Das verplante Leben des Jörg Knoblauch - wissenschaft.de
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Das verplante Leben des Jörg Knoblauch

Der Giengener Zeitberater hat auch die eigene Zeit eisern im Griff.

Planung geht bei ihm über alles. Seine Jahre, Monate, Wochen und Tage werden beherrscht von Zielen, die er sich selbst setzt, von Prioritäten und „To-do“-Listen, von Schautafeln und Organigrammen. Effizienz sei nicht Effektivität, sagt er, und Wichtiges gelte es von Dringendem zu unterscheiden.

Dr. Jörg Knoblauch, 49 Jahre alt, studierter Betriebswirtschaftler und im schwäbischen Giengen zu Hause, gehört zu den Zeitmanagement-Machern in Deutschland. Sein Fetisch ist das Zeitplanbuch, und er selbst sein eigener „Großer Bruder“. Denn persönliche Planung mündet für ihn in Selbstkontrolle und Selbstdisziplin – in höchstem Maße.

Vielleicht ist Jörg Knoblauchs Arbeitspensum nur so zu erklären. Der Mann ist in Personalunion gleichzeitig Chef von drei Unternehmen: drilbox (Werkzeugverpackungen), DISG-Training (Vertrieb von Persönlichkeitstests in Lizenz) und tempus Zeitplansysteme – Nummer drei auf dem deutschen Zeitplanbuch-Markt. Er agiert außerdem als Lehrbeauftragter in Sachen Management und Motivation, schreibt Bücher und fungiert als Vorsitzender diverser Organisationen: beispielsweise bei der „Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der Partnerschaft in der Wirtschaft“.

Bis zu 42 Funktionen hat er schon gleichzeitig innegehabt, doch unlängst einige abgelegt. Knoblauch: „Ich bin nicht mehr der Hans Dampf in allen Gassen.“ Lieblingsmotto: „Nutze die Zeit“

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Er war und ist vor allem engagierter Christ. Der Glaube gilt ihm als zusätzliche Kraftquelle, um das Leben zu meistern. Elemente der christlichen Ethik in das Berufsleben einzubringen, ist ihm ein großes Anliegen. Hierzu zählt er beispielsweise Ehrlichkeit, Verzicht auf Manipulation und Respekt gegenüber seinen Mitarbeitern.

In jedem seiner tempus-Zeitplanbücher findet sich eine Seite mit biblischen Prinzipien. Christen sind für ihn Menschen, denen „der Geist Gottes zusätzliche Gaben gegeben hat“, beispielsweise das Wichtige zu erkennen, Nachsicht walten zu lassen und sein Lieblingsmotto zu beherzigen: „Nutze die Zeit“.

Doch hinter Religiosität darf sich andererseits bei Knoblauch keiner verstecken. „Wenn da einer zu mir kommt und erklärt, ,Ich bete zu Gott, der wird mir schon sagen, was ich brauche, um meine Probleme zu bewältigen`, dann entgegne ich ihm: Was du brauchst, ist ein Tritt in den Hintern.“

So ist Knoblauchs christliches Engagement handfest und praxisrelevant: Geschäftsführer der „Arbeitsgemeinschaft für Gemeinde- aufbau“, Gründungsmitglied im Arbeitskreis „Christ und Manager“. Weil er die deutschen Gottesdienste oft langweilig und realitätsfern findet, engagiert er sich mit dem Projekt „Oase“ in neuen Gottesdienstformen. Knoblauchs christliche Ethik manifestiert sich zum anderen in seinem Motivationskonzept der „33 Rosen“. Dahinter verbergen sich für seine Angestellten sieben Stufen vom „Mitwissen“ in der Firma über das spätere „Mitverantworten“ bis hin zum „Sinn bieten“. Knoblauch: „Noch unter dem Regiment meines Vaters galten Mitarbeiter nur als Unkostenfaktoren. Unsere Stammfirma drilbox, die Bohrerkassetten herstellt, hatte keinen guten Ruf. Wir galten als gnadenlos.“

Heute sind Transparenz, Vertrauen und Eigenverantwortung die Leitmotive. Beim Bummel durch die Geschäftsräume stößt der Besucher überall auf Tafeln mit Umsatz-, Gewinn- und Verlustzahlen sowie mit Ziel- und Planungsdaten. Mitarbeiter unterschreiben mit Knoblauchs Unterschrift, beurteilen ihre Vorgesetzten und machen Verbesserungsvorschläge. Auch für ihr Gehalt: „Bei uns verdient jeder, was er will, es darf nur das Unternehmen nichts kosten.“ Transparenz, Vertrauen und Eigeninitiative

Neue Kollegen lädt der Chef zur Begrüßung nach Hause ein. Mit leitenden Mitarbeitern zieht er sich immer wieder zu Strategietagen zurück. Im vergangenen Jahr war seine Firma tempus gar Preisträgerin des „Best Factory Award“, einer Auszeichnung für vorbildlich geführte Unternehmen. Meister im Ausquetschen von Zeit .

Für seine Frau Elfi ist der smarte Schwabe ein „ungeheurer Optimist, den auch Anfeindungen nicht so schnell erschüttern“ können. Seinem Freund Werner „Tiki“ Küstenmacher, evangelischer Pfarrer und Cartoonist, gilt er als „Meister im Ausquetschen von Minuten und Sekunden“. Anders käme Zeit-Virtuose Knoblauch auch kaum zurecht.

Um 7.30 Uhr am Morgen ist er im Büro, nachdem er gejoggt und zur Abhärtung eiskalt geduscht hat. Selten kommt er vor zwei Uhr früh aus den Firmenräumen, denn er liebt die Nachtarbeit. So bleiben ihm im Schnitt nicht viel mehr als vier Stunden Schlaf pro Nacht, was er bislang zu verkraften scheint.

Außer einem vollgestopften Zeitplanbuch trägt er ständig ein Diktiergerät mit sich herum. Schriftstücke liest er nur einmal, denn: „Das erste Lesen muß ein Ausleseprozeß sein.“ Statt große Mengen an Information zu konsumieren, konzentriert er sich lieber auf die „richtigen“. So hält er die Info-Flut der Tageszeitungen auch für „gestopften Unsinn“, hat sich statt dessen lieber eine Wochenzeitung abonniert und durchforstet regelmäßig zirka 70 Fachblätter. Und natürlich nutzt er sein Auto als „rollende Universität“: Er hört beim Fahren Kassetten.

Daß er sein Privatleben in gleicher Weise verplant wie seinen beruflichen Alltag, ist für ihn selbstverständlich. Geplant wird daher auch, „wessen Freundschaft ich erwerben und mit wem ich Kontakt halten will“. Ein geplantes Gespräch mit seiner Frau? Natürlich steht auch das im Zeitplanbuch. Wie überhaupt irgend etwas passieren solle, fragt Knoblauch, wenn es nicht im Buch steht. „Erst wenn ich es so fixiere, ist es ein Termin, den ich auch verteidigen kann.“

Echtes Mitgefühl schwingt in seiner Stimme, als er die Ratlosigkeit und Verzweiflung jener Unglücklichen schildert, die ihr Zeitplanbuch verloren haben: „Einer hat das offene Buch auf dem Autodach liegen lassen, und es hat sich Seite für Seite auf der Straße verteilt. Einem anderen ist ein Panzer drübergefahren, und ein dritter rief mich hilfesuchend aus Sizilien an. Hin und wieder sind die Leute reif für den Psychologen.“ Das kann nur verstehen, wer sein Leben selbst mit Hilfe eines Zeitplanbuchs organisiert: Ringbücher mit zahllosen Kalender-, Form- und Datenblättern für jede nur erdenkliche Lebenssituation. Die Ausstattung berücksichtigt selbst die erlesensten Geschmäcker: Die auf 1500 Stück limitierte „Picasso-Edition“ etwa ist mit zwölf Kunstdrucken des Meisters ausgestattet.

In speziellen Formularpaketen „für die Familie und Haushalt“ kann der Buchnutzer dann sogar die „Konfektionsgrößen von Familienmitgliedern“ oder den „Inhalt der Gefriertruhe“ notieren. Das Formularpaket für katholische hauptamtliche Mitarbeiter offeriert Planungszettel für die „Dienstgespräche im pastoralen Team“ und den „Liedplan für die Messe“.

Kein Wunder also, daß jegliche Orientierung im Leben ausgelöscht scheint, wenn das Büchlein abhanden kommt. Ein konsequenter Zeitplanbuch-Nutzer, so sehen das die Kritiker, liefert sich nämlich auf Gedeih und Verderb gedruckten Terminlisten aus, entleert sein Gedächtnis in ein kleines Ringbuch, macht sich zum Sklaven von Skalen und Tabellen und gibt damit ein ganzes Stück gerade jener Selbständigkeit ab, die ihm die Formulare doch verschaffen sollen.

Für Jörg Knoblauch ist diese Kritik nicht neu. Er wischt sie auch nicht mit missionarischem Dogmatismus vom Tisch. Zeitplanung, erläutert er, sei für ihn kein Selbstzweck, sondern „lediglich der letzte Baustein bei der Lebensplanung“. Der Mensch solle zunächst seine Ziele fürs Leben formulieren. Dazu sei es nützlich, „sein Leben vom Ende her zu betrachten, also im Geist seine eigene Beerdigungspredigt zu schreiben“.

Erst wenn das geleistet und der Rahmen somit abgesteckt sei, komme das Zeitplanbuch als zentrales Instrument zur konkreten Lebensgestaltung ins Spiel. Zwar spricht er über sich selbst nicht gern – doch er gesteht, daß er ungefähr 20 Jahre alt war, als er zum ersten Mal Termine in ein Zeitplanbuch geschrieben hat.

1976 stieg er in den Handwerksbetrieb seines Vaters ein. Mit der Gründung seiner Zeitfirma tempus im Jahr 1987 wollte er vor allem ein weiteres wirtschaftliches Standbein errichten, aber auch „die christliche Variante eines Zeitplaners“ im damals noch boomenden Zeitplan-Geschäft etablieren. Immer mehr Business bedeutete für Jörg Knoblauch aber auch immer mehr Zeitdruck. Dem mußte er ein immer rigideres Zeit-Management entgegensetzen: „Vor einigen Jahren bin ich noch einfach in den Tag hineingegangen. Heute beginnt jeder Tag für mich mit einem Tagesziel. Es geht um die eine Sache, die heute erledigt werden muß. Das ist wunderbar.“

Der erfolgreiche Manager sieht dabei durchaus die Kehrseite seiner unbeirrbaren Rationalität – nämlich ein „Defizit im emotionalen Bereich“. Er sei Opfer seiner eigenen Methoden, konstatiert sein Freund Werner Küstenmacher und weist auf das berüchtigte Zeitspar-Paradoxon hin: „Toll, wie ich meine ersparte Zeit jetzt wieder neu verplanen kann!“ Doch halt, da gibt es ja noch die Lebensziele. Für Jörg Knoblauch heißt das vor allem, die zweite Lebenshälfte „nach anderen Spielregeln zu spielen“, das Geldverdienen vielleicht hintanzustellen und das zu realisieren, was sein Leben prägen soll. Mit 49 Jahren, so sagt er, beginne dieser zweite Abschnitt im Leben. Und 49 Jahre ist er Ende August 1998 geworden.

Wolfgang Gessler
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