Der Schimmel geht um: Überdüngte Gewässer und Feuchtigkeit lässt norddeutsche Reetdächer schneller verfallen - wissenschaft.de
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Der Schimmel geht um: Überdüngte Gewässer und Feuchtigkeit lässt norddeutsche Reetdächer schneller verfallen

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Besonders in Norddeutschland sind Reetdachhäuser beliebt. Foto: Holger Magnussen, cc-by-Lizenz
Die meisten Bewohner schmucker norddeutscher Traditionsbauten wurden vom „Reetdachsterben“ im Schlaf überrascht. Das Schilf auf ihren vier Wänden hält nicht mehr so lange wie einst, erfuhren sie von Forschern. Statt 30 bis 50 Jahre zu überdauern, verrotten jüngere Dächer teils schon in wenigen Jahren. Seither bangt mancher Besitzer, ob auch sein Dach ihm über dem Kopf wegfault. Bemerken kann der Laie den schleichenden Verfall meist erst dann, wenn es schon zu spät ist, wenn ein modrig schimmliger Geruch durch die Wohnung schleicht.

Das Reetsterben, so mysteriös es klingen mag, ist keineswegs ein Hirngespinst. In Dänemark, England und den Niederlanden wird der raschere Verfall der Dächer schon länger beklagt. Seit einigen Jahren registrieren Dachdecker auch hierzulande mehr Beschwerden. Jan Juraschek, Dachdeckermeister von der Gesellschaft für Qualitätssicherung Reet mbH, weiß von rund 200 schwer geschädigten Dächern in Norddeutschland. Die Zeitschrift „Holznagel“ hält es unter Verweis auf bisher unveröffentlichte Ergebnisse für möglich, dass mehr als jedes fünfte Dach bedroht ist. Weniger dramatisch fällt dagegen die Bilanz eines Forschungsprojektes der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) aus. Allenfalls jedes hundertste Exemplar sei marode. Insgesamt ist folglich weiterhin unklar, auf wie viele gesunde Behausungen ein kränkelndes Dach kommt.

Dagegen sind Forscher in der Ursachenforschung ein gutes Stück vorangeschritten. So wissen die Forscher, dass faulende Dachpartien durchweg zu nass sind und nicht mehr ausreichend abtrocknen. „Auf einem dauerfeuchten Untergrund können sich Weiß- und Braunfäulepilze vermehren und das Reet zersetzen. Der Abbau geht besonders schnell, wenn das Material beschädigt ist“, erläutert Ina Stephan, Holzwirtin an der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) in Berlin. Bei den Pilzen handelt es sich um gewöhnliche Mikroorganismen, die überall in der Natur vorkommen. Sie fristen als Sporen unbemerkt ihr Dasein, bis genügend Feuchtigkeit sie auskeimen lässt. Keineswegs nagen eingewanderte Killerpilze am Schilf, wie ursprünglich spekuliert wurde.

„Der Pilzbefall ist nicht die Ursache des Problems, sondern die Folge der Feuchtigkeit“, argumentiert Stephan. Bleibt die Frage, wie das schädliche Nass ins Schilf gelangt. Zwar können handwerkliche Fehler der Dachdecker dazu führen, dass sich Regenwasser staut, jedoch sind solche Fauxpas schon früher unterlaufen und erklären somit nicht das Reetdachsterben als Phänomen der Neuzeit. Vielmehr mehren sich die Indizien, dass sich die Qualität des Reets teils verschlechtert hat. Und minderwertiges, weil zu feuchtes und beschädigtes Reet verrottet rascher.

Unter anderem wird das Schilf heute in der Regel nicht mehr von Hand geschnitten und in Bündeln locker zum Trocknen aufgestellt, sondern mit Maschinen geerntet und sofort, sehr fest zu Bündeln geschnürt. „Dabei kann die Feuchtigkeit nicht so gut entweichen“, erklärt Stephan. Ein Teil der Halme wird bei zu starker Schnürung mechanisch beschädigt. Einst wurde Reet auch nur im Winter eingefahren. Heute ist der Rohstoff jedoch so gefragt, dass manchmal auch über die eigentliche Erntesaison hinaus Schilf gesammelt wird. Die im Frühjahr treibenden, grünen Sprosse sind jedoch besonders feucht und mindern die Qualität des gesamten Materials. Dies wird durch die Klimaerwärmung noch verschärft, weil das Schilf immer früher im Jahr austreibt.

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Hinzu kommt, dass bei einigen befallenen Reetdächern ein höherer Stickstoffgehalt festgestellt wurde, berichtet Jörg Michael Greef, Agrarforscher vom Julius Kühn-Institut (JKI) in Braunschweig. Derart belastetes Schilf ist am Ufer eines überdüngten Gewässers gewachsen; nur so lässt sich die abnorme Belastung erklären. Von anderen Kulturpflanzen ist wiederum bekannt, dass Halme mit mehr Stickstoff leichter brechen und beschädigt werden. Stickstoff ist überdies der Nährstoff, auf den es die verrottenden Pilze abgesehen haben. Werden mit dem Regen zusätzlich noch Stickoxide aus der Luft aufs Dach geschwemmt, finden sie auf dem minderwertigen Reet einen idealen Nährboden vor. In drei bis fünf Jahren können sie unter solchen Bedingungen einen Rohstoff zerstören, der sonst durchaus zehnmal so lange hält.

In einer Stichprobenuntersuchung beanstandete das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege etwa vier bis fünf Prozent des Reets. Die Halme waren zu feucht und teils sogar schon durch Pilze angegriffen. Derart schlechte Ware kann die ersten Schadensnester auf einem Dach bilden.

Obwohl die Forscher angesichts solcher Qualitätseinbußen Ideen für ein Gütesiegel entwickelten, wurde das bislang noch nicht umgesetzt. Einen möglichen Grund sieht Greef in den unterschiedlichen Interessen der Dachdecker und Reethändler: „Die Dachdecker sind gegenwärtig regresspflichtig, wenn ein Dach innerhalb der Gewährleistungspflicht verrottet. Sie wollen das Problem lösen. Der Handel ist nicht regresspflichtig und hat nach dem Abverkauf der Ware damit keine Berührung mehr.“

In der Tat entsteht der Eindruck, dass die Dachdecker, um ihre Existenz fürchtend, sich des Problems angenommen haben. Der Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks hat das DBU-Projekt mitfinanziert, Workshops zur Schulung der Mitglieder ausgerichtet und einen Flyer herausgegeben. Solch gemeinsame Anstrengungen sucht man bei den Reethändlern bislang vergebens. Einige Firmen reagierten offenbar sogar irritiert auf die Ankündigung von Greifswalder Forschern, einen Qualitätstest für Reet zu entwickeln, wie die Pressestelle mitteilt. „Auch den Händlern sollte natürlich prinzipiell an einer guten Reet-Qualität gelegen sein“, kontert sie.

Greef plädiert für eine konzertierte Aktion der Dachdecker und Reethändler: „Gemeinsam könnten sie das Problem am besten lösen.“ Falls das Reetdachsterben allerdings künftig weitergehen oder sich gar ausweiten sollte, hält er schon eine Alternative in den Händen. Auf den Feldern vor dem Braunschweiger Institutsgebäude wächst Chinaschilf, das genauso beständig ist wie übliches Landschilf, so Greef. In Dänemark sind schon einzelne Häuser mit dem neuen Material gedeckt worden.

ddp/wissenschaft.de – Susanne Donner
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