-Heart“-Syndrom – das Syndrom der gebrochenen Herzen.

Erstmals berichtet wurde über solche gebrochenen Herzen Anfang der 1990er Jahre in Japan. „Damals glaubten Mediziner allerdings noch, es handele sich um ein rein asiatisches Phänomen, das in westlichen Ländern keine Rolle spielt“, berichtet Joachim Weil im Gespräch mit ddp. Das hat sich mittlerweile jedoch geändert: Immer mehr Mediziner beschäftigen sich auch hierzulande mit dem rätselhaften Syndrom, das auf den ersten Blick so sehr einem Herzinfarkt gleicht.

Doch im Gegensatz zum häufig spontan auftretenden Infarkt gibt es in der Regel einen klaren Auslöser für die Stress-Kardiomyopathie. „Nach bisherigem Wissen ist die entscheidende Voraussetzung ein außergewöhnlicher Stressfaktor“, erklärt der Kardiologe Harald Kühl, Oberarzt am Universitätsklinikum Aachen. Im Fall der Pastorin war dieser Stressfaktor die starke Anspannung vor der Predigt, die damit zusammenhing, dass sie bereits seit vielen Jahren keine Sonntagspredigt mehr gehalten hatte. Doch auch ein Autounfall, ein Überfall, ein heftiger Streit oder eine schlimme medizinische Diagnose können der Auslöser sein, genauso wie der Tod eines nahestehenden Menschen. Genau dieser Zusammenhang emotionalen Ausnahmesituationen war es, der der Krankheit ihren bildhaften Namen eingebracht hat.

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Ebenfalls anders als beim Herzinfarkt trifft die Stress-Kardiomyopathie fast ausschließlich ältere Frauen. Warum das so ist, kann bislang allerdings niemand sagen. Auch was nach einem solchen Schock im Herzen passiert, ist bisher nur teilweise bekannt. Sicher ist, dass die Menge der Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin in astronomische Höhen schießt und der untere Teil der linken Herzkammer einfach aufhört, sich zu bewegen. Möglicherweise ziehen sich dabei die winzigen Blutgefäße im Herzen als Reaktion auf die Stresshormone zusammen, möglicherweise wirken die Hormone aber auch giftig auf die Herzmuskelzellen – weder das eine noch das andere konnte bislang bestätigt oder widerlegt werden.

Im Gegensatz zum Infarkt, bei dem Teile des Muskelgewebes unwiderruflich absterben, heilen gebrochene Herzen wie ihre Pendants in der Trivialliteratur meist von selbst: Das Herz wird zumindest nach bisherigen Erkenntnissen nicht dauerhaft geschädigt und nimmt schon nach wenigen Tagen bis einigen Wochen seine Arbeit wieder voll auf. „Das Besondere an diesem Krankheitsbild im Unterschied zum Herzinfarkt ist die gute Spontanheilung, wenn die akute Phase überwunden ist“, berichtet Harald Kühl. Sein Kollege Joachim Weil formuliert es so: „Das Herz schläft praktisch nur“. Zwar gibt es bislang noch kaum Daten zur Langzeitprognose, doch scheint es sich „prognostisch um eine eher gutartige Krankheit zu handeln, wenn die akute Phase überwunden ist“, so Kühl.

Trotzdem ist das Broken-Heart-Syndrom nicht harmlos: „Es handelt sich um eine ausgeprägte Funktionsstörung des Herzens, inklusiver aller damit verbundenen Probleme“, mahnt Joachim Weil. So kommt es kurz nach der Einlieferung gar nicht so selten zu Komplikationen wie einem Schock, Rhythmusstörungen oder Kammerflimmern. „Deshalb kommen die Patienten immer zuerst auf die Intensivstation zur Beobachtung“, erklärt Harald Kühl. Auch Todesfälle wurden bereits beobachtet, wobei deren Häufigkeit mit geschätzten einem bis acht Prozent erheblich niedriger liegt als beispielsweise beim Herzinfarkt mit nahezu fünfzig Prozent.

Noch ist das ungewöhnliche Krankheitsbild auch unter Kardiologen eher unbekannt, wie Weil von Kongressen weiß. Aus diesem Grund ist auch nicht klar, wie häufig es tatsächlich auftritt. Sowohl Harald Kühl als auch Joachim Weil sind jedoch davon überzeugt, dass es mehr Fälle gibt als ursprünglich angenommen. So hat Weil allein in den vergangenen zwei Jahren 30 bis 40 Fälle persönlich beobachtet. Er schätzt, dass mindestens einer von hundert Infarkten eigentlich eine Stress-Kardiomyopathie ist. Amerikanische Forscher gehen sogar von einer Quote von mehr als zwei Prozent aus.

„Auf den ersten Blick lässt sich die Stress-Kardiomyopathie überhaupt nicht von einem Herzinfarkt unterscheiden. Erst die Kombination verschiedener ungewöhnlicher Befunde gibt Hinweise auf das Syndrom“, erklärt Harald Kühl. Und sein Kollege Weil ergänzt: „Häufig wird es nicht erkannt, weil keine zusätzliche Untersuchung der Herzkammer gemacht wird. Man muss im Falle des Falles einfach daran denken – und die Untersuchungen entsprechend anpassen“.

ddp/wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel
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