Die dunkle Seite der Mückenabwehrmittel - wissenschaft.de
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Umwelt+Natur

Die dunkle Seite der Mückenabwehrmittel

Molch
Ausgewachsener Flecken-Querzahnmolch (Foto: John P. Clare)

Viele Menschen schützen sich im Sommer oder auf Reisen mit Sprays oder Abwehrlotionen vor Mückenstichen. Doch diese sogenannten Repellents haben eine Schattenseite, wie nun eine Studie enthüllt: Die besonders häufig in diesen Mitteln enthaltene Substanz Icaridin wirkt schädlich auf Lurchlarven. Gelangen Reste dieses Repellents über Abwasser in die Gewässer, lösen sie dort bei Amphibien Fehlbildungen aus und tötet rund die Hälfte der Larven. Diese Wirkung tritt bereits bei Konzentrationen auf, die in Abwasser, Seen und Flüssen durchaus häufig vorkommen, wie die Forscher berichten.

Stechmücken und Zecken verursachen nicht nur lästige Bisse und Stiche, sie können dabei auch gefährliche Krankheiten übertragen. Unter anderem deshalb nutzen viele Menschen sogenannte Repellents, um die Blutsauger fernzuhalten. Diese Sprays und Lotionen enthalten Chemikalien, die auf die Mücken und Zecken abschreckend wirken. Am gängigsten sind dabei die beiden Wirkstoffe DEET und Icaridin, die unter anderem in Autan, Anti-Brumm, Saltidin, Bayrepel und anderen Präparaten auf dem Markt enthalten sind. Doch diese Abwehrmittel bleiben nicht auf unserer Haut: Mit dem Duschen, Baden und Waschen gelangen die Substanzen ins Abwasser und damit meist auch in die Gewässer. „Diese Chemikalien sind in Oberflächengewässern inzwischen häufig zu finden“, erklären Rafael Almeida vom Cary Institute for Ecosystem Studies in New York und seine Kollegen. „Icaridin wurde in deutschen Abwassereinleitungen mit Konzentrationen von bis zu 3000 Nanogramm pro Liter nachgewiesen.“

Tödliche Wirkung

Gängigen Tests zufolge sollen diese in die Umwelt freigesetzten Mengen für Fische, Wasserflöhe oder Algen im Wasser nicht schädlich sein. „Die Auswirkungen dieser Insekten-Repellents auf Mückenfresser und insbesondere auf Amphibien sind aber bisher nicht bekannt“, sagen die Forscher. Um diese Lücke zu schließen, haben Almeida und sein Team nun die Wirkung verschiedener umwelttypischer Konzentrationen von DEET und Icaridin sowohl auf Mückenlarven als auch auf Larven des Flecken-Querzahnmolchs (Ambystoma maculatum) getestet. Dieser in Nordamerika vorkommende Schwanzlurch ist ein Verwandter der Salamander und gilt als wichtiger Vertilger von Stechmückenlarven in den Gewässern. Im Experiment wurden die Lurchlarven 25 Tage lang in Wasser mit bis zu 2000 Nanogramm Icaridin pro Liter oder bis zu 9810 Nanogramm DEET pro Liter aufgezogen. Um möglichst realistische Bedingungen zu schaffen, verwendeten die Forscher dabei nicht die reinen Wirkstoffe, sondern entsprechende Verdünnungen der kommerziell erhältlichen Präparate.

Die Versuche ergaben: Weder DEET noch Icaridin zeigten negative Effekte auf die Mückenlarven. Diese entwickelten sich völlig normal und zeigten auch keine erhöhte Sterblichkeit, wie die Forscher berichten. Auch bei den Lurchlarven führte zumindest das DEET zu keinen sichtbaren Beeinträchtigungen. Anders jedoch das Icaridin: Bereits nach vier Tagen in kontaminiertem Wasser begannen die Larven Anzeichen für eine beeinträchtige Entwicklung und Fehlbildungen ihrer Schwänze zu zeigen. Nach 25 Tagen waren 45 bis 65 Prozent der dem Icaridin ausgesetzten Lurchlarven tot. „Das Ausmaß der Sterblichkeit bei diesen Larven war erschreckend“, sagt Almeidas Kollegin Barbara Han. „Diese Ergebnisse demonstrieren, dass Schwanzlurchlarven schwere Missbildungen und eine hohe Mortalität erleiden, wenn sie umweltrelevanten Mengen von Repellents mit dem Wirkstoff Icaridin ausgesetzt sind.“

In gängigen Tests nicht nachweisbar

Gängige Mückenabwehrmittel könnten demnach gleich eine doppelt negative Wirkung entfalten, wie die Forscher erklären: Wenn sie in Gewässer gelangen, töten sie Lurchlarven und könnten so zum weltweit beobachteten Niedergang von Salamandern beitragen. Gleichzeitig aber beseitigen sie damit wichtige natürliche Feinde der Stechmücken. „Schwanzlurche sind effektive Vertilger von Mückenlarven. Wenn sie jedoch durch die Icaridin-bedingte Mortalität weniger werden, könnte dies dazu führen, dass vermehrt adulte Mücken aus den Gewässern schlüpfen“, die Wissenschaftler. Besonders schädlich ist die Kontamination der Gewässer mit Icaridin dann, wenn ihr saisonaler Höhepunkt mit der Brutsaison der Amphibien zusammentrifft: „Wenn die Amphibien während ihrer sensiblen Lebensstadien exponiert werden, könnten ganze Jahrgänge zugrundegehen“, sagt Almeida. „Die Mücken dagegen können sich weiter vermehren.“

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Warum aber wurde diese schädliche Wirkung der gängigen Repellents bisher nicht bemerkt? Die Forscher führen dies auf die typische Vorgehensweise bei solchen Toxizitätstests zurück. Bei den sogenannten LC50-Tests werden Organismen zunehmenden Konzentrationen der Testsubstanz ausgesetzt, um festzustellen, bei welcher Dosis die Hälfte der Tiere stirbt. Das Problem: Normalerweise laufen diese Tests über maximal vier Tage. „Die Mortalität bei unseren Lurchlarven zeigte sich jedoch erst nach dem vierten Tag“, sagt Co-Autor Alexander Reisinger von der University of Florida in Gainesville. „In einem klassischen LC50-Test wäre Icaridin daher als ’sicher‘ eingestuft worden – obwohl dies eindeutig nicht der Fall ist.“ Welche Auswirkungen die Repellent-Wirkstoffe auch auf andere Amphibien und ältere Lurchlarven haben, müsse nun dringend weiter untersucht werden.

Quelle: Rafael Almeida (Cary Institute of Ecosystem Studies, Millbrook, NY) et al., Royal Society Biology Letters, doi: 10.1098/rsbl.2018.0526

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