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Dem hohen Norden droht eine Mückenplage

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Lauren Culler beim Mückenfang in der arktischen Tundra (Lauren Culler)
Wer schon einmal im Frühsommer in Skandinavien war, kennt das: Gerade in der Nähe von Seen und Feuchtgebieten schwirren Myriaden von Stechmücken umher und suchen nach einer Blutmahlzeit. Mit dem Klimawandel könnte sich die Mückenplage in den arktischen Gebieten der Erde enorm verstärken, wie jetzt eine Studie nahelegt. Denn je wärmer es wird, desto schneller entwickeln sich die Stechmücken und desto zahlreicher schlüpfen sie aus den Gewässern. Gerade für die im Frühsommer kalbenden Karibus und Rentiere könnte dies zu einer echten Belastung werden, warnen die Forscher.

Die globale Erwärmung macht sich in den polaren Breiten der Erde besonders stark bemerkbar. In der Arktis sind die durchschnittlichen Temperaturen in den letzten hundert Jahren doppelt so stark gestiegen wie im Rest der Welt. Als Folge taut der Permafrost vielerorts auf und Eis- und Schneedecken verschwinden im Frühjahr schneller. Lauren Culler vom Dartmouth College in Hanover und ihre Kollegen haben nun untersucht, welche Folgen dies für einen uns eher lästigen Bewohner der Arktis hat: die arktische Stechmücke Aedes nigripes. Sie kommt in den Tundrengebieten Grönlands, aber auch Skandinaviens, Nordamerikas und Sibiriens vor. Wenn im späten Frühjahr dort das Eis schmilzt, werden Schmelzwassertümpel zu Brutstätten für diese Mücken. Drei bis vier Wochen lang leben ihre Larven im Wasser, dann verpuppen sie sich und schlüpfen zwischen Ende Mai und Mitte Juni als ausgewachsene Stechmücke. Wie viele dabei ihre Larvenzeit überleben, hängt unter anderem von ihrem wichtigsten Fressfeind ab, dem Wasserkäfer Colymbetes dolabratus. Einmal geschlüpft, machen sich die Mückenweibchen nun auf die Suche nach einer Blutmahlzeit, um dann ihrerseits wieder Eier ablegen zu können.

Zu schnell für ihre Feinde

Um herauszufinden, wie der Klimawandel diese Entwicklung beeinflusst, beprobten die Forscher im Frühsommer 2011 und 2012 in der Nähe des grönländischen Ortes Kangerlussuaq vier Schmelzwassertümpel und deren Umgebung. Sie sammelten und zählten dafür alle zwei bis vier Tage Mückenlarven, Puppen und Adulte, sowie Wasserkäfer. Dabei zeigte sich: Die wärmeren Frühjahrstemperaturen im Jahr 2012 wirkten sich direkt auf die Mückenpopulation aus: Die adulten Stechmücken schlüpften zwei Wochen früher als im kälteren Frühjahr 2011. Weil ein Teil der Larven bereits aus dem Wasser verschwunden war, bis die ersten Wasserkäfer aktiv wurden, erhöhte sich auch die Zahl der Mücken, die ihre Larvenzeit überlebten. „Etwa 20 Prozent der Mücken hatte ihre Entwicklung bereits abgeschlossen, bis die Käfer schlüpften“, berichten die Forscher. Das glich die höhere Aktivität der Käfer in den folgen Wochen mehr als aus.

In zusätzlichen Laborversuchen und einem daraus entwickelten Populationsmodell konnten die Forscher den Effekt des Klimas auf die Mücken genauer eingrenzen. Wie sich zeigte, gibt es einen fast linearen Zusammenhang zwischen der Entwicklungszeit der Larven und der Wassertemperatur: „Für jeden Anstieg um ein Grad Celsius beschleunigte sich die Entwicklung um zehn Prozent“, berichten Culler und ihre Kollegen. „Das verkürzt die Zeit, die die Mücken in ihrem durch die Wasserkäfer gefährdeten Larvenstadium verbringen.“ Wie stark sich dies auswirkt, ergab das Populationsmodell: Demnach könnte eine Erwärmung um nur zwei Grad 53 Prozent mehr Stechmücken überleben lassen als bisher. Steigen die Temperaturen in den arktischen Tümpeln sogar um fünf Grad, dann schlüpfen sogar 160 Prozent mehr Stechmücken. Das bedeutet für alle warmblütigen Bewohner der Tundren: Die Mückensaison beginnt nicht nur immer früher, sie fällt auch immer heftiger aus.

Das aber hat Folgen vor allem für größere Tiere wie Karibus und Rentiere, die der arktischen Tundra leben. Denn sie sind in der eher kargen Landschaft einer der wichtigsten Blutlieferanten für die hungrigen Mückenweibchen. „Die erhöhte Stechmücken-Häufigkeit, kombiniert mit einer Nordwärts-Wanderung zusätzlicher Blutsauger, wird für die Gesundheit und Fortpflanzung der Karibus negative Konsequenzen haben“, prognostiziert Culler. Denn wenn die Mücken künftig früher schlüpfen, dann gehen sie gerade dann auf die Jagd nach einer Blutmahlzeit, wenn die Karibukälber geboren werden. „Zu diesen Zeiten sind die Karibus besonders anfällig“, erklärt Culler. „Denn es gibt dann besonders viele schwache Jungtiere und die Herden sind weniger mobil.“ Statt in mückenärmere Gebiete zu ziehen, bleiben sie vor Ort und werden entsprechend häufiger gestochen. Ähnliches gilt auch für die Rentierherden im Norden Skandinaviens und Russlands, die für die menschlichen Bewohner der Tundren eine wichtige Einkommensquelle sind.

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Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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