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Der Widerstand wächst

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Das Bakterium Mycobacterium tuberculosis löst beim Menschen die Tuberkulose (Tbc) aus. Bild: Wikipedia
Tuberkulose breitet sich weltweit aus. Vor allem resistente Erreger bedrohen immer häufiger das Leben der Patienten. Nur mit einer Impfung ließe sich die Krankheit auf lange Sicht besiegen. Deutsche Forscher haben einen neuen Impfstoff entwickelt, den sie an Erwachsenen testen wollen.

„Damals war Tuberkulose ein großes Problem. Viele starben im Krieg daran“, erzählt eine ältere Dame. Heute ist die Krankheit fast vergessen. Ihre Enkel wissen nicht, dass Tbc dasselbe ist wie Schwindsucht und noch dazu eine schwere Lungenerkrankung, beklagt die Frau. Selbst die meisten Ärzte bekommen nur selten Tuberkulose-Patienten zu Gesicht. Hierzulande stecken sich – zum Glück – nur einer von 1.000 Menschen jedes Jahr mit Mycobakterium tuberculosis an.

Und trotzdem macht die Infektionskrankheit den Medizinern neuerdings wieder Sorgen. Weltweit gesehen breitet sie sich nämlich aus, wie die Weltgesundheitsorganisation berichtet. Jedes Jahr erliegen mindestens 1,6 Millionen Menschen den Folgen. Noch dazu häufen sich Erreger, gegen die herkömmliche Antibiotika nichts mehr ausrichten können. Immer mehr dieser Resistenzen beobachten Lungenärzte in den Spezialkliniken. Auch hierzulande.

Im Klinikum Nürnberg Nord liegen derzeit sechs Patienten, bei denen eines oder mehrere Medikamente nicht helfen. „Wir haben gerade einen besonders schweren Fall: eine Patientin mit siebenfacher Resistenz“, berichtet Joachim Ficker, Pneumologe des Klinikums. „Solche Verläufe sind schwierig zu behandeln. Zum Teil müssen wir auf Medikamente zurückgreifen, die nicht zugelassen sind, die teilweise aus der Lepra-Therapie stammen. Natürlich kann das mit Nebenwirkungen verbunden sein.“

Die Patientin in der Nürnberger Klinik stammt aus Osteuropa. Gerade in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion werden häufig Infizierte mit Mehrfachresistenzen gemeldet, weiß der Molekularbiologe Timo Ulrichs. „Die Erkrankung wurde dort lange Zeit nicht richtig behandelt“, bedauert er. So konnten sich hartnäckige Tbc-Bakterien ausbreiten. Ulrichs setzt sich am Koch-Metschnikow-Forum in Berlin dafür ein, den Vormarsch der Schwindsucht in Osteuropa einzudämmen.

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Tbc-Erreger können sich im Körper in sogenannten Tuberkeln abkapseln und darin ausharren, ohne vom Immunsystem erkannt zu werden. In diesem Dämmerzustand können Arzneien den Bakterien nichts anhaben. Deshalb ist die Krankheit bis heute langwierig zu behandeln. Ein Impfstoff könnte jedoch die Welt von der Krankheit befreien, stellt Ulrichs in Aussicht. Deshalb konzentrieren sich die Anstrengungen vieler Forscher auf die Entwicklung eines Serums.

Bislang können Ärzte lediglich auf einen Impfstoff zurückgreifen, der auf einem abgeschwächten Rinder-Tuberkulosebazillus vom Typ BCG beruht. Dieser bietet aber nur ungenügenden Schutz: Er vermag Kinder vor einer schweren Form der Lungenerkrankung zu bewahren. Erwachsenen hilft er jedoch nicht. Die Ansteckung konnte er in keinem Fall verhindern.

Die Impfbazillen können das Immunsystem nicht dazu veranlassen, alle erforderlichen Typen von T-Zellen gegen den Erreger zu bilden. Es fehlen so genannte CD8-positive T-Zellen – CD8 steht für ein Erkennungsmolekül auf der Zelloberfläche. Diese Blutzellen sind nötig, um die versteckten Tuberkulose-Bakterien im Körper zu bekämpfen. Ohne sie lässt sich der Ausbruch der Krankheit nicht zuverlässig abwenden, wie die Forscher heute wissen. „Bei Masern und Mumps braucht man nur Antikörper. Aber bei chronischen Infektionskrankheiten wie Tuberkulose müssen auch verschiedene T-Zellen zur Verfügung stehen. Man braucht eine vollkommen andere Immunantwort“, erläutert Stefan Kaufmann am Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie. Sein Team arbeitet an einem neuen Impfstoff.

Die Berliner Infektionsforscher haben den BCG-Stamm gentechnisch so verändert, dass er vom Immunsystem besser erkannt wird und wehrhafte T-Zellen entstehen. Dazu wurde der Bauplan für ein Eiweiß aus Listerien eingefügt. Listerien sind Krankheitserreger, die sich in den Zellen sehr rasch verbreiten können. Verantwortlich für dieses Vagabundenleben ist das Eiweiß Listeriolysin. Indem Kaufmanns Team den BCG-Impfstoff ebenfalls mit diesem Eiweiß ausgestattet hat, kann dieser sich leichter in den Zellen ausbreiten. Das Immunsystem sollte so im Idealfall sowohl Antikörper als auch die unterschiedlichen T-Zellen gegen den Erreger bilden und damit besser gegen Tbc gewappnet sein.

Aus Versuchen an Mäusen wissen die Forscher bereits, dass das Immunsystem mit diesem modifizierten Impfstoff einen deutlich besseren Schutz aufbaut als mit dem herkömmlichen BCG-Impfstoff. Die Zahl der Tbc-Erreger in den Mäusen war um mehrere Zehnerpotenzen geringer als sonst. Völlig vernichten ließen sie sich jedoch nicht. „Unser Ziel ist, den Ausbruch der Tbc mit unserem neuen Impfstoff zu unterdrücken. Die Infektion selbst zu verhindern, ist illusorisch“, kommentiert Kaufmann.

Derzeit überprüft das Paul-Ehrlich-Institut in Langen, ob der modifizierte Impfstamm für klinische Studien geeignet ist. Falls das Institut keine Einwände hat, könnten in zwei Monaten Tests an gesunden Erwachsenen geplant werden.

Kaufmann ist zuversichtlich, dass sich der Tuberkuloseerreger eines Tages bezwingen lässt. „Tbc ist einfach gesagt ein Erreger, der sich borniert in einen Grabenkampf begibt. Verglichen mit HIV und Malaria ist er leichter zu schnappen.“ Hoffnung macht ihm auch die Tatsache, dass von allen Infizierten nur fünf bis zehn Prozent im Laufe ihres Lebens erkranken. Alle übrigen bemerken das Bakterium nie. Ihre Körperabwehr hält es in Schach. Es gibt also Möglichkeiten, dem Erreger zu trotzen.

ddp/wissenschaft.de – Susanne Donner
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