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Das erste Retortenbaby wird 25 Jahre alt – die Zeugung im Reagenzglas hat dennoch nichts von ihrer ethischen Brisanz verloren

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Die In-vitro-Fertilisation
Vor 25 Jahren erlebte die Menschheit eine medizinische Sensation: In einer britischen Klinik wurde das erste im Reagenzglas gezeugte Baby der Welt geboren. Damit läuteten Ärzte eine neue Ära der Reproduktionsmedizin ein. Obwohl die Zeugung im Reagenzglas heute einen Routineeingriff darstellt, ist die Kritik an der so genannten In-Vitro-Fertilisation noch längst nicht verstummt. Für manche Paare bedeutet sie die Chance ihres Lebens, manche Ethiker sehen darin jedoch eine Verletzung der Menschenwürde.

Am 26. Juli 1978, also vor genau 25 Jahren, kam in Oldham bei Manchester Louise Brown zur Welt, das erste in der Retorte gezeugte Baby. Ihre Mutter konnte aufgrund einer Eileiterstörung auf normalem Wege keine Kinder bekommen. Das kleine Mädchen mit den blonden Haaren und den blauen Augen ist inzwischen erwachsen und selbst Mutter. Inzwischen sind weltweit über eine Million weitere Babys im Reagenzglas gezeugt worden. Allein in Deutschland kommen nach einem Bericht des Deutschen IVF-Registers (DIR) in Lübeck pro Jahr etwa 9.000 Retortenkinder zur Welt – Tendenz steigend.

Mittlerweile ist die Zeugung im Reagenzglas längst Normalität. Was damals eine Flut von Zeitungsmeldungen auslöste, ist auch an deutschen Kliniken zur Routine geworden. Die künstliche Befruchtung ermöglicht heutzutage, was noch vor Jahren als undenkbar galt und nicht nur von der katholische Kirche als unmoralisch verurteilt wird: Großmütter in den USA tragen ihre eigenen Enkelkinder aus, eine belgische Mutter lässt ihr Kind aus dem Samen des toten Vaters zeugen und in Großbritannien kommt das erste Designer-Baby zur Welt. Es wurde anhand seines Erbmaterials gezielt ausgewählt, um seinem schwer kranken Bruder als Spender für Stammzellen zu dienen.

All dies nahm im Jahr 1944 seinen Anfang, als es den Amerikanern John Rock und Miriam Menkin gelang, eine menschlichen Eizelle außerhalb des weiblichen Körpers zu befruchten. Dreißig Jahre später wurde dann die so genannte In-Vitro-Fertilistion (IVF) als Methode etabliert. Dabei entnehmen Ärzte nach einer hormonellen Stimulation der Eierstöcke Eizellen aus dem Körper der Frau und bringen sie in einem Gefäß mit den Spermien des Mannes zusammen. Die Spermien befruchten dort die Eizellen, und die entstandenen Embryonen werden zurück in die Gebärmutter gesetzt. Heute gibt es einige Variationen der ursprünglichen IVF-Methode.

Trotz zahlreicher Verbesserungen liegt die Geburtenrate der künstlichen Befruchtung nach einem Behandlungszyklus nur bei etwa zwanzig Prozent. So kann der Kindertraum auch zum strapaziösen Albtraum werden. Um die Erfolgsquote zu verbessern, werden in Deutschland in der Regel zwei bis drei Embryonen in die Gebärmutter zurückgesetzt. Klappt es dann jedoch zu gut, kommt es zum doppelten oder dreifachen Kindersegen, der nicht nur für die Mutter große Risiken birgt. Häufig sind Frühgeburten die Folge, die geistige oder körperliche Behinderungen nach sich ziehen können.

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Die Chance, mehr als ein Kind zu bekommen liegt nach Angaben des DIR bei etwa vierzig Prozent. „Diese hohe Zahl von Mehrlingsschwangerschaften könnte durch die hierzulande verbotene Embryonenauswahl drastisch reduziert werden. Die deutsche Gesetzeslage ist überholt und verhindert eine effiziente und sichere Behandlung“, beklagt Professor Klaus Diedrich, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), gegenüber ddp. Heutzutage bieten Mediziner der schwangeren Mutter bei Mehrlingen den so genannten selektiven Fetozid an. Dabei durchsticht der Arzt mit einer Nadel die Bauchdecke der Mutter und spritzt eine tödliche Kaliumchloridlösung in das Herz desjenigen Embryos mit den geringsten Überlebenschancen.

Wird dagegen nur der Embryo mit den besten äußeren Merkmalen eingesetzt, stellt sich die nicht weniger bedenkliche Frage, was mit den übrigen Embryonen geschieht. In Deutschland dürfen im Reagenzglas erzeugte Embryonen derzeit nicht für einen erneuten Schwangerschaftsversuch der Mutter eingefroren werden. Damit bliebe nach einer Auswahl nur, den Tod der übrigen Embryonen für eine höhere Erfolgsquote der IVF in Kauf zu nehmen. In anderen Ländern wie Finnland oder Schweden gehört die Embryonenauswahl längst zur Praxis.

So segensreich die moderne Reproduktionsmedizin für manche Paare auch sein mag – viele Ethiker sehen die damit verbundenen Möglichkeiten kritisch. Das gilt besonders für die in Deutschland derzeit verbotene Präimplantationsdiagnostik (PID). Diese erlaubt es, einen Embryo nach den ersten Zellteilungen auf Erbkrankheiten zu untersuchen. Damit kann genetisch vorbelasteten Paaren mit Kinderwunsch zwar ein möglicher Schwangerschaftsabbruch erspart werden, doch sie ermöglicht auch die Auswahl von Embryonen nach gewünschten Merkmalen. Mit dem britischen Designer-Baby ist der erste Schritt in diese Richtung bereits Wirklichkeit geworden. Die In-Vitro-Fertilisation bleibt damit ein Thema, das trotz des gestiegenen öffentlichen Bewusstseins nichts von seiner Brisanz verloren hat.

ddp/bdw – Christine Harbig
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