DAS SCHWULEN-KLISCHEE - wissenschaft.de
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DAS SCHWULEN-KLISCHEE

Eine neue Studie erregt Aufsehen: Angeblich merkt man es Kleinkindern an, wenn sie später homosexuell werden.

Schwule sind feminin, Lesben maskulin. Homosexuelle, so die weitverbreitete Annahme, verhalten sich nicht ihrem Geschlecht entsprechend. Besonders das angeblich „tuntige“ Auftreten homosexueller Männer gilt als eindeutiges Erkennungszeichen. „Du Schwuchtel“ ist nur eine von vielen Beleidigungen, denen junge Männer auf dem Schulhof oder im Sportverein ausgesetzt sind, wenn sie sich nicht männlich genug verhalten. Ob Jugendliche das ernst meinen oder nur ironisch mit den Vorurteilen spielen, ist schwer zu beurteilen.

Manierierter Hüftschwung, femininer Gang, geschminkte Augen, näselnde Stimme, bunte Kleidung – an solchen Anzeichen könne man erkennen, wenn jemand „anders herum“ ist, heißt es. Wer diesen Ruf bekommt, hat es schwer unter Gleichaltrigen. Der Sexualpädagoge Stefan Timmermanns, Leiter des Anti-Diskriminierungsprojekts Triangle, fand bei einer Befragung von 298 Schülern in Nordrhein-Westfalen heraus: 32 Prozent der Schülerinnen und 61 Prozent der Schüler sind schwulenkritisch eingestellt. Zwar haben zwei Drittel von ihnen nichts dagegen, wenn Geschichten von Schwulen und Lesben in ihren Schulbüchern stehen. Diese Toleranz endet jedoch an der eigenen Haustür: Mit einem schwulen Bruder hätten laut Timmermanns Untersuchung zwei von drei Jungen große Schwierigkeiten.

Gefilmt und Analysiert

Die Psychologen Gerulf Rieger und Michael Bailey von der Northwestern University in Chicago erforschen seit vielen Jahren den Wahrheitsgehalt geschlechtsbezogener Klischees. Bereits 1995 stellte Bailey fest, dass Homosexuelle sich als Rollenabweichler charakterisieren – und das seit frühester Jugend. Das Problem dieses Befundes: Es blieb unklar, ob Homosexuelle sich im Nachhinein als rollenuntypisch beschreiben – oder ob sie es tatsächlich schon in der Kindheit waren. Dieser Frage sind Rieger und Bailey jetzt nachgegangen. Sie filmten und interviewten 41 Homosexuelle sowie 49 Heterosexuelle beiderlei Geschlechts. Zudem analysierten sie zahlreiche Videofilme aus der Kindheit der Probanden – von Familienausflügen, Geburtstagspartys und Schulaufführungen. Die von den Versuchspersonen mitgebrachten Videoclips deckten alle Altersstufen vom ersten bis zum fünfzehnten Lebensjahr ab. Die Auswertung des Filmmaterials ergab laut Rieger ein klares Bild: Bewegungsmuster und körperlicher Ausdruck von männlichen homosexuellen Jugendlichen waren „ femininer“ als bei ihren Geschlechtsgenossen und sie orientierten sich am Verhaltensrepertoire des anderen Geschlechts. Dadurch sei ihre sexuelle Ausrichtung ablesbar – am Gang, an der Stimme und auch an den Hobbys.

Auffallend sei, dass homosexuelle Jungen schon sehr früh wettbewerbsorientierte Sportarten ablehnen. Ihr gesamtes Verhalten erweise sich als viel untypischer für das eigene Geschlecht als das Spielverhalten homosexueller Mädchen. Um zu prüfen, ob Homosexualität für jedermann leicht erkennbar ist, forderten die Wissenschaftler 82 unabhängige Beurteiler beiderlei Geschlechts auf, kurze Videoclips der Probanden anzusehen und danach zu entscheiden, ob sich die Kinder darin eher feminin oder maskulin präsentierten. Die Videosequenzen, die den – sowohl homo- als auch heterosexuellen – Beurteilern vorgespielt wurden, waren lediglich 10 bis 30 Sekunden lang.

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Familiäre Zurückweisung

Das Ergebnis: Jene männlichen Probanden, deren Verhalten in der Kindheit von den Betrachtern als feminin eingestuft wurde, gaben signifikant häufiger an, homosexuell zu sein. Videogutachtern, die selbst homosexuell waren, gelang es dabei besonders gut, feminines von maskulinem Verhalten zu unterscheiden. Hüftschwung, Gangbild und Schulterhaltung – das waren zentrale Merkmale, auf die sich ihr Urteil stützte. Wie die interviewten homosexuellen Männer und Frauen mehrheitlich berichteten, waren sie als Kinder wegen ihres rollenuntypischen Verhaltens oft gemaßregelt worden – sowohl von ihren Eltern als auch von Freunden. Doch trotz dieser Zurückweisung und Kritik verschwand ihr nonkonformes Verhalten nicht, im Gegenteil: Es verstärkte sich mit der Zeit. Im Lauf der Jahre wurde der Verhaltensunterschied gegenüber gleichaltrigen Heterosexuellen sogar größer.

Rollenuntypisches Geschlechterverhalten bildet sich nach Ansicht der Chicagoer Psychologen schon sehr früh im Leben eines Menschen heraus: etwa im vierten Lebensjahr. Da sich die Unterschiede zwischen Homo- und Heterosexuellen bereits in dieser frühen Lebensphase zeigen und weiter verstärken, sei von einer genetischen Grundlage auszugehen, schließt Rieger. Das biologische Programm wirke stärker als der soziale Erwartungsdruck.

Rieger steht mit seiner Behauptung, Schwule seien „feminin“, nicht alleine da. Die These ist alt – und taucht in allen möglichen Variationen immer wieder auf. Mal wird sie von Psychoanalytikern geäußert, mal von Hirnforschern. So wies die Neurologin Ivanka Savic-Berglund vom Karolinska Institut in Stockholm 2008 nach, dass homosexuelle Männer genauso wie Frauen etwa gleich große Gehirnhälften haben. Bei heterosexuellen Männern hingegen sei die rechte Hemisphäre etwas größer als die linke. Welche Bewandtnis es damit hat, vermochte sie jedoch nicht zu sagen. Studien wie die von Rieger und Savic-Berglund werden immer wieder herangezogen, um die These vom „verweiblichten“ Homosexuellen zu untermauern.

Heteros verhalten sich uniformer

Ein genauer Blick auf Riegers Ergebnisse zeigt: Das Bewegungsmuster homosexueller Jugendlicher weist eine größere Bandbreite auf als das von gleichaltrigen heterosexuellen. Es ist insgesamt weniger stark normiert. Unter den homosexuellen Probanden waren beide Verhaltensextreme stark ausgeprägt – sowohl das besonders feminine als auch das besonders maskuline Auftreten.

Das heterosexuelle Verhaltensmuster ist uniformer als das homosexuelle. Mit anderen Worten: Nicht Homosexualität ist leicht erkennbar, sondern Heterosexualität. Ein Umstand, den Rieger selbst thematisiert hat. Und es gibt eine weitere Ungenauigkeit der Untersuchung: Die sexuelle Orientierung wird nicht direkt aus dem Verhalten abgelesen, sondern nur indirekt erschlossen. Denn die Betrachter der Videoclips gaben lediglich an, welche Personen sich ihrer Meinung nach maskulin oder feminin verhalten hatten. Dieser Gegensatz war also nur ein Indiz für die sexuelle Orientierung, jedoch keinesfalls mit ihr gleichzusetzen.

Dass sich menschliche Bewegungen so einfach in zwei Klassen einordnen lassen, wird von Forschern mit kulturwissenschaftlichem Schwerpunkt wie Janet T. Spence oder Peter Hegarty bezweifelt. In einer aktuellen Veröffentlichung kritisiert Hegarty, der an der britischen University of Surrey in Guilford arbeitet, den Ansatz von Rieger und seinem Team hart. Der Psychologe hält es für problematisch, kindliches Verhalten als normabweichend zu stigmatisieren. Ohne es in der Studie offenzulegen, folgten Rieger und Bailey dem sogenannten GIDC-Paradigma (Gender Identity Disorder in Childhood). Verfechter dieses Ansatzes versuchen immer noch, Homosexualität zu pathologisieren.

Die Prinzessin geht zum Kickboxen

Auch sei die simple Unterscheidung von „Maskulinität“ und „ Femininität“ weder angemessen noch methodisch ausreichend fundiert, findet Hegarty. Körperhaltung, Schrittgeschwindigkeit und Gangbild sind in hohem Maße kulturell geprägt. So bewegt sich kein Mann heute noch so zackig und militärisch wie zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs. Auch das Bewegungsrepertoire junger Frauen hat sich verändert: Es ist widersprüchlicher und mehrdeutiger geworden. „Sie gehen am Montag zum Kickboxen, am Mittwoch zum Jazzdance und laufen an Karneval als Prinzessin herum“, meint die Genderforscherin Mart Busche. Passend dazu etabliert sich der Typus der machohaft auftretenden und dennoch heterosexuell begehrenden Frau immer mehr als Rollenmodell.

Was also sind heutzutage noch typisch weibliche und typisch männliche Bewegungsmuster? 2003 befragte der Hamburger Psychologe Thomas Grossmann 100 homosexuelle Jungen zu ihrem Verhalten in der Kindheit und ermittelte fünf verschiedene Typen: den „weichen Jungen“, den „unsportlichen Außenseiter“, den „sensiblen Sportler“ , den „wilden Einzelkämpfer“ und den „harten Jungen“. Homosexuelle Jugendliche sind demnach genauso unterschiedlich wie heterosexuelle. „Die gesamte Gruppe der Homosexuellen als Rollenverweigerer und Nonkonformisten zu verklären, geht zu weit“ , meint auch der Psychologe Warren Throckmorton vom Grove City College in Pennsylvania.

SIND HOMOSEXUELLE KREATIVER?

In der Vergangenheit gab es immer wieder Versuche, den Nonkonformismus von Schwulen zu beweisen. Eine These lautet: Homosexuelle sind kreativer. Das glaubte die renommierte Schriftstellerin Susan Sontag bereits in der 1960er-Jahren bemerkt zu haben. Der Verwaltungswissenschaftler Gregory B. Lewis von der Georgia State University untersuchte mit statistischen Methoden die Bevölkerungsdaten aus dem sogenannten General Social Survey der Jahre 1993 bis 1998. Er stellte fest: Homosexuelle gehen häufiger ins Museum und in die Oper, sie spielen eher ein Musikinstrument als Heterosexuelle, und sie haben tatsächlich eine besondere Vorliebe für Tanz, Musik und Malerei. Das gilt für Schwule und Lesben gleichermaßen. Ein Beispiel: Während 59,6 Prozent der befragten männlichen und weiblichen Homosexuellen angaben, im vorangegangenen Jahr ein Museum oder eine Kunstgalerie besucht zu haben, waren es bei den Heterosexuellen bloß 42,3 Prozent.

Von einem angeborenen Kreativitätssinn könne jedoch keinesfalls die Rede sein, betont Gregory B. Lewis. Mit seiner empirischen Forschung fand der Forscher eine bessere Erklärung: Erwachsene Homosexuelle leben bevorzugt in einem städtischen Umfeld, sind im Allgemeinen kinderlos und haben relativ häufig einen hohen Bildungsabschluss. Diese äußeren Faktoren erklären den Sinn fürs Ästhetische, nicht aber die sexuelle Orientierung. Das heißt: Ein Schwuler, der auf dem Dorf lebt und Hauptschulabschluss hat, ist wahrscheinlich ein ebenso großer Kunstmuffel wie ein heterosexueller Familienvater in der Provinz mit niedrigem Bildungsabschluss.

DIE THESE VOM HOMO-GEN

Wie aber entsteht Homosexualität? „So wie Heterosexualität. Und wie die entsteht, wissen wir auch nicht“, schreibt der Psychotherapeut Jürgen Lemke in seinem Buch „Verloren am anderen Ufer“. Nach Ansicht des Psychobiologen Qazi Rahman von der University of East London liegt der sexuellen Orientierung ein komplizierter Mix aus Natur- und Umweltfaktoren zugrunde – so kompliziert, dass die Wissenschaft nichts Genaueres zu sagen weiß. Zwar entdeckte der Genetiker Brian Mustanki von der University of Illinois in Chicago bei Familien mit zwei oder mehr homosexuellen Mitgliedern übereinstimmende Gen-Abschnitte auf den Chromosomen 4, 6 und 10, dennoch geht die These vom „Homo-Gen“ an der Wirklichkeit vorbei.

Die sexuelle Orientierung eines Menschen ist einfach zu vielschichtig, um sie mittels weniger Gene erklären zu wollen. Wie hoch der genetische Anteil an Homosexualität ist, vermag kein Forscher genau zu sagen. Je nach Studie schwankt der Erblichkeitsanteil bei Männern zwischen 31 und 74 Prozent, bei Frauen zwischen 27 und 76 Prozent. Ganz gleich, welche Zahl man nun glauben mag, eines ist sicher: Die Umwelt insgesamt beeinflusst gleichfalls die sexuelle Orientierung eines Menschen, angefangen beim „biochemischen Klima“, in dem der Fötus im Mutterleib heranwächst.

ROSA ZIMMERTAPETE

Seit der „San-Francisco-Studie“ des Kinsey-Instituts Anfang der 1980er-Jahre ist belegt, dass viele populäre Thesen rund um die sexuelle Orientierung nichts als Mythen sind. So identifizieren sich homosexuelle Jungen keinesfalls stärker mit ihrer Mutter als heterosexuelle. Homosexuelle sind auch nicht reihenweise in jungen Jahren von Männern zur Homosexualität verführt worden. Ebenso wenig spielten sie in ihrer Kindheit überzufällig häufig mit Mädchenspielzeug. Am falschen Spielgerät oder an der rosa Zimmertapete liegt es also nicht, wenn ein Junge später Männer liebt. ■

NIKOLAS WESTERHOFF, promovierter Psychologe und Wissenschaftsjournalist in Berlin, griff für bdw schon öfter das Thema Sexualität auf.

von Nikolas Westerhoff

Homosexualität: HIER gestattet, da geahndet

In vielen afrikanischen und asiatischen Staaten ist Homosexualität verboten. In Saudi-Arabien, dem Iran, dem Jemen, Mauretanien, dem Sudan sowie in Teilen von Nigeria und Somalia stehen entsprechende Handlungen unter Todesstrafe – zum Teil religiös motiviert. Auf dem amerikanischen Kontinent ist Homo-Liebe mit Ausnahme von Guyana legal. In Belize,Trinidad und Tobago, Lesotho und Swasiland wird Homosexuellen die Einreise verwehrt. In der Westsahara, Dschibuti, dem Irak und Weißrussland ist die Lage unklar: Mancherorts sagt die Rechtsprechung „legal“, und trotzdem wird massiv diskriminiert und verfolgt.

ELTERN SOLLTEN RUHE BEWAHREN

Toleranz gegenüber sexuellen Minderheiten ist zwar für viele selbstverständlich. Doch wenn es um den eigenen Nachwuchs geht, sieht die Sache oft anders aus. Manche Eltern reagieren zunächst mit harten Sprüchen wie „Du bist nicht mehr unser Kind“, andere verfallen ins Grübeln und fragen sich: „Haben wir unseren Sohn zu sehr verhätschelt?“ Diese Reaktionen sind oft aus dem ersten Schrecken heraus geboren. Man sollte sie also nicht zu stark gewichten. Denn Eltern brauchen Zeit, um sich mit der neuen Situation ver-traut zu machen, so wie Schwule und Lesben selbst häufig erst nach Jahren ein Coming-Out wagen.

Wichtig ist nach Ansicht von Experten zweierlei. Erstens sollten Eltern immer den Kontakt zu ihrem Kind suchen und die Botschaft senden: „So wie du bist, bist du in Ordnung.“ Zweitens sollten Eltern sich intensiv mit dem Thema Homosexualität beschäftigen, statt es zu ignorieren. Trotz aller Bedenken und Ängste – etwa: „Kann sich mein Sohn mit HIV infizieren?“ – sollten sie darauf setzen, dass ihr Kind sein Leben schon meistern wird. Heterosexuelle Jugendliche sind etwa mit der Gefahr einer sexuell übertragbaren Krankheit genauso konfrontiert.

Nach Auffassung von Gudrun Held, Vorsitzende des Bundesverbandes der Freunde, Eltern und Angehörigen von Homosexuellen (BEFAH), fühlen sich Eltern häufig schuldig und sind enttäuscht, dass sie keine Enkelkinder bekommen. Doch Held beschwichtigt: Auch bei einem heterosexuellen Kind ist ja nicht sicher, dass es später eine Familie gründet. Deshalb gilt: Ruhe bewahren und sich mit den eigenen Vorurteilen, Ängsten und Wünschen auseinandersetzen.

KOMPAKT

· Die sexuelle Orientierung eines Menschen sei schon ab dem vierten Lebensjahr erkennbar, behaupten manche amerikanische Psychologen.

· Sie bekräftigen damit das weitverbreitete Vorurteil, dass sich männliche Homosexuelle feminin und nonkonform verhalten.

· Kritiker finden es problematisch, kindliches Verhalten derart zu stigmatisieren.

„TUNTIGE HETERO-MÄNNER“

Forscher behaupten, Homosexualität lasse sich am Bewegungsmuster erkennen. Was halten Sie davon?

Solche Studien sind problematisch, weil dabei oft unbewusste Vorurteile der Forscher eine Rolle spielen. Es gibt eine lange wissenschaftliche Tradition, Homosexuelle zu pathologisieren. Homosexualität als vermeintlich normabweichende Orientierung wird als erklärungsbedürftig hingestellt. Meine Erfahrung ist: Es gibt eine große Verhaltensbandbreite. Auf der einen Seite kenne ich viele ultramaskuline Homosexuelle, auf der anderen Seite gibt es auch viele Hetero-Männer, die ziemlich tuntig wirken. Der schlichte Gegensatz männlich–weiblich hilft nicht weiter.

Angeblich wird das nonkonforme Verhalten von Schwulen mit den Jahren stärker.

Das bezweifle ich. Viele Homosexuelle sind „überangepasst“ und wollen nicht auffallen, um als gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft akzeptiert zu werden.

Die Diskussion kreist meist um homosexuelle Männer. Wie sieht es mit lesbischen Frauen aus?

Frauen scheinen es etwas leichter zu haben. Fallen sie aus der Rolle, wird das eher akzeptiert. Die Aggressionen gegen-über Schwulen sind größer. Insgesamt stehen lesbische Frauen weniger im Fokus – sie tauchen auch in den Medien und in der Wissenschaft weniger auf. Diese fehlende Präsenz kann man beklagen. Andererseits ist es für schwule Männer müßig, immer wieder die Frage nach dem Wie und Warum beantworten zu müssen.

DER EKEL VOR DEM ANDEREN

„Ich bin schwul, und das ist auch gut so.“ Für homophobe Zeitgenossen muss sich diese Losung des Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit wie der blanke Hohn anhören. Unter Homophobie verstehen Psychologen eine irrationale Berührungsangst vor Schwulen und Lesben, die sich in Gefühlen wie Ekel und Verachtung äußert. Auch wenn Menschen nach außen hin Verständnis für Homosexuelle bekunden, ist das keine Garantie für echte Offenheit, warnt der britische Psychiater Dinesh Bhugra: Auch „ aufgeschlossene“ Intellektuelle, im Extremfall gar Schwule selbst, können unterschwellig Groll gegen Homosexuelle hegen.

Seit Sigmund Freud sind Schwulenhasser mit dem Odium von Witzfiguren behaftet. Nach seiner Theorie projizieren sie ihre eigenen homosexuellen Impulse auf Sündenböcke, um sie dadurch abzuwehren. Manche Prominente geben ihr Bestes, um diesen Karikaturen Leben einzuhauchen – so etwa der fundamentalistische amerikanische Prediger Ted Haggard. Er wetterte von der Kanzel gegen Schwule – bis er in Zweisamkeit mit einem Strichjungen erwischt wurde.

FREUD im LABORTEST

Auch im Labor bewies die Freud’sche Idee beachtliche Standfestigkeit. Bereits 1996 präsentierte der Psychologe Henry E. Adams von der University of Georgia männlichen Versuchspersonen Hardcore-Schwulenvideos, während er ihren Penis mit einem sogenannten Dehnungsschreiber auf verdächtige Reaktionen sondierte. Fazit: Von den Probanden, die laut einem vorherigen Test homophobe Tendenzen hatten, zeigten 54 Prozent sexuelle Erregung, von den nicht homophoben dagegen nur 24 Prozent. Robb Willer von der Cornell University erschütterte 2004 bei einem Teil seiner männlichen Versuchspersonen das Selbstbewusstsein, indem er ihnen mit einen Test vorgaukelte, „ weibische“ Tendenzen zu besitzen. Als Reaktion auf ihre lädierte Macho-Identität verstiegen sich die Betreffenden anschließend in eine Abwehrhaltung gegen Homosexuelle.

Trotz solcher Ergebnisse ist es unwahrscheinlich, dass sich Homophobie lückenlos auf den Freud’schen Verdrängungsmechanismus reduzieren lässt. In vielen traditionellen, religiös fundamentalistischen Kulturen sind weite Teile der Bevölkerung schwulenfeindlich, und auch die gesellschaftliche Liberalisierung der letzten Jahrzehnte hat diese Ressentiments nicht völlig ausgeschaltet. So sahen mehr als zwei Drittel aller US-Amerikaner die Homosexualität in den 1970er-Jahren als „immer verkehrt“ an. Noch Ende der 1990er-Jahre betrug diese Ablehnungsquote über 50 Prozent. 2003 bekundeten 89 Prozent aller Deutschen zwar die Bereitschaft, im Zweifelsfall auch einen schwulen Politiker zu wählen. Aber die Zahl derer, die Homosexualität für „unmoralisch“ halten, ist in Deutschland in den letzten Jahren wieder gestiegen – von 16,6 auf 21,8 Prozent. In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit, so der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer, richten sich die Frustrationen gegen die vermeintlich Schwächeren.

DER EINFLUSS DER Religion

Der Widerwille gegen Schwule gedeiht besonders gut in älteren Bevölkerungsschichten mit niedriger Bildung, die eine starke Affinität zur Religion besitzen und selten persönliche Kontakte zu Homosexuellen unterhalten, rekapituliert der Psychologe Gregory Herek von der University of California in Davis den Forschungsstand. Nach einer Umfrage des Kieler Psychologen Bernd Simon ist antihomosexuelles Gedankengut zudem bei jungen Männern türkischer Herkunft besonders verbreitet. 74 Prozent der Schüler ohne Migrationshintergrund befürworteten seinen Untersuchungen zufolge eine rechtliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben, aber nur 38 Prozent der jungen Türken.

Es ist im Grunde verwunderlich, dass sich heterosexuelle Männer über Schwule echauffieren, da diese im Wettbewerb um Frauen als Konkurrenten ausfallen und dadurch die eigenen Chancen erhöhen. Der Eindruck, dass Homosexuelle sich einen eigenwilligen, ungebundenen Lebensstil herausnehmen, löst womöglich Neidgefühle aus, spekuliert der Mediziner Marshall Forstein von der Harvard University: „Das ist die Angst, dass da jemand glücklicher ist.“ Außerdem vermutet Forstein, Männer seien homophober als Frauen, weil der Gedanke an die anale Penetration nur zu leicht die Assoziation wecke, „verweiblicht“ zu werden.

Ein wichtiges Merkmal der Homophobie ist, dass sich die Betreffenden weniger vor Homosexuellen fürchten, als dass sie sich ekeln. Das ist eine seltsame Zweckentfremdung der Ekelreaktion, die ursprünglich aus der Sphäre der Nahrungsaufnahme stammt und Menschen davor schützen soll, gesundheitsschädliche Lebensmittel zu verzehren. Die Evolution hat das Ekelgefühl offenbar flexibel gemacht, nach dem Motto: Ekle dich vor den Dingen, die in deiner Gesellschaft als ekelhaft gelten! Die erstaunliche Anpassung der Ekelreaktion führt dazu, dass Ekelmetaphern oft missbraucht werden, um unliebsame Menschen oder Verhaltensweisen zu diffamieren. „Unsere Probanden haben erzählt, dass sie auch Rassisten, Kinderschänder sowie politisch links oder rechts Stehende als ekelhaft empfinden“, betont der Psychologe Paul Rozin von der University of Pennsylvania.

Um die Rolle des Ekels beim Schwulenhass auszuloten, hat ein Psychologenteam um David Pizarro von der Cornell University mit einem Test 100 Männer und Frauen darauf sondiert, wie leicht sie in den Würgereflex verfallen – sowohl beim Gedanken an widerliche Speisen und Objekte als auch bei der Vorstellung von Verhaltensweisen wie Inzest oder Sex mit Tieren. Dann zeigte Pizarro ihnen Bilder, die eine homosexuelle Thematik hatten, etwa zwei aufeinanderliegende Männer. Gemessen wurde die Geschwindigkeit, mit der die Probanden Assoziationen wie „ widerlich“ oder „wunderbar“ beisteuerten. Je schneller eine Person negative Begriffe mit einer Sache verbindet, desto stärker gilt diese als negativ.

Das Ergebnis war eindeutig: Personen, die sich über eine faulige Speise oder eine verwesende Leiche am stärksten ekelten, lehnten auch Schwule besonders schnell und heftig ab. In einer weiteren Studie konnten die Forscher zudem nachweisen, dass sich politisch Konservative leichter ekeln als links Stehende. Dies erklärt wohl auch die Verbindung zwischen Glaube und Schwulenhass. In der fundamentalistisch-religiösen Geisteswelt besteht ein starkes Bedürfnis nach „Reinheit“. Nahrungstabus, die Ablehnung von menstruierenden Frauen und die Abscheu gegenüber „ Gottlosen“ gehören zum Symptomen-Komplex. Und der kann sich für Schwule fatal auswirken: In einigen islamischen Ländern sieht die Scharia die Todesstrafe für Homosexuelle vor. ■

ROLF DEGEN, Wissenschaftsjournalist in Bonn, ist froh, dass man in Deutschland für seine sexuelle Orientierung nicht bestraft werden kann.

von Rolf Degen

Die Krankheit, die keine ist

1992 strich die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität von ihrer Liste der international anerkannten Krankheiten. Seitdem hat sich viel getan: Kein ernstzunehmender Wissenschaftler würde die gleichgeschlechtliche Liebe heute noch als geistige oder körperliche Störung bezeichnen. Hartnäckig beharren jedoch extrem konservative und religiöse Kreise darauf, dass Homosexualität behandelt werden müsse. Mit der sogenannten Konversionstherapie versuchen Therapeuten, Seelsorger und Heiler, Homosexuelle in asexuelle oder heterosexuelle Menschen zu verwandeln. Die gleichgeschlechtliche Liebe zählt je nach theoretischer Ausrichtung als Sünde, Krankheit, Persönlichkeits- oder Hormonstörung.

In den USA boomt die sogenannte Ex-Gay-Bewegung: eine religiös motivierte „Umpolungs-Therapie“, die Homosexuellen helfen soll, zu „voll entwickelten“ – also heterosexuellen – Menschen zu werden. Die „Aversionstherapie“ setzt indes auf Konditionierung. Mit Elektroschocks und Brechmitteln werden die Patienten so lange traktiert, bis sie schon beim bloßen Anblick eines homosexuellen Paares körperliche Qualen leiden.

So mancher Therapeut greift zu noch rüderen Methoden: So berichten lesbische Frauen von sexuellen Übergriffen durch ihre Psychologen. Zu Therapiezwecken sollten die Frauen heterosexuelle Erfahrungen machen. In speziellen Einrichtungen der katholischen Kirche unterziehen sich Homosexuelle einer sogenannten „ Keuschheitstherapie“. Im polnischen Lublin etwa erziehen Geistliche die Menschen zu einem Leben ohne Sex. Solche Behandlungen sind gefährlich und treiben Betroffene im schlimmsten Fall sogar zur Selbsttötung. Dabei ist schon das Wort „Therapie“ bedenklich. Es suggeriert fälschlicherweise, dass es sich bei den angewendeten Methoden um wissenschaftliche Verfahren handelt. DR

KOMPAKT

· Die Zahl der Deutschen, die Homosexualität „unmoralisch“ finden, ist in den letzten Jahren gestiegen.

· In Kulturen mit starren religiösen Weltbildern treffen Schwule häufig auf Feindseligkeit.

· Menschen, die sich generell schnell ekeln, lehnen Schwule besonders stark ab.

AFFE, PINGUIN & CO

Dass Homosexuelle gegen die Natur handeln – darin sind sich Moralapostel vom Papst bis zu irakischen Mullahs einig. Mit Naturwissenschaft hat derlei Homo-Feindlichkeit freilich nichts zu tun. Denn welchen Varianten von gleichgeschlechtlichem Sex Menschen auch frönen mögen: Tiere treiben es genauso. Wenn nicht noch wilder.

Das trifft speziell auf unsere nächsten Verwandten zu, die Primaten, wie das Sexualleben von Bären-, Rhesus- und Japan-Makaken belegt. Hier pflegen manche Äffinnen sexuelle Vorspiele, die menschlichen Liebespaaren alle Ehre machen würden. Beim „Schmatzen und Umkreisen“ bewegt sich ein Weibchen geräuschvoll in stetig engerem Zirkel um eine Auserwählte herum. Neckereien wie „präsentieren und wegrennen“ oder „küssen und wegrennen“ münden oft in ein Räuber-und-Gendarm-Spiel. Dabei schleichen die Weibchen langsam um einen Baumstamm herum und bemühen sich, durch rasches Um-die-Ecke-Blinzeln den Nachstellungen der Partnerin zu entgehen. Nach dem Hasch-Mich geht es zur Sache: Eines der Weibchen klettert auf den Rücken der Partnerin, hält sich an deren Schultern fest und reibt ihr Geschlechtsteil über den Rumpf der Bestiegenen. Zuweilen stimuliert sie dabei ihre Vulva mit dem Schwanzende oder mit der Hand. Manchmal assistiert die Bestiegene, oder sie zeigt die auch bei heterosexuellen Kopulationen vorkommende Kupplungsreaktion: Sie wendet ihren Kopf, um der Partnerin in die Augen zu schauen. Dabei schmatzt die Bestiegene mit den Lippen, fasst nach hinten und zieht die Partnerin am Körper. Die Aufreitende setzt ihre Beckenstöße fort, bis sich ihr Körper versteift. Ihr Gesicht ist gerötet, die Lippen runden sich zum „O“-Mund, und sie stöhnt. Dann reagiert sie ähnlich wie ein ejakulierendes Männchen: mit einer deutlichen Pause, dem Vorneigen des Rumpfes und einem tranceartigen Blick ins Nichts. Oft umarmen sich die Weibchen am Ende solcher Begegnungen.

Lesbische Liebe kann also bei Makaken zum Orgasmus führen. Zumindest weisen die Reaktionen auf die gleiche Erregung hin, wie sie bei der Kopulation mit Männchen über implantierte Minisender gemessen wurden – eine erhöhte Herzschlagrate und Vaginalkontraktionen. Das entkräftet den Einwand, gleichgeschlechtliche Kontakte unter Tieren seien „nicht sexuell“ . Zudem widerlegen Affenstudien die Behauptung, allein Menschen würden sich homosexuell betätigen, obwohl Partner des anderen Geschlechts willig sind. Denn Makaken-Weibchen brechen zeitweilig Sexualkontakte mit Männchen ab oder weisen Freier aggressiv zurück, um sich Geschlechtsgenossinnen hinzugeben. Auch das gleichgeschlechtliche Repertoire von Makaken-Männchen muss den Vergleich mit menschlichen Vettern nicht scheuen. Es reicht von gegenseitiger manueller Stimulation der Genitalien über Oralsex durch Lecken und Saugen bis zu Aufreiten, Beckenstößen und Analverkehr mit oder ohne Samenerguss.

JUNGGESELLEN TUN ES STÄNDIG

Derartiger Sex mit Geschlechtsgenossen ist nichts Anekdotenhaftes. Bei indischen Languren-Affen etwa ist jeder Erwachsene irgendwann homosexuell aktiv. Vier von fünf Affen reiten bei anderen auf und neun von zehn lassen sich aufreiten. Bei Weibchen machen gleichgeschlechtliche Kontakte 46 Prozent aller sexuellen Interaktionen aus. Immerhin noch 18 Prozent des Sexuallebens männlicher Haremshalter richten sich auf andere Männchen, während Junggesellen es satte 95 Prozent der Zeit untereinander treiben. Gleichgeschlechtlicher Sex ist damit keineswegs eine Fußnote der Sexualbiografie, sondern integraler Bestandteil.

Dass diese Spielarten des Sexus bei Tieren in der Öffentlichkeit noch immer relativ unbekannt sind, hat mehrere Gründe. Zum einen gibt es weltweit nur eine Handvoll Verhaltensforscher, die sich des Themas annehmen. Selbstzensur spielt gewiss eine Rolle. Denn wer darüber publiziert, muss selbst heute noch mit homophoben Reaktionen rechnen – oder mit der Unterstellung, eigene Betroffenheit zu thematisieren. Andererseits sind gleichgeschlechtliche Kontakte insgesamt tatsächlich seltener als heterosexuelle. Bei zahlreichen Tierarten fehlen sie völlig. Bei manchen Spezies hingegen kommt gleichgeschlechtlicher Sex so regelmäßig vor, dass damit halbwegs seriöse Statistik betrieben werden kann. Dazu zählen unter anderem Anolis-Echsen, Sonnenfische, Stichlinge, Flamingos, Graugänse, Damhirsche, Dickhornschafe, Bisons, See-Elefanten, Große Tümmler, verwilderte Hauskatzen und zahlreiche Primaten.

GORILLAS IN MISSIONARSSTELLUNG

Die Regenbogen-Koalition demonstriert, dass Homo-Sex an recht entfernten Zweigen des Lebensbaums blüht – sich also mehrfach unabhängig voneinander entwickelte und sich entsprechend divers gestaltet. Der kleinste gemeinsame Nenner ist, dass es unter Geschlechtsgenossen zum Kontakt der Genitalien kommt. Man kann deshalb wohl von homosexuellem Verhalten bei Tieren sprechen. Der Terminus „Homosexualität“ sollte hingegen vermieden werden, da er ein einheitliches Phänomen suggeriert. Das Kaleidoskop reicht jedoch vom Aufeinanderpressen der Kloaken bei Flamingos über das Penetrieren der Geschlechtsöffnung mit Kiefer und Flossen bei Delfinen bis zur Missionarsstellung unter Gorillamännern.

Wenn überhaupt, wäre es wegen der Varianz angemessener, im Plural von „Homosexualitäten“ zu sprechen – was auch auf Menschen zutrifft. Diese kulturelle Vielfalt beim Sex mag durchaus bei vielen Tieren vorkommen. Doch wissen die Verhaltensforscher davon kaum etwas. Japan-Makaken jedenfalls pflegen ihre intensiven lesbischen Kontakte nur in manchen Gruppen, während sie benachbarten Gesellschaften völlig fehlen.

Den Begriff „Homosexualität“ auf Tiere anzuwenden, ist zudem problematisch, weil er nicht nur gleichgeschlechtliche Akte bezeichnet, sondern auch eine sexuelle Orientierung ausdrückt – inklusive der Fantasie, mit Geschlechtsgenossen Sex haben zu wollen. Auch wenn uns Tiere ihre Sehnsüchte nicht mitteilen können, ist homosexuelle Orientierung im Tierreich dennoch nicht grundsätzlich auszuschließen. Beispielsweise ging in der einst von Konrad Lorenz im österreichischen Grünau begründeten Graugans-Kolonie jeder siebte Ganter eine Paarbindung immer nur mit anderen Männchen ein. Womit ein viel zitierter Satz des Mentors der vergleichenden Verhaltensforschung eine ganz neue Bedeutung gewinnt: „Graugänse sind auch nur Menschen.“

Evolutionsbiologischen Prinzipien scheint gleichgeschlechtlicher Sex auf den ersten Blick zu widersprechen. Wie kann die Auslese ein Verhalten fördern, das nicht der Fortpflanzung dient? Der Einwand verkennt, dass die meisten heterosexuellen Kontakte auch nicht zur Befruchtung führen – unter anderem, weil Sex sozialstrategisch eingesetzt wird. So kopulieren Affenweibchen auch außerhalb der fruchtbaren Phase, um die Vaterschaft zu verwirren – was das Risiko von Kindestötung senkt oder ihnen Unterstützung ihrer Sexpartner einträgt. Homo-Sex kann ebenfalls solche indirekten Vorteile bringen, wobei seine Ausprägungen vielfältig sind.

Häufig ist „tuntenhaftes“ Gebaren von Männchen, die sich betont weiblich geben – in Gestalt, Bewegung, Färbung – und sich von stärkeren Geschlechtsgenossen begatten lassen. Diese Travestie findet sich bei Sonnenfischen und Stichlingen ebenso wie bei Anolis-Echsen und Dickhornschafen und lässt sich als Täuschungsstrategie deuten. Ihre Maskerade erlaubt den feminisierten Männchen, in der Nähe der Territoriumshalter zu bleiben und so eigene Befruchtungsgelegenheiten zu erschleichen.

ÜBEN FÜR DEN Ernstfall

Gleichgeschlechtlicher Sex kann auch dazu dienen, sich auf eine zukünftige Fortpflanzung vorzubereiten. Große Tümmler gehen dafür Männer-Allianzen ein, die geschicktes und synchronisiertes Schwimmen erfordern. Derlei Teamwork ist nötig, um Weibchen sexuell gefügig zu machen – denn es ist relativ leicht, sich Nachstellungen im dreidimensionalen Raum des Ozeans zu entziehen. Das exakte Positionieren der Genitalien unter Wasser üben männliche Delfine als Heranwachsende miteinander – das zahlt sich später heterosexuell aus. Praktische Gründe mögen auch manche Vögel dazu veranlassen, in einer Saison ein homosexuelles Paar zu bilden und in der nächsten ein heterosexuelles. Ähnlich wie bei Graugänsen lebt jeder fünfte Flamingo in einer gleichgeschlechtlichen „Beziehung“. Besonders wenn Mangel an Partnern herrscht, wäre die Alternative, alleine zu leben. Das ist stressig und gefährlich, weil es gilt, Raubfeinden zu entkommen und sich gegen aggressive Artgenossen zu behaupten. Zuweilen ziehen gleichgeschlechtliche Paare einen Jungvogel auf, indem sie entweder ein Ei stehlen oder – im Fall lesbischer Paare – eine Samenspende ergattern. Homo-Partnerschaften können jahrelang währen oder nur eine Saison, sie ermöglichen aber in jedem Fall das Praktizieren von Elternverhalten.

Nicht saisonal, sondern permanent bisexuell verhalten sich Bonobo-Weibchen. Die Damen kopulieren zwar auch gern heterosexuell, sind aber bekannt für ihr sogenanntes g-g-rubbing. Bei diesem genito-genitalen Reiben werden die oft enormen Schwellungen der Ano-Genital-Region eingesetzt, samt Klitoris, die nicht nur relativ groß ist, sondern auch erigiert. Die Weibchen reiben sich in rascher Frequenz aneinander, und ihren Lustgewinn würden wohl die wenigsten Beobachter bestreiten. Homo-Sex ist auch das wesentliche soziale Werkzeug, mit dem sie Koalitionen gegen Männchen bilden. Der intime körperliche Umgang schafft Vertrauen und recht genaue Kenntnis der Stärken und Schwächen der Bündnispartnerinnen – was Bonobos eine frauenzentrierte Gesellschaft ermöglicht.

KEINESWEGS WIDERNATÜRLICH

Die meisten Tiere treiben also sowohl homo- wie heterosexuellen Sex. Sich gleichgeschlechtlich zu engagieren bedeutet dabei nicht, auf direkte Reproduktion zu verzichten. Außerdem lassen sich nicht allen homosexuellen Interaktionen Funktionen zuschreiben. Das von Japan-Makaken frenetisch betriebene Klitorisreiben etwa hat nichts mit Allianzen zu tun, dient nicht heterosexueller Praxis und baut auch keine Spannungen ab. Vielmehr reiben die Äffinnen sich manchmal an trägen Männchen, um deren sexuelles Interesse durch die Demonstration eigener Willigkeit zu wecken. Das geht einher mit lustvollen Gefühlen – und die lassen sich mit einer Partnerin offenbar noch besser kultivieren. Somit wären lesbische Akte Beiprodukte einer ursprünglich heterosexuellen Funktion. Zweckfreier Sex, nur so zum Spaß: Selbst da können sich Menschen und Tiere einig sein.

Gleichgeschlechtliches Sexualverhalten ist mithin keineswegs „ widernatürlich“. Daraus folgt übrigens nicht, dass Homosexualität „gut“ wäre – wie sie umgekehrt nicht „schlecht“ wäre, würde Homo-Sex unter Tieren fehlen. Denn ob etwas in der Natur vorkommt oder nicht, lehrt nicht automatisch, wie es moralisch zu beurteilen ist. Der Sittenlehrer Seneca brachte dies bereits vor 2000 Jahren auf den Punkt: „Die Natur schenkt nicht die Tugend, es ist eine Kunst, gut zu werden.“ Was uns freilich nicht daran hindern sollte, animalischen Homo-Sex einfach nur tierisch gut zu finden. ■

VOLKER SOMMER, Anthropologe am University College London, ist einer der wenigen Experten für homosexuelles Verhalten bei Tieren.

von Volker Sommer

KOMPAKT

· Homo-Sex hat sich mehrfach unabhängig voneinander bei diversen Tierarten entwickelt.

· Mit gleichgeschlechtlichen Kontakten schmieden Tiere soziale Bündnisse – sie dienen aber auch dem Lustgewinn.

· Wenn Mangel am anderen Geschlecht herrscht, übernehmen Homo-Paare manchmal die Elternschaft für Junge.

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LESEN

Lutz van Dijk, Barry van Driel (Hrsg.) SEXUELLE VIELFALT LERNEN Schulen ohne Homophobie Querverlag, Berlin 2008, € 14,90

Uli Streib-Brzic, Stephanie Gerlach UND WAS SAGEN DIE KINDER DAZU? Querverlag, Berlin 2006, € 14,90

Heidi Hassenmüller, Udo Rauchfleisch, Hans-Georg Wiedemann WARUM GERADE MEIN KIND? Walter-Verlag, Düsseldorf 2006, € 14,90

Hans-Georg Wiedemann HOMOSEXUELL Das Buch für homosexuell Liebende, ihre Angehörigen und ihre Gegner Kreuz-Verlag, Freiburg 2005, € 12,95

Gotthard Feustel DIE GESCHICHTE DER HOMOSEXUALITÄT Patmos, Düsseldorf 2003, € 9,95

Jürgen Lemke VERLOREN AM ANDEREN UFER Schwule und lesbische Jugendliche und ihre Eltern Aufbau Taschenbuch-Verlag, Berlin 1994 ISBN 3-7466-8999-6 (nur noch antiquarisch erhältlich)

Volker Sommer und Paul L. Vasey (Hrsg.) HOMOSEXUAL BEHAVIOR IN ANIMALS An Evolutionary Perspective Cambridge University Press, 2006 ca. € 100,–

Volker Sommer WIDER DIE NATUR? Homosexualität und Evolution C.H. Beck, München 1990 ISBN 3-406-34739-8 (nur noch antiquarisch erhältlich)

INTERNET

Das Anti-Diskriminierungsprojekt „Triangle“ von Stefan Timmermanns: www.diversity-in-europe.org

Bundesverband der Freunde, Eltern und Angehörigen von Homosexuellen (BEFAH): www.befah.de

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