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Umwelt+Natur

Der neue Deutsche Wald

Renaissance der Laubbäume. Draußen sind die Blätter gefallen, an den Schreibtischen keimt Hoffnung: Forstwissenschaftler und Ökologen haben Konzepte entworfen, wie die Folgen von Luftverschmutzung und Treibhauseffekt aufgefangen werden könnten – mit der Natur, nicht gegen sie. Eichen und Buchen kehren zurück.

20 Jahre hat die deutsche Forstwirtschaft gebraucht, um auf die Meldungen vom sterbenden Wald zu reagieren: Je nach Region sind in Deutschland zwischen 20 und 35 Prozent der Bäume ernsthaft krank. Jetzt kommen die Konzepte auf den Tisch, um die Auswirkungen von Luftverschmutzung und Treibhauseffekt aufzufangen.

Forstwirte müssen langfristig planen, in Zyklen von 50 bis 100 Jahren. „Der Wald von morgen kann nicht der Wald von heute sein, weil sich die Standortbedingungen ändern. Dabei ist die Hälfte der Waldstruktur bis zum Jahr 2050 durch die lange Lebenszeit der Bäume schon heute festgelegt. Um so wichtiger ist es, jetzt anzufangen, die andere Hälfte so umzubauen, daß sie der künftigen Umwelt gerecht wird“, sagt Prof. Siegfried Anders, Direktor des Instituts für Forstökologie im mecklenburgischen Eberswalde. Drei Faktoren sind besonders wichtig:
– die Überdüngung mit Stickstoff
– die globale Erwärmung, die in Deutschland nach den derzeit wahrscheinlichsten Klimamodellen auch zu trockeneren Sommern führen wird
– die anhaltende Luftverschmutzung (und die daraus resultierende Bodenverschmutzung, zum Beispiel mit Schwefelverbindungen).

Deshalb fordert der Direktor des Dresdner Institutes für Bodenkunde und Standortslehre, Prof. Wolfgang Nebe: „Wir müssen zurück zu den Laubbäumen, die kommen mit Schwefelgehalten von 0,2 Prozent in den Blättern klar. Ebereschen können die Schwefelaufnahme sogar aktiv abblocken, da messen wir kaum über 0,1 Prozent.“
Erste Voraussetzung dafür ist das Kalken des sauren Bodens. Kalk, der mit Magnesium, Kalium und Spuren von Phosphor angereichert ist, hat die fehlenden Nährstoffe. Er neutralisiert zudem die Säure und verhindert die Freisetzung von Schwermetallen.

Die bisherigen Versuche haben gezeigt, daß es nicht nötig ist, die ganze Waldfläche zu kalken. Eine Abdeckung von 60 Prozent reicht, wenn man den Kalk – etwa 10 Tonnen pro Hektar – streifenweise ausbringt, was viel Zeit und Geld spart. Auf gekalkten Flächen kann man sich auch die aufwendige Anpflanzung des sogenannten Vorwaldes mit Weichlaubhölzern wie Pappel, Salweide und Birke sparen.

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Nebe sieht die Natur auf seiner Seite: „Sollte es in den nächsten Jahrzehnten wirklich zwei, drei Grad wärmer werden, dann würde gerade in den Mittelgebirgslagen die Buche davon profitieren. Ihr käme das Klima entgegen, während die Fichte den Temperaturanstieg nicht tolerieren könnte.“ Sorgen machen dem Forstmann noch die Stickoxide und Photooxidantien, Schadgase aus dem Autoverkehr. „Diese Schadstoffe spielen im Erzgebirge bislang keine große Rolle. Das könnte sich ändern, wenn hier der Verkehr zunimmt. Auf solche Abgase reagiert die Buche sehr empfindlich.“ Im Westen Deutschlands stieg der Anteil der deutlich erkrankten Buchen deshalb von fünf Prozent Anfang der achtziger Jahre auf zuletzt 38 Prozent.

Bei dem Eberswalder Forstökologen Prof. Siegfried Anders steht die Buche als Baum der Zukunft hinter der Eiche nur an zweiter Stelle. Anders macht sich Gedanken darüber, wie die Wälder des norddeutschen Flachlandes an die künftigen Umweltbedingungen angepaßt werden können. Dort ist nicht die Luftverschmutzung das größte Problem, sondern die Überdüngung mit Stickstoff und die erwartete Klimaerwärmung. Mit Sorge kommentiert er die Meldungen von einem forstwissenschaftlichen Kongreß, der im September in Freiburg tagte. Dort hatte das Europäische Forstinstitut verbreitet, noch nie in den letzten Jahrzehnten habe die Holzmenge im Wald so schnell zugenommen wie heute. „Richtig“, sagt Anders, „aber daraus zu schließen, der Wald wäre gesund, ist völlig verfehlt.“

Am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung haben Ökologen erstmals versucht, die Wirkung der Klimaänderung auf den Wald in Brandenburg abzuschätzen. In ihren beiden Hauptvarianten gehen sie jeweils von einem Anstieg der Temperatur um maximal drei Grad in den nächsten hundert Jahren aus. Für das Pflanzenwachstum entscheidend ist dann die Menge des Niederschlags. Regnet es zehn Prozent mehr als heute, so ein Szenario, wachsen die Buchen besser.

Siegfried Anders hält die zweite Variante für wahrscheinlicher: In ihr bleibt die Niederschlagsmenge bei gleichem Temperaturanstieg konstant. Weil die Bäume in einer wärmeren Umwelt aber mehr Feuchtigkeit verdunsten, würden sich langfristig nur solche Arten halten, die mit weniger Wasser auskommen.

Der Wald von heute ist ein Kunstprodukt der Forstwirtschaft. „Ein künstlicher Wald ist immer labil. Er muß ständig gegen die Bestrebungen der Natur verteidigt werden, den standorttypischen Zustand wieder herzustellen“, sagt Anders. Die Forstwirtschaft strebt deshalb einen neuen Kompromiß an zwischen der künftigen Umwelt und den Bedürfnissen des Menschen.

Eines wissen natürlich auch die Forstplaner: Prognosen und Konzepte allein machen keinen neuen Wald. Wichtigste Voraussetzung bleibt es, die Luftverschmutzung einzudämmen. Das gestand bei der Jahrestagung des Deutschen Forstvereins im September auch Wolfgang Gröbl zu, Staatssekretär im Bonner Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Und wo künftig Buchen und Eichen wachsen sollen, müssen zunächst die Fichten fallen. Das nächste Wort haben deshalb die Kettensägen.

Jürgen Nakott
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