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Den Ursprüngen des Hausrinds auf der Spur

Hausrind
Das Hausrind ist eines unserer wichtigsten Nutztiere. (Bild: lightstock/ istock)

Ob als Lieferanten von Milch und Fleisch, als Zugtiere für Karren oder zum Pflügen von Feldern: Hausrinder werden seit Jahrtausenden für die unterschiedlichsten Zwecke vom Menschen genutzt. Doch wie fing die gemeinsame Geschichte von Mensch und Rind eigentlich an? Genomanalysen liefern nun neue Erkenntnisse über die Ursprünge der frühen Hausrinder – und zeigen, dass auch das Klima einen Einfluss auf die Zuchtpraktiken hatte.

Als unsere Vorfahren sesshaft wurden, begannen sie nicht nur Ackerbau zu betreiben. Sie hielten sich von nun an auch Tiere und formten sie nach und nach für ihre Zwecke. So entstand in der Region des Fruchtbaren Halbmonds vor rund 10.500 Jahren beispielsweise das Hausrind. Heute gibt es zahlreiche unterschiedliche Rassen von Bos taurus, die dem Menschen als Lieferant von Fleisch und Milch, aber auch als Arbeitstiere ihre Dienste erweisen. All diese Rinder gehen auf einen wilden Vorfahren zurück: den eurasischen Auerochsen, auch Ur genannt. Doch wie lief die Domestikation dieser inzwischen ausgestorbenen Spezies genau ab – und spielten womöglich noch weitere Rinderarten für die Entwicklung der heutigen Hausrinder eine Rolle?

Um mehr über die Ursprünge der Nutztiere zu erfahren, haben Marta Verdugo vom Trinity College Dublin und ihre Kollegen sich nun auf genetische Spurensuche begeben. Für ihre Studie analysierten sie DNA-Material von 61 frühen Hausrindern und sechs wilden Auerochsen. Die Proben stammten hauptsächlich von archäologischen Funden aus dem Bereich des Nahen Ostens und deckten eine Zeitspanne von achttausend Jahren ab. Die Genomanalysen bestätigten, dass die ersten Hausrinder im Norden des Fruchtbaren Halbmonds aus dort heimischen Auerochsen-Populationen entstanden. Später mischte sich unter diesen ursprünglichen Genpool jedoch auch Erbmaterial anderer Auerochsen-Linien, wie die Forscher berichten.

Auerochse trifft Hausrind

Demnach unterscheidet sich das Erbgut früher Hausrinder aus Anatolien unter anderem deutlich von dem ihrer Artgenossen aus der südlichen Levante. Dort und in anderen Regionen müssen lokale Auerochsen-Populationen schon bald zusätzliche genetische Einflüsse auf die Herden gehabt haben. Womöglich paarten sich wilde Bullen mit domestizierten Weibchen: „Geschlechtsreife Bullen zu halten, stellte aufgrund der Größe und Aggressivität der Tiere wahrscheinlich ein großes Risiko für die Menschen der Jungsteinzeit dar. Die Befruchtung durch wilde Auerochsen könnte daher eine gute Alternative gewesen sein und ein Teil des frühen Herdenmanagements“, erklärt das Team. Der diverse Einfluss dieser wilden Stiere zeigt sich den Analysen nach bis heute in Rinderpopulationen in Europa und Afrika.

Vor 4000 Jahren kam dann ein weiterer Akteur ins Spiel, wie die Auswertungen enthüllten. Ab diesem Zeitpunkt findet sich vermehrt DNA männlicher Zebus (Bos indicus) im Erbgut von Bos taurus. Das Zebu ist eine domestizierte Rinderform, die vom indischen Auerochsen abstammt. Zebu-Rinder gibt es seit mindestens 8000 Jahren. „Doch obwohl es archäologische Belege für einen Kontakt zwischen den Zivilisationen der Indus-Kultur und denen aus dem Fruchtbaren Halbmond gibt, zeigt sich ein Einfluss des Zebu-Genoms erst 4000 Jahre später“, berichten die Wissenschaftler. Von da an jedoch sind Hausrinder mit Zebu-DNA allgegenwärtig: Sie tauchen von Zentralasien über den Iran und Kaukasus bis hin zur südlichen Levante auf. Doch warum vermischten sich die beiden Rinderformen nach jahrtausendelanger Koexistenz auf einmal?

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Dürre provozierte Kreuzung

Verdugo und ihr Team haben einen Verdacht: Interessanterweise fällt die plötzliche Häufung von Zebu-Gensignaturen mit einem einschneidenden Klimaphänomen zusammen. So begann vor 4200 Jahren eine lange Dürreperiode, die unter anderem zum Zusammenbruch des Altägyptischen Reichs und des Akkadischen Reichs in Mesopotamien führte. Dieses sogenannte 4,2-Kilojahr-Ereignis muss auch die Viehzüchter von damals in Bedrängnis gebracht haben. Die Verpaarung von Hauskühen mit Bullen des deutlich besser an Trockenheit angepassten Zebus könnte für sie die rettende Lösung gewesen sein, um ihre Herden überlebensfähig zu halten. Dieser Erfolg markierte wahrscheinlich den Beginn der weltweiten Ausbreitung des Zebus, wie das Team spekuliert. „Das war der Start der großen Zebu-Diaspora: Nachfahren von Rindern aus dem Industal werden inzwischen in allen trockenen Tropenregionen der Welt gehalten“, konstatiert Verdugos Kollege Dan Bradley.

Quelle: Marta Verdugo (Trinity College, Dublin) et al., Science, doi: 10.1126/science.aav1002

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