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Das Schweigen der Korallenriffe

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Ein gschädigtes Riff klingt anders als ein gesundes (freeimages)
Fische, Krebse, Algen, Polypen: Korallenriffe gehören zu den Lebensräumen mit der größten Artenvielfalt auf unserem Planeten – und zu den lautesten. Das geschäftige Treiben in einem Riff können Forscher mithilfe von Unterwassermikrofonen noch aus kilometerweiter Entfernung hören. Doch die Riffe werden immer leiser. Überfischung und andere menschliche Einflüsse lassen sie verstummen, wie eine Studie nun zeigt. Das hat fatale Folgen – sind die Geräusche aus dem Riff doch besonders für junge Fische und andere Tiere eine wichtige Orientierungshilfe.

Der Geräuschpegel, der von geschädigten Korallenriffen ausgeht, unterscheidet sich um einiges von dem eines intakten Riffs. Akustische Aufnahmen zeigen diesen Kontrast deutlich, wie jetzt Wissenschaftler um Julius Piercy von der University of Essex herausgefunden haben. Piercy und seine Kollegen untersuchten mehrere Riffe rund um die Philippinen. Während sich einige der Riffe in Schutzgebieten befinden und weitgehend gesund sind, sind andere nicht geschützt und weitaus geschädigter. Die wenigen dort verbliebenen Fische und Krustentiere senden laut der Untersuchung nur noch ein Drittel des Schalls aus, den intakte Riffgemeinschaften produzieren.

Damit beginnt ein gefährlicher Teufelskreis. Denn die Larven von Fischen und Wirbellosen verbringen ihre ersten Lebenstage abseits der Riffe. Um später den Weg zu einem  Korallenriff zu finden und sich dort anzusiedeln, nutzen die Tiere den charakteristischen Schall als Wegweiser. Zerstörte Riffe machen es den Jungtieren jedoch schwer. Laut den Ergebnissen des Forscherteams verringert sich mit dem ausgesandten Schall auch die Distanz, über die die Larven den Lebensraum aufspüren können – und zwar um ein Zehnfaches. Ausgerechnet Riffe, die neue Bewohner dringend nötig hätten, werden als Folge von immer weniger Jungtieren angeschwommen. Das gefährdet den Bestand zukünftiger Generationen und somit die Chance auf eine Regeneration des Riffs.

Stille und Gerüche schrecken ab

Piercy zeigt sich deshalb besorgt über die Ergebnisse seines Teams: „Gerade in einem Ökosystem, in dem Unterwassergeräusche eine so wichtige Rolle für die Populationsdynamik spielen, ist es erschreckend, solch enorme menschengemachte Veränderungen vorzufinden.“ Ironischerweise macht der Mensch durch Schiffsverkehr, den Einsatz von Sonaren, den Bau von Windenergieanlagen oder Öl- und Gasplattformen die Meere nämlich nicht nur immer lauter. Indirekt beeinflusst er auch die natürlichen Unterwassergeräusche, trägt Schuld am Verstummen der Riffe. Denn neben der Klimaerwärmung bedrohen vor allem Faktoren wie Überfischung oder der starke Einsatz von Düngemitteln das ökologische Gleichgewicht der Korallenriffe – und  beschleunigen das weltweit zu beobachtende Schrumpfen der Bestände zusätzlich.

Wie genau sich solche Einflüsse auf das Leben in den Riffen auswirken, ist noch längst nicht vollständig erforscht. Unklar ist zum Beispiel, an welchen akustischen Schlüsselsignalen sich die Larven auf der Suche nach einer geeigneten Heimat genau orientieren. Möglich ist auch, dass sich jede Art dabei auf andere Klänge konzentriert. Zudem deuten neuere wissenschaftliche Erkenntnisse daraufhin, dass nicht nur die Stille junge Fische von kranken Riffen fern hält. Offensichtlich verströmen sie auch einen Geruch, der die Larven abschreckt.

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In Zukunft wollen die Forscher akustische Analysen nutzen, um die Gesundheit eines Riffs zu bestimmen. Gleichzeitig werden sie jedoch genauer untersuchen müssen, inwiefern der Mensch auch indirekt zum Sterben der Korallen und ihrer Mitbewohner beiträgt. Nur so können geeignete Maßnahmen für den Riffschutz getroffen werden.

So klingt ein gesundes Korallenriff – und so ein geschädigtes.

Quelle:

© wissenschaft.de – Daniela Albat
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