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Die Fenster der Seele

Ob man ein Gesicht als lebendig oder als tot und künstlich empfindet, hängt vor allem von den Augen ab: Diese geben mehr als andere Merkmale des Gesichts Hinweise darauf, ob man einen Menschen oder eine unbelebte Puppe vor sich hat, haben die Forscherinnen Christine Looser und Thalia Wheatley vom Dartmouth College in Hanover in einer Serie von Experimenten entdeckt. Die Fähigkeit, ein lebendes Wesen schnell zu erkennen, sei vor allem früher wichtig für unser Überleben gewesen, schreiben die Wissenschaftlerinnen. Dass die Augen dabei eine Schlüsselrolle spielen, erscheine ebenfalls sinnvoll – schließlich könne man vor allem an den Augen ablesen, ob das Gegenüber feindliche oder freundliche Absichten habe, schreiben Looser und Wheatley.

Für ihre Untersuchung verwendeten Looser und Wheatley Fotos mit Gesichtern von Menschen und Schaufensterpuppen. Mit Hilfe einer Morphing-Software, mit der man mehrere Bilder zu einem einzigen zusammenschmelzen lassen kann, überblendeten die Forscherinnen jeweils zwei ähnlich aussehende Gesichter, so dass eine Bilderserie mit stärker menschlichen und stärker künstlichen Gesichtern entstand. Die 60 Versuchsteilnehmer sollten nun entscheiden, ob die verschiedenen Fotos jeweils einen Menschen oder eine Puppe darstellten. In einem zweiten Versuchsteil, der zwei Monate später stattfand, beurteilten die Probanden zusätzlich, ob das gezeigte Gesicht Pläne machen könne und einen Verstand habe.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Gesichter ab einem ganz bestimmten Punkt als menschlich eingestuft wurden – nämlich dann, wenn das Gesicht zu zwei Dritteln menschlich und nur zu einem Drittel künstlich war. Ab diesem Punkt wurde den Gesichtern auch die Fähigkeit zum Denken zugeschrieben.

In einem weiteren Teil der Untersuchung sollten 27 neue Probanden beurteilen, wie lebendig eine Reihe von Bildern wirkte, in denen die Augen, die Nase, der Mund oder ein Teil der Gesichtshaut verändert war. Verglichen mit unveränderten Fotos wurden diese Bilder vor allem dann als wenig lebendig eingestuft, wenn den Augen ihr natürliches Aussehen fehlte.

„Menschen sind besonders geschickt darin, Gesichter zu erkennen – und sie sehen überall Gesichter, zum Beispiel in einer Wolke oder sogar in einer Linie mit zwei Punkten“, erläutert Looser. „Und es ist auch sinnvoll, auf Gesichter zu achten – denn diese könnten zum Beispiel einem gefährlichen Tier, etwa einem Grizzlybär gehören.“ Dabei sei es vor allem wichtig, lebende Gesichter schnell zu erkennen – und hierbei spielten offenbar die Augen die Schlüsselrolle.

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„Die Untersuchung zeigt, dass in dem Sprichwort, die Augen seien das Fenster zur Seele, tatsächlich Wahrheit liegt“, kommentiert der Sozialpsychologe Nicholas Epley von der University of Chicago (USA), der nicht an der Studie beteiligt war, gegenüber dem Nachrichtendienst der Fachzeitschrift „Science“. Insbesondere würden die Ergebnisse deutlich machen, dass Menschen an den Augen erkennen, ob ihr Gegenüber denken kann und gute oder böse Absichten hat – oder ob es sich nur um eine tote, harmlose Puppe handelt.

Looser und Wheatley (Dartmouth College in Hanover ) et al.: Psychological Science, doi: 10.1177/0956797610388044 dadp/wissenschaft.de ? Christine Amrhein
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