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Der Klimawandel zehrt buchstäblich am Eisbär

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Mit einem GPS-Sender ausgerüstet - eines der Eisbärweibchen der Studie. (Foto: Anthony Pagano, USGS)
Ihre Bestände sind in den letzten zehn Jahren drastisch eingebrochen – warum geht es ausgerechnet den Eisbären so schlecht? Wie Forscher nun zeigen konnten, macht eine überraschend hohe Stoffwechselrate diese Raubtiere besonders empfindlich gegenüber den Folgen des Klimawandels: Durch das schwindende Meereis fangen sie weniger Robben, wodurch sie schnell in ein Energie-Defizit geraten.

Sie sind die mächtigen Herrscher einer Region, die ihnen der Mensch kaum streitig macht. Doch das hat die Eisbären nicht vor Problemen bewahrt: Jüngsten Schätzungen zufolge sind die Bestände der weißen Riesen in den letzten zehn Jahren mancherorts um etwa 40 Prozent zurückgegangen. Forscher führen dies auf den Effekt des Klimawandels zurück, der sich in der Arktis besonders stark bemerkbar macht: Das Meereis erreicht immer geringere Ausdehnungen und beginnt früher zu tauen. Für die Eisbären sind diese Flächen allerdings das ideale Jagdgebiet: An Löchern im Eis können sie sich Robben schnappen. Doch auch vor dem Hintergrund der schwindenden Meereisflächen erschien das besonders starke Ausmaß des Rückgangs der Eisbär-Bestände mysteriös.

Kritische Energiebilanz

Bisher ging man davon aus, dass die Tiere eher Energiesparer sind. Da sie bei der Jagd auf Robben in erster Linie an einem Eisloch sitzen und warten, nahm man beispielsweise an, dass dies ihren Energieverbrauch klein hält. Anhand ihres Verhaltens sowie der Physiologie dieser Tiere hatten frühere Studien den Eisbären eine vergleichsweise geringe Stoffwechselrate und damit einen niedrigen Energieverbrauch unterstellt. Die aktuelle Studie präsentiert nun erstmals verlässliche Daten, die das Gegenteil zeigen.

Im Rahmen ihrer Untersuchungen erfassten die Forscher um Anthony Pagano von der University of California in Santa Cruz das Verhalten, den Jagderfolg und die Stoffwechselraten von neun erwachsenen Eisbärweibchen ohne Jungtiere, die im Frühjahr auf dem Meereis der Beaufortsee im Norden Nordamerikas unterwegs waren. Sie erfassten die Stoffwechselrate jedes Tieres, indem sie Blut- und Urinproben nach dem Einfangen und dann wieder nach acht bis elf Tagen auswerteten. Außerdem wurden die Bären mit GPS-Halsbändern ausgestattet, die Videos ihrer Aktivitäten aufzeichneten.

Gewichtsverluste – sogar in der „fetten Zeit“

Die Auswertungen ergaben: Die Stoffwechselrate der Eisbären liegt 1,6 mal höher als bisher angenommen. „Wir haben herausgefunden, dass Eisbären einen überraschend hohen Energiebedarf haben. Sie müssen deshalb sehr viele Robben fangen“, resümiert Pagano. Zudem dokumentierten die Ergebnisse die Probleme der Tiere, einen Energieüberschuss zu erwirtschaften: Fünf der Bären verloren bis zu zehn Prozent ihrer Körpermasse in einem Zeitraum von nur acht bis elf Tagen, denn sie konnten nicht genügend Beute machen, um ihren Energiebedarf zu decken. Ein Tier büßte nachweislich nicht nur Fettreserven ein, sondern sogar auch Muskelmasse, berichten die Forscher.

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Besonders bedenklich ist dabei, dass der Untersuchungszeitraum eigentlich in die Mastzeit der Eisbären fiel: „Zu Beginn der Zeit von April bis Juli fangen Eisbären normalerweise den Großteil ihrer Beute und legen Körperfett an“, sagt Pagano. Diese Reserven brauchen sie dann im Rest des Jahres – fehlen sie, kann das für die Tiere schnell das Aus bedeuten.

Der überraschend hohe Energiebedarf der Tiere erklärt nun, warum die Effekte des Klimawandels die Eisbären so stark treffen. Schätzungen zufolge schwinden die arktischen Meereisflächen mit einer Rate von 14 Prozent pro Jahrzehnt. Letztlich zwingt das die Eisbären, größere Entfernungen zurückzulegen und verkürzt die optimale Jagd-Saison.

Durch den hohen Energieverbrauch der Tiere fallen diese Zusatzbelastungen schnell buchstäblich ins Gewicht und schmälern die Überlebenschancen der Tiere, erklären die Wissenschaftler. „Wir haben in den letzten zehn Jahren einen Rückgang der Überlebensraten von Eisbären, ihrer körperlichen Verfassung und der Bestände dokumentiert“, sagt Pagano. „Die Studie hat nun die Mechanismen aufgezeigt, die hinter diesem erstaunlich drastischen Effekt stecken“, resümiert der Forscher.

Originalarbeit der Forscher:

© wissenschaft.de – Martin Vieweg
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