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Dem Klingeln in den Ohren auf der Spur

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Credit: Thinkstock
Es klingelt, pfeift, summt, rauscht oder pocht im Ohr – und das ohne erkennbaren Grund. Jeder zweite Mensch hat irgendwann in seinem Leben solche Ohrengeräusche. Eine längere Tinnitus-Episode erlebt eine von fünf Personen. Das Geräuschempfinden in den Ohren ist dabei zumeist subjektiv, die Therapie deshalb schwierig. Forscher haben sich nun auf die Fährte des Phantoms gesetzt und untersucht, welche Bereiche des Gehirns bei seiner Entstehung mitwirken – mit überraschenden Erkenntnissen.

Der subjektive Tinnitus entsteht durch eine Fehlverarbeitung von Signalen im Gehirn. Dabei werden bestimmte Gehirnaktivitäten als Ton interpretiert, obwohl es gar keinen Reiz in Form einer Schallwelle gibt. Solche Fehler im auditiven System können physische Ursachen wie Durchblutungsstörungen haben, oder auf eine Schädigung des Innenohrs infolge eines Lärm- oder Knalltraumas zurückzuführen sein. Ebenso oft bringen Mediziner einen Tinnitus jedoch auch mit starken psychischen Belastungen in Verbindung. Häufig bleibt die Ursache des Phantomgeräusches gar völlig unklar. Wie das Geräusch im Detail entsteht und welche abnormalen Aktivitäten des Gehirns konkret dafür verantwortlich sind, weiß die Fachwelt bis heute nicht.

Um das herauszufinden, bräuchte es nämlich die Möglichkeit, die neuronale Aktivität im Gehirn eines Tinnituspatienten ganz genau aufzuzeichnen und gleichzeitig seine persönliche Wahrnehmung des Geräusches abzufragen. Für eine so detaillierte Messung müsste man dem Betroffenen Elektroden ins Gehirn pflanzen. Kein Wunder also, dass eine solche Untersuchung bisher nicht an Menschen durchgeführt wurde – bis jetzt. Wissenschaftler um William Sedley von der Universität Newcastle hatten nun das Glück, einen ganz besonderen Patienten zu finden: Der 50 Jahre alte Mann leidet an Epilepsie und bekam zur Untersuchung seiner Hirnströme operativ Elektroden in die Gehirnoberfläche implantiert. Das ist bei Epilepsiepatienten nötig, um die epilepsieauslösende Hirnregion exakt zu identifizieren – zum Beispiel wenn diese Region anschließend im Rahmen eines chirurgischen Eingriffs entfernt  werden soll.

Tinnitus infiltriert weite Teile des Gehirns

Zusätzlich zu seiner Epilepsie hat der Patient einen Tinnitus – mit Klingeln in beiden Ohren sowie Hörverlust. Diesen äußerst seltenen Fall hat das Forscherteam für eine außergewöhnliche Studie genutzt: Sie analysierten die Hirnströme des Mannes zu Zeiten, in denen er den Tinnitus als eher stark empfand, und zu Zeiten, in denen er das Ohrenklingeln kaum wahrnahm.

Ihre Beobachtungen, die nun im Fachblatt Current Biology erschienen sind, zeigen: Die Art und Weise wie ein Tinnitus im Gehirn abgebildet wird, unterscheidet sich deutlich von der eines wirklichen Tons. „Am bemerkenswertesten war, dass die direkt mit dem Tinnitus im Zusammenhang stehenden Gehirnaktivitäten sehr umfangreich waren. Sie umfassten weite Teile der Gehirnbereiche, die wir in die Messung einbezogen hatten“, sagt Sedley. „Spielten wir jedoch einen Ton, der den Tinnitus des Patienten nachahmte, reagierte nur eine kleine lokale Region.“

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Wie erwartet spielte zwar auch beim Tinnitus das Hörzentrum im Gehirn eine Rolle. Überraschenderweise waren jedoch auch viele andere Bereiche des Gehirns aktiv, wenn der Patient den Tinnitus wahrnahm. So stellten die Wissenschaftler Aktivitäten im Temporal- und Partiallappen sowie im sensomotorischen Cortex und dem limbischen System fest – jener Region, die unter anderem bei der Verarbeitung von Emotionen eine bedeutende Rolle spielt.

Töne als schlechter Vergleich

Diese Erkenntnis verbessert den Forschern zufolge das Verständnis des Phänomens Tinnitus und erklärt vor allem, warum die Behandlung immer wieder eine enorme Herausforderung darstellt. „Wir wissen jetzt, dass ein Tinnitus ganz anders im Gehirn abgebildet wird, als ein normaler Ton – selbst wenn dieser Ton genauso klingt wie der Tinnitus“, so Sedley. Es sei also vergebens, mithilfe von nachgeahmten Tönen, einen subjektiven Tinnitus nachvollziehen zu wollen. Außerdem sei nun klar: Leide ein Patient an Hörverlust, dann sei der Tinnitus nicht einfach dafür da, die entstandene Lücke zu füllen. „Der Tinnitus dringt darüber hinaus in weitere Bereiche vor und setzt sich in vielen Teilen des Gehirns fest.“

In Zukunft, so die Hoffnung, könnten auf Basis der neu gewonnenen Einblicke in die mit den lästigen Phantomgeräuschen assoziierten Gehirnmuster bessere Behandlungsmethoden entwickelt werden. Dazu braucht es jedoch mehr Probanden wie den 50-jährigen Epilepsiepatienten mit Tinnitus, der invasive Elektroden eingesetzt bekam. Solche Fälle sind laut den Wissenschaftlern aber rar. „Wir würden gerne jeden untersuchen, auf den eine ähnliche Beschreibung zutrifft. Damit wir unsere Ergebnisse reproduzieren und auf diese Weise bestätigen können.“

Originalarbeit der Forscher:

© wissenschaft.de – Daniela Albat
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