Die Mär von den Anti-Aging-Antioxidantien - wissenschaft.de
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Die Mär von den Anti-Aging-Antioxidantien

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Lebenswichtig - aber auch lebensverlängernd? (Thinkstock)
Wenn man über Anti-Aging spricht, scheint es eine Art Zauberwort zu geben: Antioxidantien. Diese Stoffe, zu denen beispielsweise viele Vitamine gehören, haben einen unglaublich guten Ruf. Sie können nämlich die bösartigen freien Radikale abfangen, die sich normalerweise mit dem Alter ansammeln und Zellen oder deren Bestandteile zerstören. Daher galt bisher als klar: Mehr Antioxidantien gleich weniger freie Radikale gleich langsamerer Alterungsprozess gleich längeres Leben. Leider scheint die Wirklichkeit nicht ganz so einfach zu sein, zeigt jetzt jedoch eine neue Studie: Zumindest bei Wühlmäusen haben Vitamine nicht den erwarteten Effekt – sie verlängern das Leben nicht, sondern verkürzen es im Gegenteil sogar.

Die These, dass die sogenannten freien Radikale – offiziell eigentlich als reaktive Sauerstoffspezies oder ROS bezeichnet – der Knackpunkt beim Altern sind, hat sich in den letzten Jahren immer weiter durchgesetzt. Sie klingt aber auch zu einleuchtend. Das Grundprinzip: Innerhalb der Zellen entstehen während des Stoffwechsels immer wieder ROS, speziell bei der Umwandlung der Nährstoffe in Energie in den zelleigenen Kraftwerken, den Mitochondrien. Damit kann die Zelle normalerweise gut umgehen: Um sich vor den aggressiven und sehr reaktionsfreudigen Teilchen zu schützen, die Proteine ebenso angreifen wie DNA und Lipide, besitzt sie ein ganzes Arsenal an antioxidativen Werkzeugen. Dazu gehören bestimmte Enzyme, die die ROS unschädlich machen können, aber auch verschiedene antioxidativ wirkende Substanzen wie beispielsweise einige Vitamine.

Im Alter läuft’s nicht mehr rund

Je länger ein Organismus jedoch lebt, desto mehr Sand gerät sozusagen ins Getriebe – desto mehr Fehler macht die Zelle. Das kann beispielsweise dazu führen, dass die Mitochondrien deutlich mehr ROS produzieren als sonst oder aber dass die Schutzmechanismen nicht mehr so effektiv arbeiten wie zuvor. Dadurch entwischen einige der aggressiven Substanzen den Abwehrtruppen und verursachen erste Schäden an den Zellbestandteilen – an wichtigen Eiweißmolekülen, an den Membranen innerhalb der Zelle oder auch direkt an der Erbsubstanz DNA selbst. Im Lauf der Zeit sammeln sich solche Schäden dann an, bis die Zelle, ein bestimmtes Gewebe oder ein Organ nicht mehr voll funktionsfähig ist. Der Alterungsprozess nimmt seinen Lauf.

Als logische Konsequenz daraus galt dann bisher auch: Wenn man die antioxidative Kapazität stärkt, müssten die Schäden eigentlich zurückgehen – und die Lebenserwartung dementsprechend zunehmen. Das schien sich eine Zeitlang auch zu bestätigen. Allerdings tauchen seit einiger Zeit immer mehr Untersuchungen auf, die Zweifel an einem derartig einfachen, geradlinigen Zusammenhang aufwerfen. So haben Mäuse, die von Geburt an viel Vitamin E – ein starkes Antioxidans – bekommen, zwar tatsächlich eine längere Lebenserwartung, aber mitnichten weniger durch ROS verursachte Schäden in ihren Zellen. Umgekehrt verlängert Vitamin C, das ebenfalls stark antioxidativ wirkt, das Leben der Tierchen überhaupt nicht.

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Wühlmäuse auf Vitamin-Kur

Betrachtet man nun die neue Studie, verstärken sich die Zweifel weiter. Die Wissenschaftler um Colin Selman von der University of Aberdeen hatten nicht normale Labormäuse, sondern in freier Wildbahn eingefangene Erdmäuse – aus der Unterfamilie der Wühlmäuse – untersucht. Sie teilten die Tiere ab einem Alter von zwei Monaten in jeweils drei Gruppen ein: eine bekam normales Futter mit den für Labortiere gängigen Vitamin-Zusätzen, bei der zweiten gaben die Forscher eine große Menge Vitamin E zum Futter hinzu und bei der dritten eine große Menge Vitamin C. Die Hälfte aller Wühlmäuse lebte anschließend in einem Raum, in dem die Temperatur kühle sieben Grad betrug. Dieses Klima begünstigt normalerweise die Produktion von reaktiven Sauerstoffspezies, und es wurde von den Wissenschaftlern gewählt, weil sie hofften, etwaige Effekte der Vitamin-Supplementation unter diesen Bedingungen noch deutlicher sehen zu können. Die restlichen Mäuse lebten bei angenehmen 22 Grad.

Überraschenderweise hatten die Vitamine jedoch nicht etwa eine lebensverlängernde Wirkung – im Gegenteil: Während die Gruppe mit dem normalen Futter im kalten Raum eine Durchschnittslebenserwartung von 477 Tagen hatte, schaffte es die Vitamin-E-Gruppe nur auf 424 und die Vitamin-C-Gruppe sogar nur auf 353 Tage. Ähnliche Verhältnisse gab es im warmen Raum, hier lag die Lebenserwartung allerdings insgesamt niedriger.

Ursachen bisher nicht geklärt

So richtig erklären können sich die Forscher diesen Befund nicht. Es habe sich nämlich durchaus ein Schutzeffekt der Vitamine gezeigt: In den Lebern der Tiere gab es beispielsweise deutlich weniger Schäden an Membranen und fetthaltigen Anteilen durch freie Radikale als bei der Normal-Futter-Gruppe. Andererseits fand sich kein wirklich signifikanter Unterschied bei der DNA der drei Gruppen. Sicher könne man daher bisher nur sagen, dass die Annahme „mehr Antioxidantien gleich weniger Schäden gleich längeres Leben“ viel zu kurz greife, resümiert das Team. Es gebe schließlich noch eine ganze Reihe von anderen Regelkreisen, die von den Vitaminen ebenfalls beeinflusst werden und die offenbar eine größere Rolle für die Lebenserwartung spielen als bislang angenommen.

Fraglich bleibt, ob sich die Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen. Denn die Vitamin-Mengen, die den Wühlmäusen verabreicht wurden, lagen um ein Vielfaches über der für den Menschen empfohlenen Dosis. So sollte ein 70-Kilogramm schwerer Durchschnittsmann laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung etwa 14 Milligramm Vitamin E täglich zu sich nehmen, das wären 0,2 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Die Mäuse bekamen jedoch 550 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Beim Vitamin C lag die verabreichte Menge ebenfalls um einen Faktor 1.000 über der empfohlenen Dosis für den Menschen. Was bleibt, ist jedoch die Erkenntnis, dass die Sache mit dem Anti-Aging wohl doch nicht so ganz einfach ist – und dass der Zusammenhang zwischen Antioxidantien und der Gesundheit dringend genauer untersucht werden muss.

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