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Aufruf zum Schutz

Der Lebensraum Boden im Rampenlicht

Springschwänze (Collembolen) sind wichtige Bodenbewohner und können nützliche Informationen über die Bodenqualität und den Schutzbedarf liefern. (Bild: Foto: Andy Murray)

Wurm, Springschwanz und Co: Forscher heben die enorme Bedeutung der Lebewesen im Boden hervor und rufen dazu auf, die unterirdischen Ökosysteme bei internationalen Schutzstrategien in Zukunft besser zu berücksichtigen. Um den Zustand, die Leistungen und Bedrohungen dieser Lebensräume und ihrer Bewohner besser zu erfassen, macht sich das internationale Team für eine systematische Erforschung auf der Basis weltweit einheitlicher Standards stark.

Unscheinbar und doch so wichtig: Die Tätigkeit der Organismen des Bodens ermöglicht letztlich auch das Leben auf der Erdoberfläche. Beim Untergrund handelt sich zudem um einen der artenreichsten Lebensräume der Erde: Unter einem Quadratmeter der Erdoberfläche wuseln in einem gesunden Boden bis zu 1,5 Kilogramm Lebewesen, die vielen unterschiedlichen Spezies aus verschiedenen Gruppen angehören: Fadenwürmer, Regenwürmer, Springschwänze, Milben, Insektenlarven und viele weitere Organismen sind dort zu Hause. Hinzu kommen Myriaden von Mikroorganismen.

Kaum beachtet leisten diese Bodenbewohner der Welt über ihnen enorm wichtige Dienste: Sie fressen und verwandeln lebendes und totes Tier- und Pflanzenmaterial in Nährstoffe für neues Leben und bilden damit ein Schlüsselelement im Rahmen der irdischen Stoffkreisläufe. Ohne die Bodenlebewesen können die meisten Pflanzen nicht wachsen und damit auch keine Nahrung für Tier und Mensch bilden. Außerdem sind Böden der wichtigste Kohlenstoffspeicher der Erde und damit ein wichtiger Faktor beim Klimawandel, betonen Experten.

Eine Grundlage ist bedroht

Trotz dieser enormen Bedeutung spielen die Böden in den internationalen Strategien zum Schutz der Biodiversität bislang kaum eine Rolle, schreiben die Wissenschaftler um Carlos Guerra vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig in der Fachzeitschrift Science. Mehr Aufmerksamkeit für diesen Lebensraum ist ihnen zufolge nötig, denn die unterirdischen Ökosysteme sind in vielen Bereichen der Erde nicht gesund. „Wenn wir die Böden nicht für die nächsten Generationen schützen, können auch die oberirdische Artenvielfalt und die Nahrungsmittelproduktion nicht gewährleistet werden“, schreiben sie in ihrem Appell, der sich an die 196 Staaten richtet, die im Rahmen der UN-Konvention zur biologischen Vielfalt derzeit eine neue Strategie zum Schutz der Biodiversität verhandeln.

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Wie die Wissenschaftler verdeutlichen, leiden Böden häufig unter Düngemitteln, Pestiziden und der intensiven Bewirtschaftung mit schweren Maschinen. Auch der Klimawandel setzt ihnen vielerorts zu. So werden sie zunehmend verdichtet, überbaut oder schwinden durch Wind- und Wassererosion. Dadurch werden auch die Lebewesen im Boden häufig beeinträchtigt und somit leiden die vielfältigen Leistungen der Böden, wie etwa die Reinigung von Wasser oder der Schutz vor Pflanzenkrankheiten, betonen die Wissenschaftler.

Monitoring-Konzept präsentiert

„Bisher wurde der Bodenschutz zu sehr auf die Vermeidung von Erosion und des Verlusts der Produktivität in der Landwirtschaft reduziert“, sagt Guerra. Seine Kollegin Autorin Diana Wall von der Colorado State University ergänzt dazu: „Außerdem haben Maßnahmen bisher vor allem das Leben über der Erde im Blick gehabt, etwa bei der Ausweisung von Schutzgebieten. Da diese aber nicht notwendigerweise auch der unterirdischen Biodiversität nützen, sollten die spezifischen Bedürfnisse der Lebensgemeinschaften im Boden mitberücksichtigt werden“.

Als Grundlage dazu sind aber bessere Informationen nötig, betonen die Forscher. Sie haben deshalb das Monitoring-Netzwerk „Soil BON“ ins Leben gerufen. „Wir wollen damit der Politik die notwendigen Entscheidungshilfen liefern“, sagt Co-Autor Nico Eisenhauer von der Universität Leipzig. „Soil BON soll nun die relevanten Daten erzeugen und Unterstützung leisten, um dieses Ziel zu erreichen.“ Im Rahmen des Projekts erfassen Wissenschaftler nun vergleichbare Boden-Daten flächendeckend und über lange Zeiträume.

Dazu sind weltweit einheitliche Regeln nötig, betonen die Forscher. Sie präsentieren dazu ein Konzept, das die Schlüsselgrößen für die Messung von Biodiversität und ihrem Wandel umfasst – wie Bodenatmung, Nährstoffumsatz oder genetische Vielfalt. Durch das Monitoring- und Indikator-System können Wissenschaftler weltweit vergleichbare Indikatoren ableiten, die als Entscheidungsgrundlagen für die Bewertung und die Schutzwürdigkeit von Böden dienen können. „Indem wir die biologische Vielfalt im Boden erfassen und schützen, unterstützen wir die Erfüllung vieler Nachhaltigkeitsziele, sei es den Klimaschutz, die Nahrungsmittelversorgung oder den Schutz der biologischen Vielfalt“, sagt Guerra abschließend.

Quelle: Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig, Fachartikel: Science, doi: 10.1126/science.abd7926

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