Das Tier in uns - wissenschaft.de
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Das Tier in uns

Biologisch gesehen, ist der Mensch ein Primat – aber was für einer! Affenforscher Peter Kappeler behauptet: Auch unsere bösen Seiten haben uns geholfen, die Welt zu erobern. Das Interview führte Judith Rauch Peter M. Kappeler Jahrgang 1959, ist Professor für Soziobiologie und Anthropologie an der Universität Göttingen und leitet die Abteilung Verhaltensökologie und Soziobiologie am benachbarten Deutschen Primatenzentrum. Als Freilandforscher kennt er sich vor allem mit den kleinen Primaten Madagaskars, den Lemuren, aus (das Foto zeigt ihn mit Kattas im Primatenzentrum). Kappeler organisiert regelmäßig die Göttinger Freilandtage: Dann reisen seine Primatenforscher-Kollegen aus aller Welt an – mit dem Ziel, vom Mausmaki bis zum Menschen Vergleiche anzustellen.

bild der wissenschaft: Herr Professor Kappeler, wenn Sie die Primaten insgesamt vergleichen: In welchen Eigenschaften ist der Mensch einzigartig?

Peter M. Kappeler: Wenn man als Biologe auf den Menschen schaut, fallen zunächst Besonderheiten der Lebensgeschichte auf: dass die Kinder eine viel längere Jugend haben als Affenbabys, und dass wir im Schnitt eine deutlich längere Lebenserwartung haben. Wir haben eine höhere Fortpflanzungsrate als andere Menschenaffen, die Zeit zwischen Geburt und Entwöhnung ist deutlich kürzer, die Kinder sind bei der Geburt relativ größer. Und dann haben wir die paradoxe Situation, dass Frauen im besten Alter mit der Fortpflanzung aufhören. Was mich am meisten interessiert, ist jedoch die Frage der sozialen Organisation: Was sind die natürlichen sozialen Einheiten des Menschen?

Was weiß man darüber – und vor allem woher?

Da gibt es einige neuere Publikationen über Jäger- und Sammler-Gemeinschaften, zum Beispiel über die Hadza in Tansania und über die Ache in Paraguay. Denn es besteht ja Konsens darüber, dass solche Gemeinschaften am besten repräsentieren, wie Homo sapiens mindestens 90 Prozent seiner Entwicklungs- geschichte verbracht hat. Da hat man jetzt erste genetische Untersuchungen angestellt und Verwandtschaftsbeziehungen rekonstruiert. Aus meiner primatologischen Sicht ist dabei interessant, dass diese Menschengruppen keine isolierten Einheiten sind, sondern miteinander vernetzt und verschachtelt sind. Sowohl Männer als auch Frauen können zwischen den Gruppen wechseln, was sehr selten ist bei anderen Primaten, wo stets ein Geschlecht abwandert, sobald es geschlechtsreif ist. Bei den Menschen aber leben erwachsene Brüder und Schwestern in derselben Gruppe zusammen. Dieses System hat zur Folge, dass man seine Verwandten nicht nur über die mütterliche Linie kennt, sondern auch über die väterliche. Man versteht so besser, mit wem man zur selben Sippe gehört, und es entwickeln sich Bindungen auch zu den Angeheirateten.

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Die Anerkennung der Vaterrolle ist etwas typisch Menschliches?

Das ist ungewöhnlich unter Menschenaffen. Und es kommt noch etwas Wichtiges hinzu: In den Jäger- und Sammlergruppen, die typischerweise aus etwa 25 Menschen bestehen, bilden sich für die Fortpflanzung Paare. Wir haben dort Monogamie innerhalb von Gruppen. Und das ist etwas, das sich nirgendwo unter Primaten findet, und im restlichen Tierreich auch nicht. Einzeln lebende Paare gibt es, vor allem bei Vögeln, aber in Gruppen herrscht Polygamie. Vielleicht sehen wir hier eine wichtige Grundlage des Menschseins, etwas, was vielleicht schon bei den Vorgängern da war.

Monogamie ist beim Menschen also etwas Altes, keine neue Errungenschaft?

Ja, da erntet man erstaunte Blicke. Denn wenn man sich heute umschaut und menschliche Paarungssysteme analysiert, findet man Polygynie – Vielweiberei –, wo man hinschaut. Die ist aber erst vor etwa 10 000 Jahren entstanden, als die ersten Homo sapiens sesshaft wurden und begannen, Ressourcen anzuhäufen. Von da an konnten die Männer, die viel Land oder viel Vieh besaßen, auch noch eine zweite und eine dritte Frau versorgen mit ihren Kindern.

Worin ist denn der Mensch ein typischer Primat geblieben?

Das ist eine schwierige Frage, weil die Primaten zoologisch schwer zu definieren sind. Es gibt nur wenige charakteristische Merkmale, zum Beispiel die Greifhände mit opponierbarem Daumen – den aber wir Menschen als Einzige an den Zehen nicht mehr haben, weil wir ja angefangen haben, aufrecht zu gehen. Die nach vorn gerichteten Augen, das räum- liche Sehen, das gute Farbensehen – all das teilen wir mit anderen Primaten. Schwanzlos sind alle Menschenaffen. Im Grunde ist der Mensch wie eine russische Puppe, in der Eigenschaften der Wirbeltiere, der Säugetiere, der Primaten, der Altweltaffen und der Menschenaffen ineinander verschachtelt sind.

Und der Geist?

Auch Teile unserer Kognition sind Primatenerbe: Da gibt es vieles, was allen Primaten eigen ist – an physikalischer, an räumlicher Intelligenz. Auch Grundaspekte der sozialen Intelligenz haben wir nur, weil wir Primaten sind. Für das Verhalten wichtig sind auch grundlegende Emotionen wie Angst, Ekel, Wut, die sich bei anderen Primaten ebenfalls finden.

Das Stichwort „Kultur“ fällt immer, wenn es um die Einzigartigkeit des Menschen geht. Aber haben nicht auch Schimpansen Kultur? Geben nicht auch sie bestimmte Traditionen und Handwerkstechniken weiter?

Mein Freund und Kollege Carel van Schaik aus Zürich hat vor etlichen Jahren gezeigt, dass bei Orang Utans eine Art von Kultur existiert. Sie kennen zum Beispiel tradierte Methoden, schwierige Früchte mit verschiedenen Werkzeugen zu zerlegen. Das zeigt, dass man im Primatenstammbaum mindestens zehn Millionen Jahre zurückgehen muss, um die Wurzeln der kulturellen Fähigkeiten zu finden. Aber diese haben sich bekanntlich bei unserer Linie extrem weiterentwickelt. Zeichnet man beispielsweise die Verhaltensweisen afrikanischer Schimpansen-Populationen in Landkarten ein – etwa wie eine Gruppe Termiten fängt, oder ob sie Hammer und Amboss zum Nüsseknacken verwendet –, dann kann man 10 bis 20 kulturelle Merkmale pro Population finden.

Immerhin.

Aber wenn wir Menschenkulturen vergleichen, sind das Tausende! Das ist schon ein quantitativer Unterschied. Und ein weiterer großer Unterschied ist die Dynamik, die Weiterentwicklung. Menschenaffen haben keine kumulative Kultur, bei der etwas entwickelt und in der nächsten Generation weiterentwickelt wird – oder noch viel schneller. Schauen wir uns nur die technologische Entwicklung an: Dass jetzt so etwas wie Ihr iPad auf dem Tisch liegt, das hätten wir beide uns vor zehn Jahren nicht einmal vorstellen können. Beim Verhalten des Menschen kommt noch hinzu, dass wir Normen und Regeln haben, Rituale und Institutionen, die solche Kulturen pflegen. Und dass wir einen stärkeren Druck zur Konformität haben, sich an die lokalen Gepflogenheiten zu halten.

Darf der Schimpanse eher abweichen und Dinge anders machen?

Es gibt jedenfalls keine Sanktionen, keinen Druck. Bei Experimenten werden Schimpansen zum Beispiel Kästchen präsentiert, bei denen es zwei oder drei Methoden gibt, sie zu öffnen. Und diese Methoden sind für die Tiere gleichwertig, das entscheidet jedes Tier für sich. Trainiert man ein Tier in einer Methode, und es geht dann in seine Gruppe zurück, machen manche ihm das nach, andere aber entdecken die andere Variante, und das wird völlig akzeptiert. Wir Menschen aber haben das Lehren entwickelt, die aktive Vermittlung und Erklärung.

Wie kam es zu dieser enormen Beschleunigung?

Das wissen wir noch nicht genau. Aus der entscheidenden Zeit der Hominiden-Evolution haben wir keine fossilen Spuren. Die entscheidenden Übergänge sind vor vier bis zwei Millionen Jahren passiert.

Haben wir gar keine Chance, die Frage zu beantworten?

Doch. Die vergleichende Primatologie liefert einen Ansatz, die Jäger-Sammler-Kulturen öffnen ein Fenster in eine bestimmte Zeit, der Vergleich verschiedener Kulturen gibt Hinweise auf Gemeinsamkeiten aller Menschen, Paläoanthropologen und Archäologen können Funde zeitlich einordnen. Auf diese Weise haben wir viele Zweige und Ästchen der Erkenntnis. Aber wie das alles zusammenhängt – da ist noch viel zu tun.

„Mind the Gap“ heißt ein von Ihnen mit herausgegebenes Buch über den großen Graben zwischen dem Menschen und seinen nächsten Verwandten im Tierreich. Das letzte Kapitel kommt zu dem Schluss: Die gemeinschaftliche Erziehung der Kinder ist der Schlüssel zur Einzigartigkeit der Menschenkultur. Aber findet man das nicht auch bei anderen Tieren?

Schon, aber die Details sind anders. Die Krallenäffchen in Südamerika beispielsweise zeigen ein ausgesprochenes Helferverhalten. Nur ist es da so, dass die Fortpflanzung von einem Paar monopolisiert wird – und die anderen zum Helfen genötigt werden. Beim Menschen geschieht das freiwillig. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Großmütter, die sicher sein können, dass sie mit den Enkeln verwandt sind. Aber andere helfen den Müttern ebenfalls. Wenn Kooperation auch sonst üblich ist, wenn etwa die Nahrung in der Gruppe geteilt wird, kommt das den Kindern und ihrer Gehirnentwicklung zusätzlich zugute. Allerdings: Es bleibt eine Hypothese. Die entscheidenden Experimente müssen erst noch gemacht werden. Denn wir finden ähnliche soziale Verhältnisse bei Tieren, die keine Primaten sind und kein so großes Gehirn haben – etwa bei Erdmännchen.

Bei aller Intelligenz und aller Kooperation – Menschen haben große Fehler. „Sie ergehen sich in sinnlosem Wettstreit um sozialen Status, diskriminieren Mitglieder anderer sozialer Gruppen, sie vergewaltigen, foltern oder plündern, wann immer soziale Kontrollmechanismen versagen“, so schreiben Sie mit drei Koautoren im Vorwort zu Ihrem Buch. Sind diese dunklen Seiten Zeichen der Zurückgebliebenheit – oder vielmehr des evolutionären Fortschritts, nur mit negativem Vorzeichen?

Nun, das sind zunächst einmal Bewertungen. Die Evolution aber bewertet nicht, sondern operiert wertfrei. Wenn diese Eigenschaften eine biologische Grundlage haben und in denselben Situationen vorhersagbar auftreten, dann wäre meine Vermutung, dass sie einen Selektionsvorteil haben. Dass es einen Fitnessgewinn bringt, wenn man mit anderen um sozialen Status konkurrieren kann. Dass die Gruppe, die sich durchgesetzt hat, sich effektiver fortgepflanzt und besser überlebt hat. Mit moralischen Grundsätzen kommt man da nicht weit. Die Vorstellungen von Menschenrechten unterscheiden sich, wenn man 2000 Kilometer weit reist oder 200 Jahre in der Geschichte zurückgeht, als auch bei uns noch Menschen in Knechtschaft lebten. Wenn man aber das größere Ganze sieht, lösen sich solche Widersprüche auf.

Sie meinen, auch das Böse gehört zu uns?

So sind wir, deswegen sind wir überhaupt noch hier. Was uns heute so viel Ärger macht, die Ausgrenzung, die Diskriminierung von anderen sozialen Gruppen – gerade das könnte dafür verantwortlich sein, dass heute wir hier sitzen und nicht die Neandertaler.

Wie lange wird es noch Menschen geben?

Unser Lebensstil ist natürlich sehr ressourcenverbrauchend, und ein Ende der Vorräte ist in Sicht. Dann kann es zu so starker Konkurrenz und Verdrängung kommen, dass massive Populationsrückgänge zu erwarten sind.

Sodass die ganze Art gefährdet ist?

Man kann natürlich die Hoffnung haben, dass es für eine geringere Bevölkerung reicht. Aber es ist völlig normal, dass Arten aussterben. Homo erectus hat es 1,5 Millionen Jahre geschafft – wir sind jetzt 200 000 Jahre hier, da haben wir noch etwas Luft.

Schimpansen und Bonobos sind jedenfalls stärker gefährdet als wir.

Da haben Sie recht: Wenn man alle heute lebenden Menschenaffen zusammenbringen würde, könnte man gerade mal ein Fußballstadion füllen. ■

Mehr zum Thema

Lesen

Sammelband zu den evolutionären Wurzeln des Menschen (in Englisch): Peter M. Kappeler, Joan B. Silk (Hrsg.) Mind the Gap Tracing the Origins of Human Universals Springer, Berlin/Heidelberg 2010, € 74,85

Gerade erschienen, von der renommierten Expertin für Tier-Intelligenz: Julia Fischer Affengesellschaft Suhrkamp, Frankfurt 2012, € 26,95

Event

Symposium des „Turms der Sinne“ 2012: Das Tier im Menschen – Triebe, Reize, Reaktionen Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg, 19. bis 21. Oktober Anmeldung: www.turmdersinne.de

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