Dialog der Gehirne - wissenschaft.de
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Umwelt+Natur

Dialog der Gehirne

Bewußtsein entsteht nicht isoliert. Das menschliche Bewußtsein wird erst in der Wechselwirkung mit anderen Ideen entwickelt.

Wenn Strukturen höherer Ordnung, wie zum Beispiel das menschliche Gehirn, nicht nur Signale aufnehmen, sondern über Nerven und Muskeln auch handeln können, dann können sich die Gehirne in Aktionen des sie beherbergenden Organismus – mit Gesten, Taten und Sprache – darüber austauschen, was in ihnen vorgeht. Sie können einem anderen Gehirn mitteilen, welche Wahrnehmungen sie haben, wie sie diese emotional bewerten, und warum sie im Moment gerade so und nicht anders denken. Ich stelle nun folgende These zur Diskussion: Erst durch diesen Dialog zwischen Gehirnen, bei dem jedes dem anderen seine Sicht der Welt vermittelt, erfährt der Organismus, daß er Individualität besitzt, ein mit Absichten ausgestattetes Wesen ist, jemand, der zu subjektiven Empfindungen fähig ist, entscheiden kann, Bewußtsein hat.

Bewußtsein ist nach dieser Vorstellung das Ergebnis der geistigen Reflexion in Bezug zu einem Gegenüber. Das Entstehen von Bewußtsein ist in diesem Sinne nicht mehr gleichsam wie das Auftauchen eines isolierten Gehirns aus dem Meer von Unbewußtem, es ist ein Phänomen, das nur durch die Wechselwirkung mit anderen Gehirnen entstehen kann. Damit aber wird Bewußtsein zu einem Teil des sozialen Miteinanders. Bewußtsein ist dann gar nicht mehr anders zu denken als im Zusammenhang mit anderen Menschen.

Und mehr noch: Weil die am Dialog mit dem werdenden Gehirn teilhabenden Bezugspersonen ihrerseits wieder stark von den Menschen und der Kultur geprägt sind, die ihnen selbst einmal zu Bewußtsein verholfen haben, erhält Bewußtsein zusätzlich eine historische Dimension. Bewußtsein, das „Sichgewahrsein seiner selbst“, wird in dieser Betrachtungsweise zu einem Produkt nicht nur der biologischen, sondern auch der kulturellen Evolution. Daraus folgt, daß unsere Art, uns zu erfahren, uns unseres Selbst bewußt zu sein, kulturspezifische Merkmale aufweisen muß. Unsere Ich-Erfahrung ist deshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit verschieden von der unserer Großeltern und von der Ich-Erfahrung, wie sie Afrikaner oder Eskimos haben.

Prof. Wolf Singer
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Gal|li|um  〈n.; –s; unz.; chem. Zeichen: Ga〉 seltenes Metall, chem. Element, Ordnungszahl 31 [nach der lat. Bezeichnung Gallia ... mehr

mo|no|zy|klisch  auch:  mo|no|zyk|lisch  〈Adj.; Chem.〉 ~e Verbindungen organ.–chem. Verbindungen, deren Atome in nur einem Ring angeordnet sind; ... mehr

Ka|to|de  〈f. 19; El.; Phys.〉 negative Elektrode; oV Kathode; ... mehr

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