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Die Mieze und ihr Verhalten

Eigensinnig, anmutig, anschmiegsam – der Mensch ist dem Charme der Katze schon seit Jahrtausenden erlegen. Über acht Millionen Miezen bevölkern heutzutage die deutschen Haushalte, damit ist die Katze das häufigste aller Haustiere, weit vor den etwa fünf Millionen Hunden. Auf Samtpfoten hat sie sich damit einen festen Platz in unserer Gesellschaft erschlichen. Trotz dieser herausragenden Stellung ist die Erforschung der Katze ein Stiefkind der Wissenschaft. Nur wenige Wissenschaftler haben sich bisher an dieses Forschungsobjekt herangewagt, um mehr über die Tier-Mensch-Beziehung zu erfahren oder den Verstand hinter den Katzenaugen genauer zu ergründen.

„Was die Forschung an der Katze problematisch macht, ist gleichzeitig das, was viele so an ihr lieben: die Eigensinnigkeit“, sagt der Verhaltensforscher und Katzenexperte Dennis Turner, Gründer des Instituts für angewandte Ethologie und Tierpsychologie in Hirzel bei Zürich. Hier untersuchen Verhaltensforscher Tier-Mensch-Beziehungen und deren Konsequenzen auf das Wohlbefinden beider Beziehungspartner. Die Wissenschaftler arbeiten mit Katzen verschiedener Institutionen, besuchen aber auch Tiere bei ihren Haltern und dokumentieren das Verhalten beider Partner. Vor Ort müssen sie sich allerdings auf die Launen ihrer Versuchstiere einstellen. „Katzen schlafen ja sehr viel, und im Fall von Freigängern sind sie oft nicht einmal aufzufinden“, so Turner. Daher sind Daten, die wissenschaftlichen Maßstäben genügen, bei der Forschung an Katzen schwer zu bekommen.

Dennis Turner sieht die Katzenforschung dennoch im Aufwind, denn die Aufmerksamkeit für Faktoren, die das Wohlbefinden des Menschen steigern, wächst.
Die jahrelangen Bemühungen von Turner und seinen Kollegen konnten die Bedeutung der Katze in dieser Hinsicht weiter unterstreichen: Die enge Partnerschaft mit dem Tier steigert nachweislich die Lebensqualität, vor allem bei alleinstehenden Menschen. Diese therapeutische Wirkung von Katzen findet bereits seit einigen Jahren Umsetzung in psychiatrischen Einrichtungen und Seniorenheimen. „Die Stärke der Katzen liegt in ihrer Flexibilität, uns Menschen das zu geben, was wir suchen, ohne dass sie uns bedrängen“, sagt Turner. Die Untersuchungen der Forscher um Turner beschäftigen sich gezielt mit diesem Interaktionsverhalten.

Auch an der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle im österreichischen Grünau und an der Universität Wien steht die Katze im Blickpunkt der Verhaltensforscher. Eine aktuelle Studie blickt gezielt auf die Persönlichkeit des Katzenhalters und das daraus resultierende Verhalten der Katze: „Je emotional instabiler der Mensch, desto mehr beansprucht er die Katze als Unterstützer“, sagt der Leiter Grünauer Forschungsstelle, Kurt Kotrschal. Diese Abhängigkeit weiß die Katze wiederum raffiniert für sich zu nutzen: „Die Katzen labiler Menschen waren bei den Untersuchungen die wählerischsten, was das Futter angeht“, so Kotrschal. Durch theatralisches Verhalten und jammervolles Miauen versuchen sie ihre Bezugsperson dazu zu bewegen, ihnen etwas Besseres zu geben. „Katzen machen soziale Spielchen, um den Menschen zu kontrollieren, damit er ihnen quasi gehorcht“. Viele Katzenbesitzer können kuriose Geschichte erzählen, die zeigen, wieviel Verstand in diesen Tieren steckt. Sie machen sich nicht nur ihren Menschen durch gezieltes Manipulationsverhalten gefügig, sie begreifen viele Zusammenhänge in ihrer Umwelt und können ihre Erfahrungen gezielt für ihre Zwecke nutzen.

Intelligenzleistungen dieser Art sind das Forschungsgebiet des Freiburger Verhaltensforschers Immanuel Birmelin, der schon seit vielen Jahren Kognitionsforschung an Katzen betreibt. „Für manche Katzen ist eine Tür kein unüberwindbares Hindernis: Sie haben die Funktion der Klinke erkannt und springen gezielt auf den Punkt, der die Tür aufschnappen lässt“, berichtet Birmelin. Ähnliches Problemlösungsverhalten untersuchen der Forscher und seine Kollegen durch Versuche, bei denen Katzen beispielsweise bewegliche Elemente ziehen oder schieben müssen, um an Futter heranzukommen. Wie Katzen mit solchen mechanischen Zusammenhängen umgehen – das wollen die Wissenschaftler genauer untersuchen.

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„Katzen können sogar zählen“, ergänzt Birmelin. Sie sind in der Lage, Futterschalen, die mit Punkten von eins bis vier gekennzeichnet sind, Tönen zuzuordnen. Erklingt beispielsweise eine Glocke zweimal, geht die Katze zur Schale mit den zwei Punkten, hört sie dagegen vier Schläge, ist ihr Ziel die Futterstation mit den vier Punkten. „Eine kognitive Leistung, die Katzen Hunden voraus haben“, sagt Birmelin, der sich ebenfalls mit den Intelligenzleistungen von Hunden beschäftigt. Die Stärke der Hunde liegt im Dialog mit uns Menschen und der Begabung zur Zusammenarbeit. Katzen punkten dafür mit ihrer räumlichen Orientierung.

„Die Erfolgskarriere der Katze ist im Vergleich zum Hund etwas höchst Erstaunliches“, betont Dennis Turner. Hunde sind soziale Rudeltiere – ihr natürliches Verhalten übertragen sie einfach auf uns Menschen. Die Vorfahren der Hauskatze waren dagegen einzelgängerische Eigenbrötler. Mit ihrer enormen Anpassungsfähigkeit haben sie ihr Sozialverhalten an uns Menschen angepasst – eine faszinierende Fähigkeit, die sich weiter zu erforschen lohnt, ist Turner überzeugt.

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